Wie sicher sind unsere Lebensmittel?
von Ulrike Gonder, erschienen in der Saarbrücker Zeitung, April 2006
Unter der Überschrift „Schön, saftig, gespritzt“ schrieb das Greenpeace-Magazin kürzlich, Pfirsiche und Nektarinen steckten voller Pestizide. Kurz darauf folgte die Meldung „Verbotene Gifte im Obst“, in der zu lesen war, dass sich „nicht einmal ein Drittel“ der von Greenpeace untersuchten Obst- und Gemüseproben als rückstandsfrei erwiesen hatte. Kurz zuvor vermeldete das Berliner Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), die Lebensmittel in Deutschland seien „insgesamt nur geringfügig belastet“. Ja was denn nun? Sind Äpfel und Brote, Birnen und Joghurts, Heringe und Leberwürste nun gefährliche „Chemiecocktails“ oder die sichersten Lebensmittel, die wir je hatten?
Tatsächlich enthalten die meisten unserer Lebensmittel Rückstände: von Stoffen, die mal als Pflanzenschutzmittel, mal als Pestizide bezeichnet werden, von Schimmelpilzgiften, Schwermetallen und Schadstoffen aus der Umwelt. Auch Reste von Putz- und Waschmitteln, Kosmetika und Medikamenten finden sich in vielen Lebensmitteln bis hin zur Muttermilch wieder. Erfreulich ist das nicht, und alle sind sich einig, dass die Gehalte an unerwünschten Stoffen in der Nahrung so gering wie möglich gehalten werden sollten.
Doch genau hier beginnt der Streit. Denn was heißt so gering wie möglich? Rückstandsfreiheit ist eine unerreichbare Illusion. Denn selbst in Bioprodukten, die aufgrund ihrer besonderen Anbauweise und Aufzucht in der Regel keine Reste von Pflanzenschutzmitteln enthalten, finden sich Überbleibsel anderer unerwünschter Substanzen. Luft und Boden, Wasser und Futtermittel sorgen für den Eintrag, auch wenn niemand absichtlich „Chemie“ dazu gegeben hat. Jüngstes Beispiel: Im letzten Jahr fanden sich erhöhte Dioxinwerte in Eiern von „glücklichen“ Freilandhühnern. Die Tiere picken draußen mit der Erde eben auch Schadstoffe wie Dioxine aus dem Boden auf, die teils aus industrieller Produktion, teils aus natürlichen Quellen stammen. Das Problem war bekannt, und um es in den Griff zu bekommen, ließ man für Eier aus Freilandhaltung jahrelang höhere Dioxingrenzwerte gelten als für Eier aus Käfig- und Bodenhaltung. Als die Grenzwerte nun endlich vereinheitlicht wurden (auf 3 Milliardstel Gramm Dioxin pro Kilo Eifett, entsprechend einem Zuckerwürfel in einem 3 Millionen Liter fassenden Supertanker), fielen manche Freilandeier durch ihren Dioxingehalt auf.
Die Befürworter von Käfigeiern nutzten die Schlagzeilen, um auf die höhere Sicherheit der Legebatterie-Eier hinzuweisen. Die Freilandverfechter hoben hervor, dass man die Gehalte zwar senken werde, dass diese jedoch nicht akut gesundheitsschädlich seien. Eine typische Situation: das Messen von Rückständen ist eine Sache, die Bewertung der gefundenen Mengen eine andere. Wenn also bei Greenpeace zu lesen ist, wie gefährlich die jeweiligen Befunde seien, während die für Lebensmittelsicherheit zuständigen Behörden betonen, dass keine akute Gesundheitsgefahr bestehe, dann liegt es nicht an unterschiedlichen Messwerten, sondern an deren Beurteilung.
Selbstverständlich gibt es längst internationale Konventionen (s. unten), nach denen Rückstandsgehalte beurteilt werden. Allerdings waren diese Vereinbarungen auch stets Gegenstand heftiger und teils berechtigter Kritik. So werden die meisten Substanzen bis heute nur als Einzelstoff behandelt. In den Lebensmitteln finden sich jedoch immer häufiger mehrere Rückstände, etwa weil verschiedene Spritzmittel angewendet wurden. Kritiker fordern daher mit Recht, die möglichen Additions- und Wechselwirkungen der diversen Rückstände zu berücksichtigen, um deren Gefahrenpotenzial realistischer abschätzen zu können. Während Greenpeace die Mengen aller gefundenen Rückstände addiert (was womöglich zu einer Überschätzung der Gefahren führt), arbeiten die nationalen und internationalen Behörden noch an einem differenzierteren Modell, um die Wirkung von „Rückstands-Cocktails“ besser einordnen zu können. Immerhin, es tut sich was.
