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Pfefferkorn

Soja: Vom Regen in die Traufe oder sinnvolle Alternative?

von Oliver Rautenberg

Jährlich wurden bisher in der EU 2,5 Mio. t Tiermehl verfüttert. Als Reaktion auf die jüngste BSE-Krise verbietet die EU die Verfütterung ab dem 1. Januar 2001 für vorerst 6 Monate. Als alternatives Futtermittel kommt vor allem Soja in Frage. Doch ein Drittel der Sojawelternte ist "gentechnisch verändert".

Tiermehl ist schon lange ein umstrittenes Futtermittel, und nicht erst seit in Deutschland die erste BSE-Kuh entdeckt wurde. Heute wird Tiermehl in der EU vor allem an Schweine und Geflügel verfüttert. Es ist in der Landwirtschaft so beliebt, weil es relativ preiswert und eine qualitativ hochwertige Eiweißquelle ist. Es wird vor allem aus Tierkadavern produziert, die ohnehin anfallen und ansonsten ohne Nutzen und mit erheblichen zusätzlichen Kosten entsorgt werden müssten.

Als Reaktion auf die jüngste BSE-Krise in Frankreich und Deutschland, hat die EU-Kommission die Verfütterung von Tiermehl ab dem 1. Januar 2001 für vorerst 6 Monate verboten. Diese Entscheidung, die auch ein Handels- und somit Exportverbot beinhaltet, geht einigen EU-Staaten - so auch Deutschland - nicht weit genug. Hinter diesen Forderungen steht aber leider nicht ausschließlich die Einsicht der Politik, Tiermehl als bisher am wahrscheinlichsten erscheinenden BSE-Überträger aus der Welt zu schaffen. Es geht auch darum, eine Lebensmittelskandal-gestresste Öffentlichkeit zu beruhigen. Wirtschaftliche Interessen rücken erst in den Hintergrund, wenn der Druck der Öffentlichkeit auf die Regierung unerträglich wird.

Masttiere werden meist mit kompliziert zusammengesetztem Mischfutter gefüttert. Hauptsächlich enthält es Weizen, Gerste oder Mais als Kohlenhydratquellen sowie Soja- und Rapsschrot für die Eiweißversorgung. Der Tiermehlanteil am Mischfutter beträgt im Schnitt weniger als drei Prozent. Das ergibt eine Gesamtmenge von rund 2,5 Mio. t Tiermehl, die jährlich in der EU verfüttert werden und nun kurzfristig ersetzt werden müssen. Wird das Verbot weiter ausgedehnt, und damit ist zu rechnen, muss auch langfristig eine Alternative für die jährlichen 2,5 Mio. t hochwertige Eiweißnahrung gefunden werden. Diskutiert werden folgende Möglichkeiten: 

Vermehrter Anbau heimischer Eiweißfutterpflanzen

In Europa kommen hier vor allem Erbsen und Bohnen in Frage. Die Proteinqualität ist jedoch geringer als die von Tiermehl und müsste daher durch die Beimischung biochemisch produzierter Aminosäuren "aufgepeppt" werden. Die zusätzlich notwendige Anbaufläche für Deutschland würde rund 2 Mio. Hektar betragen, das Zwölffache der heutigen Anbaufläche von 165.000 Hektar. Damit wäre ca. ein Sechstel der deutschen Ackerfläche mit Futtererbsen bedeckt. Zwar liegen rund 650.000 Hektar Ackerfläche in Deutschland im Rahmen EU-getragener Agrarsubventionen als so genannte Ausgleichsflächen brach, doch ist nach derzeit geltendem EU-Recht der Anbau von Futtermitteln dort nicht gestattet. Eine kurzfristige Ausdehnung des Futtererbsenanbaus ist zudem aufgrund eines mangelnden Angebots an Saatgut schlicht nicht möglich. Importiert werden könnten allenfalls geringe Mengen kanadischer Futtererbsen (derzeit rund 1 Mio. t). Futtererbsen können Teil einer mittel- bis langfristigen Alternative sein, können aber weder lang- und keinesfalls kurzfristig Tiermehl vollständig ersetzen. 

