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Dicke Kinder - schlechte Aussichten

Ulrike Gonder

Unsere Kinder schweben offenbar in akuter Gefahr. Auf Anraten der Weltgesundheitsorganisation WHO schlagen nun auch deutsche Ärzte und Politiker Alarm: Unsere Kinder sind zu dick und zu unbeweglich. Sie drohen, zu einer Armada fettleibiger Erwachsener heranzuwachsen, die häufiger und früher als ihre Eltern an Diabetes, Herzinfarkt, Fettleber, Gallensteinen, Krebs, Arthrose, Asthma und Schlafstörungen leiden werden. Denn vier von zehn dicken Kindern und acht von zehn dicken Jugendlichen bringen auch als Erwachsene zu viele Kilos auf die Waage. 

Besorgnis erregend sind auch die Beobachtungen der Bundeswehrärzte bei den Rekrutierungs-Untersuchungen: Immer mehr Wehrpflichtige verfügen über eine schlechte körperliche Fitness und müssen ausgemustert oder gleich für untauglich erklärt werden, weil ihnen die Puste zum Rennen fehlt oder weil sie bereits unter starken Rückenschmerzen leiden. Den Verantwortlichen im Gesundheitswesen bereiten all diese Entwicklungen große Sorgen. Denn vom menschlichen Leid einmal abgesehen stellt sich die Frage, wie unser ohnehin angeschlagenes und reformbedürftiges Gesundheitssystem den prophezeiten Ansturm kranker, unfitter Dicker finanziell verkraften soll.  

Wir müssen etwas tun, keine Frage. Auch was zu tun ist, scheint klar: Mehr Bewegung und richtige Kost, das ganze am besten von Anfang an, spätestens jedoch ab dem Kindergarten. Weniger Fast Food, Süßes und Fettiges, mehr Grünzeug, Milch, Wasser und Vollkornbrot – so empfehlen es unzählige Initiativen, Ernährungsberater, Ärzte, Politiker, Ministerinnen und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Doch was auf den ersten Blick so einleuchtend, nahe liegend und einfach erscheint, hat bei näherem Hinsehen seine Tücken. 

Anzahl der Dicken unbekannt

Es beginnt damit, dass wir noch nicht einmal genau wissen, wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich zu dick sind. Da sie noch wachsen, sich ihre Größe und ihr Gewicht also ständig ändern, ist die Bestimmung von Übergewicht nicht so einfach wie bei Erwachsenen. Zwar gibt es Tabellen für Jungen und Mädchen, die anzeigen, ob ein Kind über oder unter der Gewichtsnorm für sein Alter liegt. Sie basieren jedoch nicht auf aktuellen, repräsentativen Daten. Das ist entscheidend, denn die Kinder sind in den vergangenen Jahren nicht nur schwerer geworden, sondern auch stärker gewachsen. So wurde der ostdeutsche Nachwuchs seit der Wende zwar schwerer und größer aber nicht unbedingt fetter. 

Es gibt bis heute keine wissenschaftlich eindeutige, allgemeingültige Definition für Übergewicht im Kindesalter. Forscher von der Universität Kiel haben einmal mit den verschiedenen Methoden nachgerechnet. Je nachdem, welche Definition von Übergewicht zugrunde gelegt wird, sind von 100 Kieler Grundschülern einmal 9 und einmal 21 zu dick. Wie viel übergewichtige Kinder es in Deutschland tatsächlich gibt, weiß auch Ministerin Künast nicht. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die von ihr oft geäußerte Schätzung von 20 bis 30% mittlerweile auf 10 bis 20% halbiert wurde.

Vielleicht hätte man mit reißerischen Zahlen und bundesweiten Kampagnen so lange warten sollen, bis das Robert-Koch-Institut in Berlin seine im Jahr 2003 begonnene, repräsentative Datenerhebung abgeschlossen hat. Erst wenn diese Zahlen vorliegen, werden wir genauer wissen, wie viele Kinder in Deutschland übergewichtig sind. Aber wissen wir dann auch, wie viele wir zu behandeln haben? Dicke und dünne Kinder hat es immer gegeben und es wird sie immer geben. Es gehört nunmal zur biologischen Vielfalt des Menschen, dass nicht alle die gleiche Figur haben und auch nicht haben können. Das gilt es zu respektieren. 