Grenzen
Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die EU sowie das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind für die Festlegung der Werte verantwortlich, anhand derer die Auswirkungen von Rückständen bewertet und ggf. Verzehrswarnungen ausgesprochen werden.
Höchstmengen
Der Gesetzgeber hat Höchstmengen für eine Reihe von Stoffen festgelegt, um die Verbraucher vor potenziellen Gesundheitsgefahren zu schützen. Allerdings sind dies keine rein medizinisch begründeten Werte, sie orientieren sich auch an der „guten landwirtschaftlichen Praxis“ sowie an politischen, juristischen und gesellschaftlichen Forderungen. Die Höchstmengen dienen der Lebensmittelkontrolle als Grenzwerte. Liegen die gefundenen Rückstände darüber, dürfen die Lebensmittel nicht mehr verkauft werden und das BfR nimmt eine Bewertung des damit möglicherweise verbundenen Gesundheitsrisikos vor. Das ist nötig, weil ein Überschreiten der Höchstmenge nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr darstellt. Höchstmengen müssen stets unterhalb der gesundheitsgefährlichen Schwelle liegen. Zu ihrer Bestimmung werden unter anderem ADI- und ARfD-Werte berücksichtigt.
ADI-Wert
Er gibt die Menge eines Stoffes an, die nach aktuellem Kenntnisstand bei lebenslanger täglicher Aufnahme als für den Menschen unschädlich gilt. Die Abkürzung stammt vom englischen Acceptable Daily Intake, der täglichen duldbaren Aufnahmemenge. Der ADI-Wert wird für jedes Pflanzenschutzmittel separat festgelegt.
ARfD-Wert Für Wirkstoffe, die eine hohe akute Giftigkeit aufweisen und bereits bei einer einmaligen oder kurzzeitigen Aufnahme gesundheitsschädlich sein können, wird die akute Referenzdosis ermittelt. Sie bezeichnet die Stoffmenge, die innerhalb eines Tages oder einer Mahlzeit aufgenommen werden kann, ohne Schaden anzurichten. Eine Höchstmengenüberschreitung ist vor allem dann gesundheitsbedenklich, wenn durch sie auch der ARfD-Wert übertroffen wird.
Auslösewert
Für manche bedenkliche Stoffe hat die EU-Kommission zusätzlich so genannte Auslösewerte festgelegt. Sie liegen oberhalb der üblicherweise gemessenen „Hintergrundbelastung“ mit dem entsprechenden Rückstand, z.B. bei 0,4 Milliardstel Gramm Dioxin pro Kilo Frischgemüse (entsprechend einem Achtel Zuckerwürfel in einem 3 Millionen Liter fassenden Supertanker). Wird dieser Wert bei einer Kontrolle überschritten, soll vorsorglich die Quelle der erhöhten Belastung gefunden und beseitigt werden.
Die Menge macht das Gift
Zur gesundheitlichen Beurteilung ist es auch notwendig, die von einem Menschen insgesamt aufgenommenen Rückstandsmengen zu kennen bzw. abschätzen zu können. Hier setzt Greenpeace häufig höhere Verzehrsmengen an, z.B. täglich 500 g Beerenobst. Vor allem für Kinder ist dies unrealistisch und führt zu einer Überschätzung der tatsächlich verzehrten Rückstandsmenge. Demgegenüber hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Berlin reale Verzehrsdaten bei Kindern erhoben, die es seinen Berechnungen zugrunde legt.