Vermehrte Fütterung bereits verwendeter Futtermittel: Raps und Soja

Im notwendigen Millionenmaßstab gemessen, kommen hier aufgrund der weltweiten Verfügbarkeit am ehesten Soja und eventuell Raps in Frage. Der Proteingehalt von Sojaschrot liegt mit 44-48% nur geringfügig niedriger als der von Tiermehl (50-55%). Der von Rapsschrot liegt sowohl qualitativ als auch quantitativ etwas niedriger. Problematisch ist auch der geringe Schrotanteil von Raps im Vergleich zu dem von Soja (60% zu 80%).

Die weltweite Rapsernte liegt bei rund 30 Mio. t. Jedoch ist Raps keine typische Exportpflanze. Große Produzenten wie China und Indien exportieren nur vernachlässigbare Mengen, und der in Europa geerntete Raps gelangt bereits größtenteils in das Tierfutter. Kanadischer Raps ist zu rund 70% gentechnisch verändert, weshalb bereits seit Jahren kein Raps mehr aus Kanada importiert wird. Um die 2,5 Mio. t Tiermehl in der EU jährlich zu ersetzen, wären zusätzlich EU-weit rund 6 Mio. t Raps bzw. 3,5 Mio t. Rapsschrot nötig. Importiert werden könnten kurzfristig allenfalls rund 0,5 Mio. t Raps aus Australien. Der Raps müsste jedoch noch in den Ölmühlen der EU zu Rapsschrot weiterverarbeitet werden. Das anfallende Rapsöl (40% Gewichtsanteil) würde den ohnehin vorhandenen Überschuss weiter wachsen lassen, weshalb die Ölmühlen an der Rapsverarbeitung kein großes wirtschaftliches Interesse haben. Rapsschrot kann ebenfalls nur Teil einer langfristigen Alternative sein, Tiermehl aber kurz- und mittelfristig nicht ersetzen.

Als kurzfristige Alternative bleibt einzig Soja. Soja hat eine dem Tiermehl nahezu vergleichbare Eiweißqualität und ist zudem auf dem Weltmarkt aufgrund einer starken US-amerikanischen Überproduktion leicht zu haben. In Europa lohnt sich der Sojaanbau aufgrund vorherrschender Klimabedingungen nicht oder kaum. In Brasilien und Argentinien - nach den USA die weltweit größten Sojaproduzenten - sind die Lager im Herbst immer weitgehend ausverkauft, da dort im europäischen Frühjahr geerntet wird. Hingegen sind in den USA die Silos gefüllt, und so führte die Entscheidung der EU-Kommission, die Verfütterung von Tiermehl ab dem 1. Januar 2001 für vorerst 6 Monate zu verbieten, zu einem Preisanstieg an den US-amerikanischen Sojamärkten. Die EU orderte spontan 500.000 t Soja, um kurzfristig die Fütterung von Schweinen und Hühnern zu sichern.

Größeres Aufsehen versuchte die EU bei diesem Kauf allerdings zu vermeiden, denn Soja hat in der europäischen Öffentlichkeit ein schlechtes Image. Aufgebaut wurde dieses vor allem von den internationalen Umweltschutzverbänden, die US-amerikanisches Soja als "Gentechnik-verseucht" brandmarkten. Die Skepsis der Verbraucher gegenüber der "Grünen Gentechnik" ist derart substantiell, dass der Gedanke, auch Schlachtvieh frisst Sojaschrot aus gentechnisch veränderten Bohnen und landet dann als Steak oder Wurst in den Kühlschränken, auf vehemente Ablehnung stößt. In der Folge verschwimmen die von BSE tatsächlich und die von transgenen Sojabohnen vermeintlich ausgehende Gefahren zu gleichwertigen. Die Proteste von Greenpeace, wie beispielsweise jener vor der Nestle Deutschlandzentrale in Frankfurt Mitte letzter Woche, tragen zu dieser krassen Maßstabsverschiebung in der Öffentlichkeit bei. Der prominente Gegenwartskritiker Jeremy Rifkin geht gar soweit, dass er einen möglichen Tiermehlersatz durch Sojaschrot als "die Vertreibung des Teufels mit dem Beelzebub" bezeichnet. Als Weltkritiker kommt man natürlich nicht in Bedrängnis, brauchbare Alternativen zu einer Tiermehlverfütterung oder gar wissenschaftliche Belege für eine potentielle Gefahr von transgenen Sojabohnen zu liefern. 