Soziale Schicht entscheidend

Schätzungsweise 60 bis 70% unseres Körpergewichts gehen auf das Konto unserer erblichen Veranlagung, und die können wir nicht ändern. Deswegen werden Kinder von übergewichtigen Eltern eher dick als die Sprösslinge schlanker Erzeuger. Doch nicht jeder, der zuviel auf die Waage bringt, ist automatisch krank, schon gar nicht in jungen Jahren. Im Grunde ist völlig unklar, ab welchem Gewicht das Krankheitsrisiko eines Kindes steigt. Alle Kinder, die nicht der Norm entsprechen, zum Abspecken zu verdonnern, wäre nicht nur eine Diskriminierung, es grenzte schon an Misshandlung. 

Einigkeit herrscht nur darüber, dass sich das Problem verschärft. Die Schuleingangsuntersuchungen bestätigen, dass es immer mehr dicke Kinder gibt. Allerdings ist der Anstieg nicht gleichmäßig verteilt. Es werden nicht unbedingt viel mehr Kinder dick, sondern die dicken Kinder werden immer dicker. Das Durchschnittsgewicht deutscher Schulkinder hat sich dagegen kaum verändert. Das bedeutet, dass es mehr dicke und mehr dünne Kinder und Jugendliche gibt. Wer die Ernährung der Jugend verbessern möchte, darf auch das Thema Untergewicht nicht ausklammern.

Wer die Zahlen weiter aufdröselt, stellt fest, dass es vor allem die Kinder aus Migrantenfamilien und aus niedrigen sozialen Schichten sind, die durch ihre Körperfülle auffallen. In Berlin stammen vier von fünf dicken Kindern entweder aus einer Einwanderungsfamilie oder aus einer deutschen Familie mit niedrigem oder mittlerem Sozialstatus. Bei Kindern aus deutschen Oberschichtfamilien findet sich Übergewicht nur halb so häufig. Sitzen immer mehr Migrantenkinder unter den Erstklässern, dann wundert es nicht, wenn bei den Schuluntersuchungen mehr Dicke gemeldet werden. Auch die derzeitige Verschärfung der sozialen Unterschiede in Deutschland wird sich auf die Gesundheit und die Entwicklung der Körpergewichte auswirken. 

Das heißt: Wer Übergewicht bei Kindern verhindern oder vermindern will, muss die Maßnahmen sehr gezielt auf die betroffenen Familien und ihre spezifischen Lebensumstände abstimmen. Den Familien fehlt es zwar immer häufiger an Kochkenntnissen und Zeit für gemeinsame Mahlzeiten. Doch Vorträge über gesunde oder ökologisch korrekte Ernährung bei Elternabenden, zu denen nur die einheimischen und die gebildeteren Eltern kommen, nützen da wenig. Auch wird man das Thema mit zehnjährigen türkischen Mädchen anders aufarbeiten müssen als mit vierzehnjährigen deutschen Jungs. 

Dafür sprechen die Ergebnisse der KOPS-Studie (Kieler Obesity Prevention Study): Sie belegt, dass Jungs und Mädchen unterschiedlich auf Ernährungsaufklärung reagieren und dass auch noch so gut gemeinte Hilfen in Familien mit niedrigem Sozialstatus mitunter das Gegenteil bewirken. So berichtet der Studienleiter Prof. Manfred Müller, dass sich nach einer entsprechenden Maßnahme das Übergewicht bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus eher verstärkt hat. Sorgen bereitet ihm auch, dass die Kinder aus den Oberschichtfamilien im gleichen Zeitraum zu wenig Gewicht zulegten. Um die sozialen Unterschiede nicht noch zu vertiefen und die körperliche Entwicklung der schlanken Kinder nicht zu gefährden, stellte Müller sein Schulprojekt vorläufig ein. 

Nicht-Fernsehen senkt Gewicht

Überhaupt scheint es nötig, dass die Wissenschaftler und Ernährungsberater ihre Methoden noch einmal gründlich überprüfen, bevor sie sich in blindem Aktionismus ergehen. Denn bislang erwiesen sich die meisten Ernährungs- und Bewegungskonzepte als wenig wirksam, um Übergewicht zu verhindern oder zu behandeln. Dagegen genügt es beispielsweise, Jugendliche täglich eine Stunde weniger fernsehen oder am Computer spielen zu lassen, um eine Gewichtsabnahme herbeizuführen.  

