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Ulrike Gonder
Evidenz-basierte
Methoden entlarven Empfehlungen als Makulatur
Sigrid S. ist 40 Jahre alt und hat ein paar Pfund zuviel auf den Rippen. Ihr
Cholesterinspiegel ist leicht erhöht. Deswegen achtet die
gesundheitsbewusste Mutter besonders auf das Fett im Essen: Sie kauft Milch
nur mit 1,5 Prozent Fett und meidet fette Wurst. Das Salatöl hat sie gegen
ein Light-Dressing ausgetauscht, und Butter ist längst tabu. Bei Kartoffeln,
Nudeln und Brot langt sie dafür mit gutem Gewissen kräftig zu. Und wenn sie
mal nascht, dann kohlenhydrathaltige Fruchtgummis statt fetter Schokolade.
Damit folgt sie exakt den Empfehlungen vieler Ernährungsberater – und macht
womöglich alles nur schlimmer.
Seit vierzig Jahren warnen Mediziner und Ernährungsexperten insbesondere vor
tierischen Fetten und gesättigten Fettsäuren: Zuviel Fett mache fett und
krank - so lautet die simple Botschaft fürs Volk. Wer abnehmen oder sich vor
Herzinfarkt und Schlaganfall schützen will, müsse das „böse“ Fett durch
„gute“ Kohlenhydrate ersetzen. Wird dies in Stoffwechselstudien überprüft,
sinkt das „böse“ LDL-Cholesterin und mit ihm der Gesamtcholesterinspiegel.
Aber: Zahlreiche andere Kennzahlen des Fettstoffwechsels verschlechtern
sich. Das „gute“ HDL sinkt, die Blutfette (Triglyceride) steigen. Die
LDL-Partikel werden kleiner, was sie gefährlicher für die Gefäßwand macht.
Unterm Strich steigt das Herzinfarktrisiko – zumindest theoretisch.
Besonders gefährdet sind Übergewichtige und Menschen mit erhöhten
Blutzucker- und Insulinwerten, die auf dem besten Weg sind, an Diabetes zu
erkranken. Denn auch Kennzahlen des Zuckerstoffwechsels – Glucosetoleranz
und Insulinempfindlichkeit - verschlechtern sich. Je fettärmer und
stärkereicher die Kost, desto schlechter die Blutwerte.
Macht Fett fett?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
empfiehlt bis heute, maximal 30 Prozent der Kalorien in Form von Fettigem zu
verspeisen und mehr als 55 Prozent als Kohlenhydrate. Wer auf die Idee kam,
wissenschaftliche Belege dafür einzufordern, erntete bestenfalls
Unverständnis, wie Nicolai Worm aus Berg am Starnberger See. In Büchern und
Vorträgen setzt sich der Ernährungswissenschaftler seit Jahren dafür ein,
zur Qualitätssicherung bei Ernährungsempfehlungen die Kriterien der
Evidenz-basierten Medizin anzuwenden.
Im Bereich der Pharmakotherapie heute selbstverständlich, könnte diese
Methode auch das essende Volk vor Trugschlüssen und Schäden schützen,
zumindest unnötige Einschränkungen der Lebensqualität abwenden. Dazu ist es
nötig, sich einen umfassenden Überblick über alle Studien zu einer
Fragestellung zu verschaffen, sie nach ihrer Aussagekraft zu gewichten und
nach international anerkannten, einheitlichen Kriterien auszuwerten. „Eine
Evidenz-basierte Vorgehensweise würde sicherstellen,“ so Worm, „dass
Ernährungsempfehlungen dem aktuellen Kenntnisstand entsprechen – und nicht
der Meinung einzelner Ernährungs-Päpste“. Es entbehrt nicht einer gewissen
Komik, dass die Evidenz-basierte Medizin gerade die Meinung von Experten auf
der niedrigsten Stufe der Beweiskraft einordnet.