Daten zu Soja

Die EU importiert jährlich vor allem von den großen Weltmarktproduzenten USA, Brasilien und Argentinien rund 14 Mio. t Soja, aus denen rund 3 Millionen t Sojaöl in den europäischen Ölmühlen heraus gepresst werden. Das verbleibende Schrot (rund 11 Mio. t) wird verfüttert. Weitere 14 Mio. t Sojaschrot werden direkt als Futtermittel importiert. Insgesamt kostet die EU der jährliche Sojaimport rund 1,1 Milliarden $. Wollte man nun zusätzlich Tiermehl durch Sojaschrot ersetzen, wären weitere 3 Mio. t Sojaschrot notwendig. Das entspräche einem Importzuwachs von 11,5 %. Der Sojaüberschuss in USA betrug im vergangen Jahr rund 8 Mio. t und dürfte auch in diesem Jahr ähnlich hoch sein. Kurzfristig könnte Tiermehl also leicht durch US-Sojaimporte ersetzt werden.

Die Sojawelternte beträgt rund 150 Mio. t. Ein Drittel dieser Ernte besteht aus gentechnisch veränderten Bohnen. In den USA liegt der Anteil bei 54 %, in Argentinien bei 80-90% und in Brasilien trotz des offiziellen Anbauverbots aufgrund von Saatgutschmuggel besonders in den südlichen, an Argentinien und Paraguay angrenzenden Regionen, bei geschätzten 15-25%. Da die Silos in Argentinien und Brasilien ausverkauft sind, bleibt kurzfristig nur der Import US-amerikanischen Sojas. In den USA werden jedoch die Ernten von konventionellem und transgenem Soja praktisch nicht getrennt, weshalb es schlicht unmöglich ist, "Gentechnik-freies" Soja zu importieren. Die deutschen Raiffeisengenossenschaften gehen konsequenterweise davon aus, dass das in der EU im Handel befindliche Sojaschrot wechselnde "gentechnisch veränderte Anteile" enthält. Vor diesem Hintergrund - so in einer Erklärung des Deutschen Raiffeisenverbandes - beeinträchtigen Zusagen über das Nichtvorhandensein von "Gensoja" die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche. 

"Segregation" und "Identity preservation"

Die Verunsicherung europäischer Verbraucher in Bezug auf gentechnisch veränderte Nahrungsmittel und der damit verbundene zunehmende Bedarf an "Gentechnik-freien" Sojabohnen, führte auch zu einer Furcht amerikanischer Soja-Farmer um ihre europäischen Absatzmärkte. Die Aussicht mit "Gentechnik-freien" Sojabohnen einen wachsenden Nischenmarkt bedienen zu können, führte zur Entwicklung von Märkten mit logistischer Trennung bzw. kontrollierten Anbau, die eine Gentechnik-Freiheit zukünftig ermöglichen sollen (Segregation und Identity Preservation).

Unter Segregation versteht man den Aufbau getrennter Warenströme von der Ernte über Lagerung und Transport, bis zum Großhandel für gentechnisch verändertes und konventionelles Soja, die durch regelmäßige Kontrollen überprüft werden. Es kann dabei eine Reinheit von rund 99% gesichert werden.

Das Erzeugerprinzip "Identity Preservation" garantiert, daß jede Sojacharge zu ihrem heimischen Feld und Landwirt zurückverfolgt werden kann. Die aus diesen Verfahren gewonnene "Premium-Qualität" führt zu Preisaufschlägen zwischen 6 und 17%. In den USA wurden 1999 100.000 t "Gentechnik-freies Soja" als so genannte Premium-Qualität erzeugt. Das entspricht einem Anteil an der Gesamternte von rund 0,13 %. Es wäre daher abwegig zu glauben, die heute jährlich in der EU benötigten 28 Mio. t Soja könnten in größeren Umfang frei von Gentechnik sein. 