Die Ursachen für den starken Zusammenhang zwischen Fernsehen und Übergewicht sind nicht genau bekannt. Die fehlende Bewegung und der Konsum von Süßem und Gebäck können ihn nicht vollständig erklären. Denkbar – aber kaum erforscht – ist eine hormonelle Verbindung. Denn vor allen Sendungen oder Spiele mit aufregendem Inhalt lassen den Cortisonspiegel im Blut ansteigen. Das Stresshormon kann durch Bewegung abgebaut werden. Geschieht dies nicht, fördert der dauerhaft erhöhte Cortisonspiegel im Blut Übergewicht und andere hormonelle Störungen (Insulinresistenz). 

Die starke Fokussierung auf gesunde Ernährung geht jedenfalls an der Realität vorbei. Es ist bis heute nicht gelungen, den Konsum von Fast Food oder Süßigkeiten als Ursachen des Übergewichts dingfest zu machen. Die meisten Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass dicke und dünne Kinder im Durchschnitt gleich häufig Chips, Nutella oder Eis essen. Offenbar gibt es andere Unterschiede im Lebensstil und im Essverhalten zwischen den Kulturen und zwischen den Schichten, die für die Entwicklung des Körpergewichts bedeutsam sind. Entscheidend ist beispielsweise, ob die Mutter während der Schwangerschaft geraucht hat. Denn Kinder von Raucherinnen, die meist dünn auf die Welt kommen, dann aber rasch aufholen, neigen später vermehrt zu Übergewicht. Dagegen werden gestillte Kinder seltener dick als Flaschenkinder. 

Alle diese Faktoren lassen sich beeinflussen, allerdings nicht durch Diäten oder die klassische Ernährungsaufklärung, sondern durch Stillförderung, Nichtraucherkampagnen, weniger Werbung für Süßes und Fettiges in Kindersendungen, mehr Spielplätze und Radwege, sichere Arbeitsplätze und Strassen, eine bessere Gesundheitsbildung der Eltern, die Pflege einer gewissen Esskultur und wenigstens grundlegende Kochkenntnisse. 

Jene Eltern, die sich noch nie damit befasst haben, sollten erfahren, dass Kinder Zeit und Aufmerksamkeit brauchen sowie Platz und Gelegenheit zum Spielen und Toben. Dass es wichtig ist, ihnen regelmäßige Mahlzeiten zuzubereiten, ein Pausenbrot mitzugeben und wenigstens einmal täglich gemeinsam mit ihnen zu essen. Junge Eltern müssen lernen können, wie man auch mit knappem Budget gut haushält und aus Grundzutaten einfache aber leckere Gerichte kocht. Und dass es in der Familie klare Regeln und Grenzen geben muss: für den Verzehr von Süßem, Knabbereien, Limo und Cola ebenso wie für die Fernseh- und PC-Zeiten. 

In den Kindergärten und Schulen, die sich lobenswerterweise mit gesunder Ernährung beschäftigen, sollte man davon Abstand nehmen, eine bestimmte Kostform als die einzig gesunde zu propagieren. Das verbietet sich schon deshalb, weil die Kulturen unterschiedliche und dennoch gesunde Essweisen kennen und weil man den Familien und den Kindern nicht vorschreiben kann, was sie zu essen haben. Man kann den Kindern jedoch ausreichend Gelegenheiten bieten, möglichst viele Lebensmittel und Speisen kennen zu lernen, ihren Geschmacks- und Geruchssinn und ihre Genussfähigkeit zu trainieren. Das kann ein engagierter Koch oder eine erfahrene Oma vielleicht besser vermitteln als eine Ernährungsberaterin. 

Die meisten Kinder wachsen heute im Überfluss auf. Sie können an jeder Ecke für wenig Geld massenhaft Kalorienreiches kaufen. Sie brauchen keine Diäten und keinen erhobenen Zeigefinger, wenn es sie nach Süßem verlangt. Sie müssen lernen dürfen, mit diesem Überfluss zurecht zu kommen, müssen ihren eigenen Weg zu einem guten Körpergefühl und genügend Selbstwertgefühl im Umgang mit den alltäglichen Versuchungen finden dürfen.