Weisheit des Körpers
Ulrike Gonder
Die Welt scheint
geteilt: in Anhänger alternativer Kostformen und Otto-Normal-Esser, in
Menschen, die zum Heilpraktiker gehen und solche, die dem herkömmlichen
Doktor mehr vertrauen. Wer hat recht? Die klassische Medizin oder die so
genannte Komplementärmedizin? Wer wird schneller gesund, der homöopathisch
oder der konservativ behandelte Patient? Die Antwort fällt salomonisch aus:
Nach Ansicht des britischen Gesundheits-Psychologen Michael E. Hyland
brauchen wir beides. "Die Annahmen der konventionellen Medizin und der
komplementären Therapien sind beide korrekt," schreibt der Professor der
Universität Plymouth im Wissenschaftsmagazin New Scientist.
"Alles Unsinn," vermelden die Skeptiker, während die Anhänger alternativer
Therapien auf die erreichten Erfolge verweisen. Professor Hyland ging nicht
den üblichen, polarisierenden Weg, sondern fragte sich, wie die
widersprüchlichen Sichtweisen zu überbrücken wären. Indem er die
Unterschiede beider Denkweisen systematisch untersuchte, fand er
Verbindendes. Damit schuf er die Basis dafür, künftig die Stärken beider
Systeme nutzen zu können.
Maschine oder System?
Die klassische Medizin betrachtet den Körper als eine Art Maschine, ähnlich wie einen Computer oder einen Jumbo Jet. Krankheit entspricht demnach einem defekten Teil, das repariert, beseitigt oder ersetzt werden muss. Alternative Sichtweisen gehen dagegen davon aus, dass der gesunde Körper ein ausbalanciertes System darstellt, dass Krankheiten durch Störungen dieser Balance entstehen und den Organismus als Ganzen erfassen. Diese Philosophie galt bislang als unwissenschaftlich. Allerdings ist offensichtlich, dass der Körper keine Maschine ist, sondern – wie alle biologischen Systeme – aus einer Vielzahl von miteinander koordinierten Netzwerken besteht. Wie sonst wäre (Über-)Leben möglich, die Anpassung an eine sich ständig ändernde Umwelt?
Maschine und System!
Die moderne Physik zeigt uns, dass diese
Sichtweise ganz und gar nicht unwissenschaftlich sein muss. Ihre aktuellen
Theorien zur Komplexität lehren, dass die Funktion von Netzwerken sich nicht
allein durch das Studium ihrer Einzelteile erklären lässt, sondern aus dem
Gesamtsystem erwächst. Der altbekannte Satz, wonach das Ganze mehr ist als
die Summe der Teile, drängt sich unwillkürlich auf. Natürlich lässt sich der
Körper in Teile zerlegen, die heute bereits sehr erfolgreich ersetzt und
repariert werden können. Doch wir dürfen die andere Sicht der Dinge nicht
aus den Augen verlieren, zumal die Genetiker bereits an der Manipulation
unserer "Baupläne" arbeiten. Wir sollten, bevor Menschen geklont und mit
Hilfe von Gen-Therapien behandelt werden, den Körper nicht nur als Maschine,
sondern auch als komplexes System verstanden haben. Sonst sind böse
Überraschungen vorprogrammiert.
Unser Gehirn ist ein Paradebeispiel für ein hochkompliziertes Netzwerk, denn
es ist in der Lage, ständig viele Dinge gleichzeitig zu verrichten.
Ähnliches gilt für unseren Hormonhaushalt und das Immunsystem. So weit, so
gut. Doch für Professor Hyland ist damit nicht Schluss. Er bezeichnet den
ganzen Körper als "erweitertes Netzwerk", das sowohl sich selbst reguliert –
beispielsweise die Körpertemperatur und den Blutzuckerspiegel – als auch
seine Umwelt durch sein Verhalten beeinflusst und gestaltet.
Zweierlei Krankheiten ...
Wenn wir beide Sichtweisen der
Körperfunktionen – als Maschine und als System – zulassen, sind auch zwei
Arten der Krankheitsentstehung denkbar: Die spezifische Pathologie der
klassischen Medizin einerseits, die sich auf klare Symptome und messbare
"Fehlfunktionen" beruft. Auf der anderen Seite gibt es eine ganze Reihe von
unspezifischen Symptomen und objektiv nicht "fassbaren" Krankheiten. Was
spricht dagegen, sie als systemische Pathologien, als Störungen des
komplexen Netzwerks, zu verstehen? Sie äußern sich nicht durch ein defektes
Teil, wie etwa ein gebrochenes Bein, sondern durch einen Fehler in der
Beziehung der Teile untereinander.
Um das Entstehen von Krankheit aus systemischer Sicht begreifen zu können,
ist neben der Selbstregulation auch eine Lernfähigkeit des Organismus
vonnöten. Professor Hyland nimmt an, dass der Organismus nur durch
Lernfähigkeit immer komplexer werden und sich zu einem "intelligenten
Körper" entwickeln konnte, der auf Störungen mit einer angemessenen
Anpassung reagiert. So kann das System auch unter unvorhersehbaren
Änderungen der Umweltbedingungen stabil gehalten werden. Krankheit entsteht
erst dann, wenn die Selbstregulation aufgrund "falsch eingestellter
Parameter" zu einem schlimmeren Zustand führt als vorher. Genau hier
befindet sich eine Schnittstelle zwischen der konventionellen und der
komplementären Medizin: Die fehlerhafte Regulation kann zu spezifischen
Symptomen führen, während umgekehrt spezifische Symptome die Störung des
Netzwerks verstärken kann.