Wissenschaftliche und juristische Situation

Soja- und Sojaschrot aus herbizidresistenten Sojabohnen ist in der EU zum Import zugelassen. Schrot aus gentechnisch veränderten Bohnen ist substantiell gleichwertig zu dem Schrot konventioneller Bohnen und muss nach europäischem Recht nicht gekennzeichnet werden, da eine Novel-Feed-Verordnung bisher nicht existiert.

Vergleicht man die ernährungsphysiologischen Eigenschaften, ergeben sich keine messbaren Unterschiede. Der Anteil an Fremdprotein liegt bei 0,2% und hat kein Einfluss auf die ernährungsphysiologischen Eigenschaften. Fütterungsstudien an Rindern, Schweinen und Geflügel belegen dies. Orientiert man sich an den Wünschen der Verbraucher, so sollte Fleisch von diesen Nutztieren entsprechend gekennzeichnet werden. Wissenschaftlich betrachtet macht das zwar keinen Sinn, aber um der oft postulierten Entscheidungsfreiheit des Verbrauchers gerecht zu werden, wäre eine Kennzeichnungspflicht notwendig. Allerdings kann man davon ausgehen, dass jede Kuh gewiss mal eine transgene Sojabohne gefressen hat. Falls mit der derzeit diskutierten Novel-Feed-Verordnung eine Kennzeichnung festgeschrieben werden sollte, wird es spannend.

Es ist anzunehmen, dass dann selbst die großen Konzerne, die mit riesigen Aufwand Kontrollen vom Acker bis auf den Teller eingeführt haben, um keinesfalls ihre großen Marken kennzeichnen zu müssen, dann vor dem gleichen Problem stehen, wie heute schon der ganze Mittelstand in der Lebensmittelindustrie. Denn Gentechnikfreiheit gibt der Markt von heute einfach nicht her. Vielleicht kommt man so endlich zu einer für alle praktikablen und auch dem Verbraucherwunsch entsprechende Lösung: Es wird durchgängig gekennzeichnet. Heute sicher ein Horrorszenario für die angeschlagene Fleischbranche. Es ist aber wohl an der Zeit, etwas längerfristig zu planen. Und Verbrauchervertrauen gibt es nur zurück mit absoluter Offenheit und Transparenz.

Es gibt unterschiedliche mittel- und langfristige Strategien, Tiermehl sinnvoll zu ersetzen. Heimischer Anbau von Futterpflanzen und der zusätzliche Import von Eiweißpflanzen gehören gewiss dazu. Kurzfristig gesehen ist es die naheliegendste Lösung, zusätzlich Soja zu importieren, das in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Soja ist jedoch "out" und in einigen Medien wird die potentielle Gefahr einer tödlich verlaufenden Krankheit - der sehr wahrscheinlich mit BSE in Zusammenhang stehenden neuen Form der Creutzfeld-Jakob-Krankheit - mit der gleichgesetzt, die von gentechnisch veränderten Sojabohnen ausgeht. Das ist ignorant und gefährlich irreführend. Sicherlich erscheint es nach dem romantischen Weltbild vordergründig ausgesprochen sinnvoll, Kühe auf die Weide, die Hühner auf die Wiese, und die Schweine zurück in den Wald zu schicken. Die Realität lässt jedoch kaum Platz dafür.

Dennoch sollten wir die augenblickliche Chance nutzen und das nun endlich begonnene Nachdenken in punkto Nachhaltigkeit und artgerechter Tierhaltung weiter forcieren. Möglich, dass wir hier unsere Vorstellungen und Wünsche an die Forderungen einer nachhaltigen Zukunft anpassen müssen. Hier müssen wir uns alle als Verbraucher an die eigene Nase fassen und nicht ausschließlich Politik und Wirtschaft die Verantwortung zuschieben. Schließlich ist es die große Mehrheit von uns Verbrauchern, die billiges (nicht preiswertes) Fleisch und eine große Vielfalt auf dem Tisch haben wollen - ohne dass uns die Haltung unserer Nutztiere je wirklich interessiert hat.

Quelle: meOme