Printversion. Quelle: www.optipage.de
Ulrike Gonder
Der glycämische
Index (GI oder Glyx) hat bereits 20 Jahre auf dem Buckel, ist zur Zeit aber
wieder sehr en vogue. Es handelt sich um eine Maßzahl dafür, wie schnell die
Kohlenhydrate aus einem Lebensmittel im Magen-Darm-Trakt in Zucker
umgewandelt werden (s. Tabelle). Je höher dieser Index, desto mehr Zucker
entsteht und desto deutlicher steigt auch der Zuckerspiegel im Blut an.
Alles wird Zucker
Wir essen Kohlenhydrate in Form von Zucker,
Kartoffeln, Brot, Karotten, Cola oder Fruchtjoghurt. Selbst wenn die
verzehrte Menge an Kohlenhydraten identisch ist, lässt jedes dieser
Lebensmittel den Zuckerspiegel im Blut unterschiedlich stark ansteigen.
Genau darüber gibt der glycämische Index Auskunft.
Sobald Zucker ins Blut strömt, schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus.
Dieses Hormon ist für die Verwertung des Zuckers unentbehrlich. Zuviel
Insulin gilt jedoch als bedeutender Risikofaktor für eine Reihe von
Zivilisationsleiden, von Diabetes mellitus, der Zuckerkrankheit, bis hin zu
Herzinfarkt und Krebs. Deswegen sollen Lebensmittel mit niedrigem GI
(möglichst unter 50) ausgewählt werden, denn: Je niedriger der GI, desto
weniger Zucker gelangt ins Blut und desto weniger Insulin ist nötig.
So weit, so gut. Es gibt jedoch zwei Probleme, wenn die Lebensmittel nur nach dem GI ausgewählt werden. Erstens ändert sich der GI je nach Verarbeitung, Fett- und Säurezugabe zu den Speisen. Schon die Butter auf dem Brot oder ein Schuss Essig im Eintopf kann den GI deutlich verringern. Zudem reagiert jeder anders, so dass auch der GI ein und desselben Lebensmittels von Mensch zu Mensch variiert.
Vom GLYX zur GL
Das zweite Problem: Der GI sagt nichts
darüber aus, wie viel Kohlenhydrate in einer Portion des entsprechenden
Lebensmittels enthalten sind. Das kann jedoch entscheidend sein, wie das
Beispiel der Karotte deutlich macht: Karotten haben mit 71 einen hohen GI
und wären damit nicht empfehlenswert. Weil eine Portion von 200 Gramm
Karotten aber nur 12 Gramm Kohlenhydrate enthält, fällt der hohe glycämische
Index gar nicht ins Gewicht, so dass es nach wie vor empfehlenswert ist,
Karotten zu essen.
Aus diesem Grund haben Wissenschaftler der Harvard Medical School in Boston
eine neue Kennzahl zur Beurteilung von Mahlzeiten eingeführt, die
Glycämische Ladung (GL). Die GL berücksichtigt sowohl den GI der
Lebensmittel als auch den Kohlenhydratgehalt der jeweiligen Portionen. Damit
lassen sich die gesundheitlichen Effekte kohlenhydrathaltiger Lebensmittel
besser abschätzen als mit Hilfe des GI. In zwei großen Studien der Bostoner
Forscher konnte gezeigt werden, dass das Risiko für Diabetes und Herzinfarkt
tatsächlich parallel zur Glycämischen Ladung des Verzehrten ansteigt.
Glycämischer Index und glycämische Ladung einiger Lebensmittel: http://www.ernaehrgesund.de/artikel/glyx/glyxload.html
Take-Home-Message
Für das tägliche Essen ist das alles freilich viel zu kompliziert. Die „Take-Home-Message“ lautet daher kurz gefasst: Bei Gemüse, Salat und Obst darf nach wie vor kräftig zugelangt werden. Bei Keksen, Kuchen, Süßigkeiten und Softdrinks ist nach wie vor Zurückhaltung angesagt. Neu ist, dass auch Weißbrot, Mischbrot, Nudeln, Reis und Kartoffeln nicht mehr als besonders gesund empfohlen werden, sondern dass auch bei diesen kohlenhydratreichen Lebensmitteln zum Maßhalten aufgefordert wird.