Die DGE stellte sich nun der Kritik. Anlässlich ihres Kongresses, der am 14.
und 15. März in Jena stattfand, lud sie Worm aufs Podium. Der konzentrierte
sich auf die Aussage Fett mache fett und präsentierte die Daten aller
vorliegenden Langzeitstudien. Sie hatten mehrheitlich keinen Zusammenhang
zwischen Fettkonsum und Übergewicht gefunden. Studien, in denen eine
fettarme Kost zum Abspecken überprüft worden war, hatten nur magere Erfolge
erbracht: Die zusammenfassende Analyse von 16 solcher Arbeiten zeigte, dass
mit Hilfe des Fettsparens gerade mal ein Minus von 2,5 Kilo erreichbar ist –
sofern die Patienten in ein strenges Studienprotokoll eingebunden waren.
Amerikanisches Paradoxon
Auch das „amerikanische Paradoxon“ spricht
gegen die simple Hypothese vom Fett als Dickmacher: In den USA sank der
Fettanteil von 40 auf 34 Prozent der Kalorien. Gleichzeitig verdoppelte sich
die Zahl der Übergewichtigen, die Herzinfarkte wurden nicht seltener, und
Diabetes droht zur Epidemie zu werden. Vor wenigen Tagen wurden in
Großbritannien die ersten Kinder mit Erwachsenendiabetes diagnostiziert.
„Was ist das für eine Logik, immer noch weniger Fett zu empfehlen?“ wetterte
Worm.
Sein Kontrahent, der Göttinger Ernährungspsychologe und frühere
DGE-Präsident Professor Volker Pudel, hatte dem wenig entgegen zu setzen. Er
verwies auf zwei Querschnittsstudien, die ergeben hatten, dass
Übergewichtige mehr Fett essen als Schlanke. Solche Studien bieten jedoch
nur wenig Evidenz, weil Ursache und Wirkung nicht unterscheidbar sind.
Pudel, der komplexe ernährungsmedizinische Sachverhalte gerne auf einfache
Formeln bringt, will dabei bleiben: Fett mache fett, Kohlenhydrate fit!
Begründung: In der Ernährungsberatung sind nun mal Kompromisse nötig.
Aufgrund der neueren Fachliteratur sind erhebliche Zweifel an der Hypothese
vom „bösen“ Fett und den „guten“ Kohlenhydraten angebracht: So fand die
Nurses Health Study der Harvard Medical School in Boston bei rund 80.000
Krankenschwestern keinerlei Zusammenhang zwischen Herzinfarkt und
Fettverzehr. Dagegen verdoppelte sich die Infarktrate, wenn besonders viel
Kohlenhydrate mit hoher Blutzuckerwirksamkeit gegessen wurden. Ernüchternd
fiel auch die systematische Übersichtsarbeit der Arbeitsgruppe um Lee Hooper
aus Manchester aus. Anhand Evidenz-basierter Kriterien waren die Daten von
elf Interventionsstudien gepoolt worden, die eine fettarme oder
fettmodifizierte Kost untersucht hatten. Das Ergebnis war ebenso mager wie
die Diäten: Weder die Zahl der Herz- und Hirninfarkte, noch die
Sterblichkeit sanken signifikant.
Fettarm: von der Hypothese zum Dogma
„Der ernährungswissenschaftliche Mainstream
hat das Fett dämonisiert. Allerdings gelang es der Forschung selbst in 50
Jahren und mit Hunderten von Millionen Dollar nicht, zu beweisen, dass eine
fettarme Kost dabei hilft, länger zu leben.“ Zu diesem Fazit war Gary Taubes
im März 2001 in Science gekommen, nachdem er ein Jahr recherchiert und über
150 Interviews geführt hatte. Er beschreibt, wie die Fett-Hypothese in den
50er Jahren in den USA entstand und schließlich zum Dogma avancierte.