Ein weiterer Kritikpunkt betraf das Thema gebundene Rückstände. Da Pflanzenschutzmittel auch für die damit behandelten Pflanzen problematisch sein können, werden sie in Blättern, Stängeln oder Früchten eingelagert, sofern sie nicht zersetzt und ausgeschieden werden können. Diese „sicher verwahrten“ Mengen werden auch als gebundene Rückstände bezeichnet, da sie so fest mit der Pflanze verbunden sind, dass sie bei der herkömmlichen Analyse im Labor gar nicht erkennbar sind. Allerdings können sie nach dem Verzehr während der Verdauung im menschlichen Darmtrakt freigesetzt werden. Schlimmstenfalls gelangt auf diesem Weg ein Mehrfaches dessen in den Körper, was der Chemiker an Rückständen gefunden hatte. Erfreulicherweise hat man sich dieses Problems inzwischen angenommen. Heute ist es EU-weit vorgeschrieben, möglichst auch die gebundenen Rückstände sowie die Ab- und Umbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln zu messen und bei der Festlegung von Höchstmengen zu berücksichtigen.
Nicht selten beschleicht einen als Verbraucher jedoch der Eindruck, es würden immer mehr unerwünschte Stoffe in dem gefunden, was wir täglich zu uns nehmen. Das kann schlicht an der verbesserten Analytik liegen. Konnten die Labore in den 60er Jahren einen Zuckerwürfel in einem 3000 Liter fassenden Tanklastzug nachweisen, sind sie heute in der Lage, das Zuckerstück in einem See mit 3 Billionen Liter Wasser aufzufinden. Das heißt, dass die moderne Analytik zwar ständig neue Rückstände entdeckt, dass dies aber keineswegs neue Risiken sein müssen. Womöglich haben die Menschen die neu entdeckte Substanz schon lange verzehrt, nur eben nichts davon gewusst.
Aber es gibt auch tatsächlich neue Risiken. So beschäftigten synthetische Duftstoffe wie das Moschusxylol die Chemiker, seit bekannt wurde, dass sie das menschliche und tierische Hormonsystem stören können. Inzwischen haben Anwendungsverbote und –einschränkungen dazu geführt, dass die Gehalte spürbar zurückgehen, vor allem in der Frauenmilch. Die enthält heute mengenmäßig viel weniger Rückstände als etwa in den 80er Jahren. Allerdings finden die Chemiker immer wieder neue Substanzen, z.B. UV-Filter aus Sonnenschutzmitteln oder Flammschutzmittel von Computern, die über die Haut und die Atemwege bis in die Milch gelangen.
Diese Beispiele mögen zeigen, dass Lebensmittelsicherheit ein laufender Prozess ist. Alte Gefahren können dank moderner Analytik abgestellt, dafür müssen neue aufgespürt, bewertet und behoben werden. So haben sich die Mediziner und Lebensmittelchemiker künftig weniger mit großen Rückstandsmengen zu befassen, sondern zunehmend mit den chronischen Auswirkungen geringster Rückstandsmengen. Deren mögliche und vermutlich subtile Schadwirkungen, etwa auf das Nervensystem von Ungeborenen, muss dringend besser untersucht werden. Hier klaffen noch deutliche Erkenntnislücken.
Durch die teils heftige Kritik der Umwelt-, Verbraucher- und Naturschutzorganisationen an den behördlichen Kontrollorganen hat sich im Bereich Lebensmittelsicherheit in den letzten Jahren vieles verbessert. Das ist kein Grund für die Verantwortlichen, sich zurückzulehnen und die Hände in den Schoß zu legen. Es besteht aber auch kein Grund für Verbraucher, sich vor einer steten „Vergiftung“ durch Rückstände in Lebensmitteln zu fürchten.
Wie der Staat Lebensmittel kontrolliert
Grundsätzlich ist die Lebensmittelkontrolle Ländersache. Den landeseigenen Untersuchungsämtern und Veterinärbehörden obliegt es, die Einhaltung der diversen Lebensmittelgesetze zu kontrollieren. Allerdings geschieht dies meist nur stichprobenartig, sodass die gewonnenen Erkenntnisse über die Sicherheit von Lebensmitteln nicht repräsentativ sind. Aus diesem Grund schreibt der Gesetzgeber seit gut 10 Jahren zusätzliche und regelmäßige Untersuchungen vor: das Lebensmittel-Monitoring sowie Nationale Rückstandskontrollpläne, z.B. für Pflanzenschutzmittel. Deren Ergebnisse werden vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Berlin zusammengefasst und veröffentlicht.
