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Pfefferkorn

Täglich Fleisch?

Dr. Nicolai Worm

Täglich Fleisch ? diese beiden Worte sind angesichts der üblichen Empfehlungen zur gesunden Ernährung eine unerhörte Provokation! Sie kommen allerdings nicht aus dem hohlen Bauch, denn zahlreiche aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass Fleisch jenes Nahrungsmittel ist, das die Entwicklung des Menschen in den letzten zwei Millionen Jahren entscheidend geprägt hat. Entsprechend gut sind wir an den Konsum adaptiert.

Bis in die 80er Jahre hinein hieß es, Fleisch sei ein Stück Lebenskraft. Doch dann wurde es auf einmal zum Risiko-Lebensmittel. Statistiken, die auswiesen, dass es in Ländern mit hohem Fleischkonsum zu weit mehr Zivilisationserkrankungen kommt als in Gegenden mit geringem Fleischverbrauch, erfuhren eine große Beachtung. Dabei wurde übersehen, dass ein hoher Fleischkonsum bis heute geradezu ein Kennzeichen für Wohlstand ist. Und hat sich nicht mit steigendem Wohlstand auch der Lebensstil in den entsprechenden Ländern deutlich verändert? Leben wir heute "trotz" des hohen Fleischkonsums nicht länger als unsere Großeltern, die nur einmal Fleisch pro Woche auf dem Teller hatten? Und ist nicht erst unsere heutige hohe Lebenserwartung dafür verantwortlich, dass die diversen Zivilisationskrankheiten überhaupt in Erscheinung treten? Wer mit 50 Jahren an einer Infektionskrankheit stirbt, kann keinen Herzinfarkt mehr bekommen. Essen wir nun also zu viel Fleisch? Liegt das Gute wirklich im Müsli und das Böse im Schwein?

Artgerechte Ernährung fördert die Gesundheit

Neue wissenschaftliche Untersuchungen geben der früheren Ansicht Recht. Der Verzehr von Fleisch birgt per se kein Gesundheitsrisiko, wohl aber unser fragwürdiger "luxuriöser" Lebensstil, der in industrialisierten Gesellschaften mit hohem Fleischkonsum einhergeht. Fleisch an sich macht weder dick noch krank. Im Gegenteil, der Appetit auf Fleisch ist biologisch sinnvoll, denn mageres Fleisch ist kalorienarm, liefert aber gleichzeitig hochwertigstes Eiweiß, dazu lebenswichtige Vitamine, reichlich Eisen, Zink und andere Mineralien und überwiegend wertvolle einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Das Einbeziehen von Fleisch in eine abwechslungsreiche Kost mit reichlich Obst und Gemüse ist die natürliche Ernährungsform des Menschen und stellt eine optimale Nährstoffversorgung sicher. Gerade in unserer bewegungsarmen Zeit sind solche nährstoffdichten, kalorienarmen Nahrungsmittel besonders empfehlenswert. Zudem mehren sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass uns ganz andere Nahrungsmittel gesundheitliche Probleme bereiten können, nämlich die, an die der Mensch sich während der Evolution genetisch nicht anpassen konnte, weil sie erst seit kurzem in den Speiseplan einbezogen werden, wie etwa das Getreide.

"Täglich Fleisch" lautet deswegen der Titel meiner jüngsten Veröffentlichung. Eine Publikation zur Unzeit? Ich denke nicht. Waren die Verbraucher durch entsprechende "Skandalgeschichten" in den Medien schon verunsichert, so hat sich dies im Zuge der BSE-Krise noch verschärft. Wie steht es jetzt mit der Qualität des vermeintlichen Risiko-Lebensmittels? Kann man Fleisch wieder bedenkenlos vertrauen und genießen? Wie steht es mit Rückständen im Fleisch, mit Hormonen, Antibiotika, Salmonellen und BSE? Mein Fazit mag verblüffen, lässt sich aber mit Fakten belegen: Fleisch ist heute sicherer denn je!

"Täglich Fleisch" ist aber keineswegs ein Plädoyer für Massenproduktion und zügellosen Mehrkonsum von Fleisch. Im Gegenteil: Ich plädiere für eine artgerechte Tierhaltung und will die Verbraucher ermuntern, ihre Prioritäten zu überdenken und entsprechend mehr Geld für hohe Nahrungsqualität und damit nicht zuletzt auch für hohe Nahrungssicherheit einzusetzen.

In einer artgerechten Ernährung des Menschen spielen Fleisch, Geflügel und Fisch eine gewichtige Rolle und gehören in schöner Abwechslung täglich auf den Speiseplan. Das und nicht "Körnerkost" ist in der Tat artgerecht, denn unsere Gene wurden in Millionen Jahren des Jagens und Sammelns darauf ausgerichtet. Unsere archaischen Vorfahren haben immer die tierische Kost am heißesten begehrt und sie, so weit wie es Hunger und Appetit verlangten, mit mehr oder weniger pflanzlicher Kost, vor allem mit Beeren, Früchten, Pilzen, Blättern und Wurzeln, ergänzt. Die besten Belege für diese natürliche Ernährungsweise liefern die "Naturvölker", Jäger und Sammler der Neuzeit, die bis in die jüngste Zeit unter den gleichen steinzeitlichen Bedingungen wie unsere Vorfahren gelebt haben oder immer noch leben.

Für die Umsetzung der artgerechten "Steinzeit-Diät" eignet sich beispielsweise eine modifizierte Mittelmeer-Kost, in der nicht Pizza, Pasta und Polenta die Basis bilden, sondern viel Obst, Salat und Gemüse, zubereitet mit reichlich gesundem Öl. Dazu gibt es immer Fisch oder mageres Fleisch oder Geflügel, und auch die Innereien hat man dort noch nicht vergessen. Die Küche unserer Nachbarn ist, sofern man die stärkereichen Sättigungsbeilagen deutlich reduziert, eine vorbildliche, artgerechte und dennoch schmackhafte Kost für den modernen Menschen im Computerzeitalter, die das Risiko für Stoffwechselstörungen und Übergewicht minimiert und damit unseren Zivilisationskrankheiten vorbeugt.