Die zugrunde liegenden Daten waren von Anfang an zweideutig. Ancel Keys,
Biochemiker aus Minnesota und Mitinitiator der amerikanischen Fettphobie,
musste schon 1952 zugeben, dass „die direkte Evidenz für einen Effekt der
Ernährung auf die menschliche Arteriosklerose sehr klein ist.“ Keys sollte
Recht behalten: Eine 1988 vom US-Gesundheitsministerium eingerichtete
Kommission, die einen wissenschaftlichen Bericht über die Schädlichkeit des
Nahrungsfettes schreiben sollte, musste ihre Arbeit nach elf Jahren ohne
Ergebnis einstellen.
Die Evidenz ist also zu schwach, um Fettspar-Empfehlungen für die
Allgemeinheit daraus abzuleiten. Selbst für die Verpflegung von
Herzpatienten ist die Datenlage relativ mager. „Es gibt viel Konsens und
wenig Evidenz“, so Clemens von Schacky, Professor für Innere Medizin, in der
Münchner Medizinischen Wochenschrift. „Es fehlt zwar nicht an guten
Ratschlägen, doch entpuppen sich viele, sofern sie in großen Studien
überprüft werden, als wirkungslos.“
Was aber könnte helfen? Vieles spricht dafür, den Menschen ihre übliche
Fettmenge von knapp 40 Prozent zu lassen und der Fettqualität mehr Beachtung
zu schenken. Längst haben sich fettreiche tierische Lebensmittel wie Fische
aus kalten Gewässern (Hering, Lachs, Makrele) als herz- und gefäßschützend
erwiesen. Dies wird auf ihren Gehalt an hoch ungesättigten
Omega-3-Fettsäuren zurückgeführt. Vorstufen dieser Fettsäuren finden sich in
Rapsöl, grünem Blattgemüse und Nüssen.
Öl und fette Fische gegen den Infarkt
Penny Kris-Etherton von der Pennsylvania
State University konnte zeigen, dass eine Kost mit 34 Prozent Fett ein
günstigeres Lipidprofil ergibt als die Variante mit 25 Prozent Fett – sofern
die Fettqualität stimmt. In diese Richtung weisen immer mehr
Stoffwechselstudien: Wird das Fett nicht reduziert, sondern überwiegend in
Form von ungesättigten, insbesondere einfach ungesättigten Fettsäuren
aufgenommen, verbessern sich Fett- und Zuckerwerte. Einfach ungesättigte
Fettsäuren, das heißt Oliven-, Raps- oder Erdnussöl, aber auch Schweine- und
Gänseschmalz.
Für Herzinfarktpatienten ließ der britische Diätverband inzwischen
Evidenz-basierte Ernährungsleitlinien ausarbeiten: Danach spricht die beste
verfügbare Evidenz dafür, nach überstandenem Infarkt eine „mediterrane Diät“
zu empfehlen. Das heißt konkret: Mehr fetten Fisch oder Fischöl-Präparate
oder Rapsöl, gesättigte Fettsäuren nicht durch Kohlenhydrate, sondern durch
einfach ungesättigte Fettsäuren ersetzten, mehr Obst und Gemüse und eher
Frisches als Fertigprodukte verspeisen. Einzig diese Kostform hat sich als
lebensverlängernd erwiesen. Für alle anderen Ratschläge, ob
kohlenhydratreich, salzarm oder angereichert mit Vitaminen, gibt es keine
vergleichbare wissenschaftliche Basis.
Der Mythos vom „bösen“ Fett ist also nicht der einzige, der einer
Generalüberholung bedarf. Zwei große amerikanische Ernährungsstudien, die
Health Professionals‘ und die Nurses Health Study, hatten erst kürzlich
gezeigt, dass das Einhalten der offiziellen Ernährungsempfehlungen für
Männer nur geringfügige und für Frauen keine nachweisbaren
Gesundheitsvorteile bringt. Die Autoren folgern daraus nicht, dass wir uns
künftig maßlos voll stopfen können, sondern dass die Ernährungsempfehlungen
überprüft werden müssen. Bis es so weit ist, lohnt wohl eine gesunde
Skepsis. Frei nach Mark Twain, der warnte: „Vorsicht beim Lesen von
Gesundheitsbüchern, du könntest an einem Druckfehler sterben.“