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Ernährungssprüche und ihre Bedeutung

Ulrike Gonder
 

An apple a day keeps the doctor away

Dieses Sprichwort lässt sich durch neuereForschungsergebnisse untermauern. Äpfel, wie übrigens auch Zwiebeln, schwarzer Tee und Rotwein, enthalten eine ganze Reihe von Wirkstoffen, die als Flavonoide bezeichnet werden. Menschen, die sie regelmäßig verzehren, leiden seltener unter Arteriosklerose und Herzinfarkt.

Frühstücke wie ein Kaiser, esse mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann

Diese Empfehlung stammt vermutlich aus einer Zeit, in der die Menschen noch körperlich hart arbeiten mussten. Da war es wichtig, dass sie morgens etwas im Bauch hatten, um den Anforderungen des Tages gewachsen zu sein. Auch mittags musste noch etwas gegessen werden, um durchzuhalten. Das Abendessen interessierte dann nicht mehr so sehr. Andererseits bekommen manche Menschen nach einem opulenten Abendessen Schlafstörungen und Magendrücken. Dass die Kaiser-König-Bettelmann-Regel kein Garant für Schlankheit ist, für die sie gerne ausgegeben wird, zeigen die überwiegend schlanken Franzosen: Sie machen es genau umgekehrt.

Du hast wohl schlecht gefrühstückt!

Diese Frage stellt man dem, der schlechter Laune ist. Kein Wunder, denn einer der Stoffe, die in unserem Hirn für gute Stimmung sorgen, das Serotonin, wird im Tageslicht gebildet und nachts abgebaut. Folglich ist bei vielen morgens die Laune im Keller, vor allem, wenn es auch noch dunkel ist. Ein gutes Frühstück, vor allem die Kohlenhydrat-haltigen Speisen wie Brot, Marmelade, Zucker oder Fruchtsaft helfen, den Serotoninaufbau und damit die Stimmung zu puschen.

Fisch muss schwimmen

Manche Menschen empfinden tatsächlich starken Durst, wenn sie Fisch gegessen haben. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Empfehlung jedoch um eine alte Ausrede für reichlichen (Alkohol-)Genuss.

Klar wie Kloßbrühe?

Wenn etwas so klar ist wie Kloßbrühe, dann ist das ironisch gemeint, denn die Kloßbrühe ist ziemlich trübe.

Alles in Butter!

Dieser Spruch kam zuerst in Berlin auf und hat wahrscheinlich mit dem nach 1875 beginnenden Konkurrenzkampf zwischen Butter und Margarine zu tun. Damals galt die Butter als natürliches, leicht verdauliches, bekömmliches, wohlschmeckendes und teures Fett selbstverständlich als etwas besseres als das Imitat Margarine. Was mit "guter Butter" zubereitet war, war in Ordnung.

Tu Butter bei die Fische

heißt, mach keine "halben Sachen", mach´s ordentlich oder auch mach´s mir noch schmackhafter. Zu vielen Fischgerichten gehört zerlassene Butter oder eine Buttersoße, da das Milchfett dem oft trockenen Fisch Geschmack und Geschmeidigkeit gibt und außerdem tüchtig Kalorien beisteuert. Ja, es gab mal eine Zeit, da war das wichtig....

Das geht weg wie warme Semmeln

Warme Semmeln sind besonders rösch und knusprig (sie sollten es jedenfallls sein) und versprechen daher den größten Gaumenkitzel. Während des Backens können in der Kruste Aromastoffe entstehen, die chemisch mit Opiaten verwandt sind, d.h., sie wirken auf unsere Psyche. Deswegen können wir begierig frisches Brot und frische Brötchen essen, selbst ohne jedes Hungergefühl. Der Duft genügt, und uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Da Brötchen im Vergleich zu Brot mehr Kruste haben, dürfte der Effekt bei ihnen noch ausgeprägter sein.

Reinhauen wie ein Scheunendrescher

Das Getreide-Dreschen in der Scheune war eine körperlich äußerst anstrengende und staubige Arbeit. Kein Wunder, dass die Drescher nicht nur für ihren außerordentlichen Appetit, sondern auch für ihren großen Durst bekannt waren.

Süßholz raspeln

Die Wurzel des Süßholzes galt vor 2.000 Jahren als Durstlöscher und als Mittel gegen Geschwüre. Moderne Nachweisverfahren ergaben, dass der Wirkstoff (Glycyrrhizinsäure) menschlichen Hormonen ähnelt, die sowohl die Heilung von Geschwüren als auch die Wasserausscheidung regulieren können. Der Spruch vom Süßholz raspeln kommt daher, dass man früher aus geraspeltem Süßholz nicht nur Drogen, sondern auch Süßwaren herstellte. Bis heute wird daraus Lakritze gemacht. Da Süßes früher reiner Luxus war, ließ sich damit leicht jemand „becircen“.