Nationaler Rückstandskontrollplan Pflanzenschutzmittel
Hierbei konzentriert man sich auf Lebensmittel, die in der Vergangenheit häufiger durch überhöhte Rückstandsgehalte aufgefallen sind. Daher sind die Ergebnisse dieser Untersuchungen nicht repräsentativ für alle Lebensmittel. Im Jahr 2004 konnten immerhin in 40 % der Lebensmittel keine Pflanzenschutzmittelrückstände gefunden werden – zumindest nicht jene, nach denen man gesucht hatte. In 60% der insgesamt 16.000 untersuchten Lebensmittelproben wurden die Analytiker dagegen fündig. In 7,4% der Fälle waren die gesetzlichen Höchstmengen überschritten und in 36,5% der Proben fanden sich gleich mehrere Rückstände. Das ist alles andere als erfreulich. Allerdings hielten die Behörden nur bei 16 der 16.000 Proben ein gesundheitliches Risiko durch die Rückstandslast für möglich.
Leider fehlt es in Deutschland aber noch immer an einem Verbraucherinformationsgesetz, dass es der Kundschaft erlauben würde, zu erfahren, von welchen Firmen diese hoch belasteten Produkte in Verkehr gebracht wurden. Der von Bundesminister Horst Seehofer vorgelegte Entwurf wurde erst kürzlich von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch in Berlin als völlig unzureichend und lückenhaft kritisiert.
Am häufigsten fielen den Lebensmittelkontrolleuren Rucolasalat, Paprikaschoten, Johannisbeeren, Trauben und Gurken unangenehm auf. Bei Babynahrung, Bananen, Brokkoli, Pilzen, Spargel und Zwiebeln kam es dagegen nicht zu Überschreitungen der Höchstwerte, bei Kiwis, Orangen, Zitronen, Karotten und Tomaten nur selten. Eine akute Gesundheitsgefahr sehen die Behörden daher nicht. Mit Recht fordern sie jedoch Importeure und Händler auf, mehr für die Verringerung der Rückstandsgehalte zu tun. So könnten „Kontrollen im Anbauland noch vor der Ernte“ dafür sorgen, dass die „in Verkehr gebrachten Lebensmittel den rechtlichen Vorgaben entsprechen“.
Das Lebensmittel-Monitoring
Eingeführt wurde das Lebensmittel-Monitoring 1995, um einen repräsentativen Überblick über die Rückstandsituation in Deutschland zu gewinnen. Einmal wollte man wissen, wie viele Rückstände in üblichen Lebensmitteln stecken. Zum anderen wollte man die Veränderungen im zeitlichen Verlauf beobachten, um mögliche Gefährdungspotenziale früher erkennbar werden.
Erfasst werden neben Pflanzenschutzmitteln auch Schwermetalle wie Blei und Cadmium sowie jährlich andere relevante Umweltschadstoffe wie Quecksilber, Tributylzinn aus Schiffsanstrichen, Organochlorverbindungen aber auch Acrylamid, das bei der Lebensmittelzubereitung entsteht. Jährlich werden rund 5.000 Proben aus dem In- und Ausland analysiert. Im Jahr 2004 fand man in 70% der Proben messbare Gehalte an Rückständen.
Brot und Pizza schnitten nach Angaben des BVL gut ab, da sie nur gering mit 3-MCPD belastet waren, einem Stoff, der beim Erhitzen entsteht und der im Tierversuch Krebs auslösen konnte. Die untersuchten Müslis und Getreideflocken enthielten nur geringe Mengen an Schimmelpilzgiften, die ebenfalls krebsauslösend wirken oder Leber und Nieren schädigen können. In allen Heringsproben und in 62% der Brühwurstproben fand man Organochlorverbindungen, jedoch bis auf eine Ausnahme unterhalb der geltenden Höchstmenge.
Rucola, Stachelbeeren, Himbeeren, Äpfel und Gemüsepaprika waren zu über 90% mit Rückständen von Pflanzenschutzmitteln behaftet, wobei in rund 10% der Fälle die Höchstmenge überschritten war. Als besonders auffällig erwiesen sich einmal mehr Gemüsepaprika: Hier war in 36% der Proben die gesetzliche Höchstmenge überschritten, vor allem, wenn die Proben aus Spanien oder der Türkei kamen. Hier hilft wohl nur, die Ware in den Regalen liegen zu lassen, um den Handel entdlich zu mehr Eigenkontrollen zu motivieren.