Asthma ist ein gutes Beispiel für das Dilemma: Die Entzündung der Atemwege
und die Übererregbarkeit des Immun-Systems stellen eine spezifische
Symptomatik dar. Doch warum das Immun-System überreagiert, wissen wir nicht.
Zwar sind einzelne Mosaiksteine des Geschehens bekannt, wie zum Beispiel
bestimmte Gene, übertriebene Hygiene oder Umweltgifte. Doch wie das alles
miteinander zu einer Fehlreaktion des Gesamt-Systems führt, ist nach wie vor
rätselhaft. Wie bei vielen anderen chronischen Krankheiten kann die
klassische Medizin meist nur die Symptome unterdrücken. Dagegen erreichen
komplementäre Verfahren manchmal langfristige und tiefergreifende
Verbesserungen. Vielleicht liegt es daran, dass sie auf der "Netzwerk-Ebene"
eingreifen: Sie stören das System Körper erneut und geben ihm so die
Möglichkeit, die fehlerhafte Regulation zu korrigieren, wieder heil(er) zu
werden. Sollte sich die Hypothese vom intelligenten Körper als richtig
erweisen, bietet der individuelle Lebensstil – und damit unter anderem auch
die Ernährung – einen außerordentlich wichtigen Faktor der
Komplementärmedizin.
Vom naturwissenschaftlichen Standpunkt ist das Modell des "intelligenten
Körpers" im Moment nichts weiter als eine Hypothese. Professor Hyland
wünscht sich daher mehr Forschung auf diesem Gebiet, insbesondere was das
Zusammenspiel der verschiedenen Einflussfaktoren (z.B. Ernährung, Bewegung,
Licht, Psyche) auf den Körper und seine Funktionen angeht. Denn wenn es die
Mediziner den Physikern gleichtun und zur Testung ihrer Hypothesen neue
Gedankenmodelle zulassen, dann kann die komplementäre Medizin auch zum
Gegenstand "richtiger" Forschung werden.
... erfordern zweierlei Therapien
Anstatt die Gräben zwischen beiden
Medizinformen zu vertiefen, plädiert Hyland einstweilen dafür, zwischen
"handfesten" Therapien für spezifische Symptomatiken und "sanften" Therapien
für systemische Störungen zu unterscheiden. Beides sei richtig und wichtig
und sollte gezielt eingesetzt werden: Die "handfesten" Maßnahmen für
"zerbrochene Teile", die "sanften" Methoden, um dem intelligenten Körper zu
helfen, wieder eine gesunde Balance zu finden.
Natürlich gibt es Überschneidungen: Manche Methoden der klassischen Medizin
funktionieren, ohne dass man wüsste, warum. Andererseits werden in der
komplementären Medizin Heilpflanzen eingesetzt, die ganz spezifische Effekte
haben. Dennoch liegen die Unterschiede klar zutage. Daher wird die
konventionelle Medizin nach Hylands Überzeugung niemals alle unsere Leiden
heilen können.
Viele der oben erwähnten Gedanken Hylands lassen sich problemlos auf die
Ernährungswissenschaft übertragen, denn auch hier toben die "Grabenkämpfe".
Wäre es ein rein akademischer Streit, könnte man es dabei belassen. Doch der
Streit ist öffentlich, mit der Folge, dass die Menschen durch
widersprüchliche Lehren zunehmend verunsichert sind. Statt die Gräben zu
vertiefen, könnten wir – Hylands Modell folgend – versuchen, die
Unterschiede zu verstehen, um in der Zusammenschau die Stärken der
jeweiligen Schule zu nutzen.
Wie kommen wir dahin?
Als erstes sollten wir uns klarmachen, dass
das bislang vorherrschende Nährstoffdenken niemals ausreichen wird, um die
Ernährung umfassend zu verstehen. Um Menschen angemessen beraten zu können,
müssen wir das komplexe System Ernährung in seiner Gesamtheit verstehen. Wir
müssen erkennen, was es in gesunder Balance hält, wie es auf Störungen von
außen und innen reagiert und wie Imbalancen sinnvoll ausgeglichen werden
können. Wir dürfen nicht mehr nur nach dem Wert und den Wirkungen einzelner
Nähr-Substanzen fragen und Nahrungsmittel nicht nur nach ihren
Inhaltsstoffen bewerten. Wir müssen die komplexen (lebendigen) Systeme
"Lebensmittel" und "Mensch" verstehen. Wir müssen lernen, nach der Weisheit
des Körpers zu suchen, denn auch bei der Ernährung dürfen wir getrost davon
ausgehen, dass es sie gibt – und dass sie womöglich mehr zur Gesunderhaltung
des Einzelnen beiträgt als alle populären Ernährungsratgeber zusammen.
Quelle: Hyland, ME: The intelligent body. New Scientist vom
26.5.2001/S.32-33