Keinen Pfifferling wert

waren unnütze und belanglose Dinge im 16. Jahrhundert. Damals wuchsen die heute teuren Pilze in solchen Mengen, dass sie kaum etwas wert waren.

Gut gekaut, ist halb verdaut

wäre für Hunde eine völlig unsinniger Spruch, denn sie sind von Natur aus Schlinger. Menschen bekommt das Essen dagegen besser, wenn es gut gekaut wird. Dabei werden die Bissen eingespeichelt und schon mal mit Stärke abbauenden Verdauungsenzymen versetzt. Wer hastig isst und kaum kaut, dem liegt das Essen mitunter schwer im Magen.

Nicht ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen

Reichliches Essen und Trinken, meist verbunden mit wenig Bewegung bekommt man schnell über: Völlegefühl und Verdauungsbeschwerden stellen sich ein, Katerstimmung und schwellende Bäuche mindern die Laune noch mehr. Hier greift die natürliche Appetit-Regulation, die normalerweise dafür sorgt, dass unser Körpergewicht konstant bleibt: Nach der Völlerei möchte man weniger und leichter, vielleicht auch mal gar nichts essen und sich mehr bewegen. Uns vergeht schlicht der Appetit – und das ist auch gut so.

Schweine sind für Moslems tabu, weil sie unrein sind

Plausibler sind wirtschaftliche und ökologische Gründe für das religiöse Nahrungstabu: Schweine benötigen relativ viel Wasser zum Suhlen, und sie suchen sich ihr Futter in schattigen Wäldern. Als es am See Genezareth noch Wald gab, wurden dort auch Schweine gehalten. In trockenen Gebieten braucht der Mensch das wenige Wasser selbst. Und ohne Wald müsste man die Schweine füttern, so dass das Schwein zum Nahrungskonkurrenten des Menschen wird. Bei knappen Ressourcen ist es sinnvoller, Ziegen zu halten: Sie brauchen weniger Wasser und fressen dem Menschen nichts weg.

Bleib, wo der Pfeffer wächst

Zwar hat Guayana, das Land, aus dem der Cayenne-Pfeffer kommt, ein mörderisches Klima und wurde von den Franzosen als Ort der Verbannung gewählt, doch stammt der Spruch vom Pfeffer nicht daher. Es gab ihn schon 1512, während Guayana erst 1604 von den Franzosen kolonialisiert wurde. Indien ist die eigentliche Heimat des Pfeffers. Und da es zu Kolumbus Zeiten der entlegendste Teil der bekannten Welt war, wünschte man unangenehme Personen genau dorthin, wo der Pfeffer wächst: so weit wie möglich weg.

Wein auf Bier, das rat ich Dir, Bier auf Wein, das lass sein.

Diese Trinkregel war früher von Bedeutung. Offenbar haben Begleitstoffe der Bier- und Weinbereitung für "dicke Köpfe" gesorgt, wenn in der falschen Reihenfolge gepichelt wurde. Was immer es war - die modernen Herstellungsverfahren scheinen dafür zu sorgen, dass solcherlei Missgeschick nicht mehr passiert.


Bier ist flüssig Brot

Bier enthält neben Alkohol auch Kohlenhydrate, Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe, es ist also ein recht nahrhaftes Getränk. Vor allem in Deutschland gehörte es vor der Industrialisierung zu den Grundnahrungsmitteln – für alt und jung und zu jeder Tageszeit.

Hunger ist der beste Koch

Die Bedürfnisse des Menschen lassen sich in Form einer Pyramide darstellen: An der Basis steht das Verlangen nach den Dingen, die das nackte Überleben sichern: Essen und Trinken, dann kommen Kleidung und Wohnung. Sind die Grundbedürfnisse gedeckt, strebt man nach "feinerem", wie Selbstverwirklichung und Anerkennung oder nach raffinierteren oder eben ganz bestimmten Speisen. Wer knurrenden Hunger verspürt, dem schmecken auch Dinge, die den Gaumen sonst weniger ergötzen würden. Hauptsache, s´Ränzle spannt, wie die Schwaben sagen.

Liebe geht durch den Magen

Essen ist Triebbefriedigung, genau wie Sex: Beides sorgt für Lustgefühle. In der Triebhierarchie kommt das Essen jedoch vor dem Sex, schließlich ist die Nahrungsaufnahme fürs nackte Überleben wichtiger als die Fortpflanzung. Von daher wird man mit grimmigen Hungergefühlen im Bauch wohl kaum Lust auf ein Schäferstündchen verspüren. In Zeiten der Nahrungsknappheit ist ein gutes Mahl der ideale Wegbereiter für die Liebe. Aber auch in modernen Wohlstandsgesellschaften scheint kaum ein Mann einem guten Essen "vorher" abgeneigt zu sein. Gute Köchinnen haben daher gute Karten, frei nach dem Motto: Mit Speck fängt man Mäuse.

Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen

Der Russe Pawlow wurde durch die wissenschaftliche Beschreibung dieses Reflexes berühmt. Er zeigte an Hunden, dass der Körper schon beim Anblick von Futter Verdauungssäfte wie Speichel und Magensaft produziert. Bei entsprechendem Training passiert das sogar auf ein bestimmtes Signal hin, z.B. ein Klingelzeichen (konditionierter Reflex). Der Organismus bereitet sich damit auf die Verdauung der erwarteten Speisen vor. Beim Menschen funktioniert es genau so: Wenn wir etwas Leckeres sehen oder riechen, läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Und wenn jeden Tag um 13 Uhr eine Glocke zur Mittagsmahlzeit läutet, genügt dieses Signal, um den Reflex auszulösen.

Der Appetit kommt beim Essen

Der Speichelfluss ist ein wichtiger Schlüssel zu unserem Appetit. Denn solange Speichel fließt, haben wir Lust weiter zu essen. Bei der Entwicklung von Produkten wie Chips und Hamburgern hat man sich diese Erkenntnis zu nutze gemacht. Der Effekt ist bekannt: Man öffnet eine Tüte Chips und kann einfach nicht aufhören zu knabbern bis die Tüte leer ist. Das Erfolgsgeheimnis liegt außer an der knackig-krossen Knusprigkeit am Speichel. Davon braucht man jede Menge, um die Chips mit ihrer großen trockenen Oberfläche schlucken zu können. Das Salz entlockt dem Gaumen weitere Flüssigkeit. Sind Chips und Spucke erst einmal weg, entsteht im Mund ein Gefühl der Leere. Dagegen hilft der nächste Chip ... Der Speichelfluss ist ein "Motor" unserer Verzehrslust. Produkte, die mehr Speichel locken als sie verbrauchen, erzeugen "Appetit auf mehr" - egal ob wir satt sind oder nicht.

Voller Bauch studiert nicht gern

Essen erzeugt ein wohliges Gefühl und macht müde. Da fällt es naturgemäß schwer, sich zu konzentrieren und komplizierte Zusammenhänge zu begreifen. Schon der Säugling schläft nach dem Stillen ein, da aus dem Eiweiß der Muttermilch während der Verdauung Schlaf fördernde Opiate gebildet werden. Ähnliche Stoffe können aus Weizen- und Fleischeiweiß entstehen.

Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen

Die unangenehmen Folgen des Bohnen-, Linsen- und Erbsengenusses liegen an den enthaltenen Kohlenhydraten (Stachyose), die von den menschlichen Verdauungssäften nicht aufgeschlossen werden können. Sie gelangen unverdaut in die tieferen Darmabschnitte, wo sich die Darmbakterien an ihnen gütlich tun. Die Kleinstlebewesen produzieren eine Menge Gase, die das dringende Bestreben haben, den Körper zu verlassen ...

Da sind Hopfen und Malz verloren

Ohne Hopfen und Malz wäre Bier nicht nur geschmacklich eine langweilige Angelegenheit, es wäre auch zwei wichtige Wirkstoffe los. Die Beliebtheit des Hopfens hatte gute Gründe, denn im Mittelalter wurden neben allerlei Kräutern auch Sumpfporst oder Bilsenkraut zum Brauen verwendet, die recht schädliche Wirkstoffe enthalten. Räusche mit Sumpfporstbier werden daher für die sprichwörtliche "Berserkerwut" der Wikinger verantwortlich gemacht. Die beruhigende Wirkung des Hopfens ist wahrscheinlich der Grund, warum die Obrigkeit 1516 in Bayern das berühmte "Reinheitsgebot" erlassen hat: Hopfen – er ist mit der Cannabispflanze verwandt, aus der man Haschisch und Marihuana gewinnt beruhigt!
Auch das Malz steuert einen Wirkstoff bei, der auf die Psyche wirkt: das Hordenin. Hordenin entsteht erst während des Keimens und ist mit den bekannten Aufputschmitteln Ephedrin und Meskalin verwandt.

Trüffeln erhöhen die Liebeslust

Den Ruf, "anzuturnen", haben Delikatessen wie Trüffeln wohl eher ihrem Geruch als ihrer Form zu verdanken. Die begehrten Pilzknollen enthalten Androstenol, einen Sexuallockstoff der Schweine. Das erklärt zwanglos, warum man Schweinedamen so erfolgreich auf Trüffelsuche schicken kann. Und da sich auch im menschlichen Schweiß etwas Androstenol befindet, bei Männern mehr als bei Frauen, empfinden viele das Trüffelaroma als besonders anregend. Ihre Wirkung beschränkt sich jedoch auf die Nase.