Erfreulicher die Situation bei Erdbeeren, Brombeeren, Ananas, Porree, Eisbergsalat und Tomaten: Hier waren weniger als 5% der Proben mit mehr Rückständen belastet, als es die Höchstmenge erlaubt. Gut schnitt auch Orangensaft ab: nur in 22% der Proben waren Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachweisbar, alle unterhalb der Höchstmenge.
Die Belastung von Nüssen und Getreide mit Blei und Cadmium geht seit Jahren zurück, ebenso die Quecksilberbelastung von Heringen aus der Nord- und Ostsee. Allerdings sind Muscheln teilweise sehr hoch mit Blei und Cadmium belastet. Bei älteren Fischen aus Südostasien fanden sich zum Teil extreme Quecksilbergehalte. Wie schön, wenn man beim Einkaufen erkennen könnte, welche. Jedenfalls sollten solche Lebensmittel nicht oft verzehrt werden, vor allem nicht während der Schwangerschaft.
Gewürze und Kakao fielen teilweise durch hohe Gehalte an Schimmelpilzgiften auf. Auch hier herrscht noch Handlungsbedarf, da es bislang keinen Höchstwert für diese Lebensmittelgruppe gibt.
Was Verbraucher tun können
Obst und Gemüse sollten stets gründlich gewaschen werden – so lautet ein oft wiederholter Rat an die Konsumenten. Doch einmal davon abgesehen, dass sich weder Himbeeren noch Blattsalate „gründlich“ abschrubben lassen: die meisten Pestizidrückstände lassen sich nicht einfach via Waschbecken entsorgen. Durch Waschen können zwar Wurmeier und Erdreste von Obst und Grünzeug entfernt werden. Doch ein beträchtlicher Teil der Rückstände haftet fest an der Wachsschicht, die viele Früchte und Gemüse bedeckt. Von dort lassen sie sich allenfalls durch kräftiges „Polieren“ etwas reduzieren, sei es mit einem Küchentuch oder so, wie es Kinder gerne tun: durch Reiben an Pullover oder Hose. Doch auch das betrifft nur einen Teil der Rückstände, denn einige bleiben nicht an der Oberfläche, sondern dringen in die Lebensmittel ein. Durch Schälen und das Entfernen der äußeren Blätter lässt sich die Rückstandslast also eher verringern als durch Waschen.
Was können Verbraucher noch tun? Sinnvoll ist es, sich abwechslungsreich zu ernähren, nicht nur, um möglichst viele Nährstoffe aufzunehmen, sondern auch um die Risiken zu streuen. Wer immer nur Paprika und Hering isst, nimmt unverhältnismäßig viele Rückstände auf. Auch saisonal einzukaufen, mach Sinn, da beispielsweise Erdbeeren, die vor Ort angebaut wurden und zu ihrer Zeit reifen konnten, weniger belastet sind, als Importware im Winter.
Wer es sich leisten kann und mag, kann öfter zu biologisch erzeugten Lebensmitteln greifen. Bioprodukte sind in der Regel erheblich weniger belastet als konventionelle Lebensmittel. Rückstände von Pflanzenschutzmitteln finden sich hier meist nicht. Ökogemüse enthält auch weniger Nitrat als konventionelles Gemüse. Allerdings wird die potenzielle Gefährlichkeit dieser Stickstoffverbindung für den Menschen überschätzt. So stammen 70% des zugeführten Nitrats aus Gemüse. Menschen, die viel Gemüse essen, fallen aber gerade nicht durch mehr Krankheiten auf.
Bei Rückständen von Schimmelpilzgiften z.B. auf Getreide schneiden Bioprodukte übrigens nicht generell besser ab. Es lohnt sich daher auf jeden Fall, immer wieder mal die Testergebnisse von Stiftung Warentest und Ökotest anzusehen. Das geht übrigens auch im Internet (www.stiftung-warentest.de und www.oekotest.de).
Nicht zuletzt sollte es auch der Lebensmittelhandel zu spüren bekommen, dass Verbraucher rückstandsarme Ware wollen. Da der Handel heute weitgehend die Lebensmittelpreise diktiert und die Herstelle vielfach keine andere Möglichkeit haben, als immer billiger zu produzieren, kann es nicht sein, dass der Handel in Sachen Lebensmittelsicherheit ungeschoren davon kommt. Wenn Handelsketten durch das Angebot von stärker belasteter Ware auffallen, wie kürzlich bei Gemüse und Obst der Fall, dann können die Verbraucher mit den Füßen abstimmen. Bleiben immer mehr Kunden aus, sieht man sich beim Händler vielleicht motiviert, mit seinen Lieferanten nicht nur über Preise zu sprechen, sondern auch über bessere und vorbeugende Rückstandskontrollen.
Und es gibt noch etwas, das Verbraucher tun können: Sie sollten sich nicht verrückt machen lassen. Denn absolute Sicherheit kann es auch beim Essen niemals geben. Jede (neue) Technik, jedes Verfahren hat Vor- und Nachteile. Der Mediziner und Risikomanager Prof. Klaus Heilmann weist daher darauf hin, dass wir es in Sicherheitsfragen weniger mit Prinzipien als vielmehr mit Prioritäten zu tun haben. Wir müssen Risiken und Nutzen gegeneinander abwägen und entscheiden, was wir uns leisten können und wollen. Welchen Nutzen Pflanzenschutzmittel bieten? Sie verhindern u.a. Schädlingsbefall und sorgen bei sachgerechtem Einsatz für eine höhere und qualitativ bessere Ernte zu vertretbaren Preisen.
„Wenn wir unser Verhalten ständig nur auf Möglichkeiten aufbauen und nicht auf Wahrscheinlichkeiten,“ warnt Professor Heilmann, „dann werden wir unser ganzes Leben lang damit verbringen, uns mit viel Geld gegen mögliche Risiken zu schützen, werden aber mittellos und unvorbereitet sein, wenn die wahrscheinlichen eintreten.“ Mit anderen Worten: Kaufen Sie Lebensmittel, die weniger belastet sind, sei es aus Ökoanbau, saisonale konventionelle Ware oder von Händlern, die sich um Rückstandskontrollen bemühen. Aber sorgen Sie sich nicht bei jedem Biss in eine konventionelle Gurke um Ihre Gesundheit – das würde derselben nur schaden.
Natürlich = ungefährlich?
Allein die Tatsache, dass eine Substanz „chemischer“ oder „natürlicher“ Herkunft ist, besagt gar nichts. Weder sind Chemikalien grundsätzlich bedenklich oder „unnatürlich“, noch sind Naturstoffe generell harmlos oder „unchemisch“. Im Gegenteil: Die wirksamsten Gifte und Krebsauslöser entstammen der Natur. Man denke nur an das Gift des Fliegenpilzes, des Fugu-Fisches und der Botulinum-Bakterien, an Blausäure in Mandeln und Solanin in Kartoffeln. Oder an die Folgen ungehemmten UV-Licht-, Alkohol- oder Tabakkonsums.
Vor allem Pflanzen tun sich als reiche Quelle von Giften und Krebserregern hervor. Ob Petersilie, Möhre, Morchel oder Brokkoli, in all diesen pflanzlichen Lebensmitteln sind von Natur aus gefährliche, teilweise sogar Krebs erregende Stoffe enthalten. Dennoch gilt eine überwiegend pflanzliche Nahrung als besonders gesund. Das liegt unter anderem daran, dass die Dosis das Gift macht, dass also nicht jede Spur eines Giftes dem Esser tatsächlich schadet. Es liegt sicher auch daran, dass die ungezählten Inhaltsstoffe unserer Lebensmittel miteinander in Wechselwirkung treten, sich gegenseitig ergänzen, in ihrer Wirkung verstärken oder abmildern. Zudem hat der Mensch gelernt, mit diesen Risiken umzugehen: Manche Pflanzen meidet er, andere muss er vor dem Verzehr aufbereiten, wieder andere entgiftet sein Körper ohne sein Zutun. Essen ist immer Risikoabwägung, auch auf der rein körperlichen Ebene. Denn jedes Lebensmittel enthält erwünschte und unerwünschte Inhaltsstoffe.






