Printversion. Quelle: www.optipage.de
Ulrike Gonder
Angeblich „gesunde“ Ernährung macht krank
Nein, es geht nicht um Nitrofen, Hormone oder BSE. Das alles ist schlimm
genug und müsste mitsamt der illegalen Machenschaften, die dahinter stecken,
noch heute aus der Welt geschafft werden. Es geht vielmehr um die ganz
„normalen“ Empfehlungen der Ernährungswissenschaft zur „gesunden“ Ernährung.
Seit 40 Jahren hören wir, gesund sei eine möglichst fett-, cholesterin- und
salzarme Kost, die dafür reich an Kohlenhydraten und Ballaststoffen ist.
Kaum ein Ratgeber, der nicht vor fettigen Fingern beim Essen warnt und
stattdessen Vollkornknäcke und Nudeln empfiehlt. So fürchtet sich alle Welt
vor Butter und Öl, Sahne und Speck. Und stopft derweil Brot, Müsli und
Kartoffeln en masse in sich hinein – von irgend etwas muss der Mensch ja
satt werden. Diese „komplexen“ Kohlenhydrate seien (im Gegensatz zu Zucker)
die „guten“: gesund und der Garant für eine schlanke Linie.
Womöglich wurden die Menschen jahrzehntelang falsch beraten. So hatten
kürzlich zwei amerikanische Studien ergeben, dass ein „gesundes“
Essverhalten im Sinne von „fettarm-kohlenhydratreich“ kaum Vorteile bringt.
Die Bostoner Forscher rieten darauf hin keineswegs zu Gleichgültigkeit oder
Völlerei, sondern forderten dazu auf, die gängigen Regeln zu hinterfragen.
Fettarm zum Infarkt
Ein Leben lang sparsam mit Butter, Ei, Käse und Fleisch – und nun soll alles
umsonst gewesen sein? Zwar rückten kritische Wissenschaftler dem Dogma vom
Fett als Gesundheitsrisiko schon lange zu Leibe – dennoch hielt es sich
hartnäckig. Dabei konnte es wissenschaftlich nie bewiesen werden.
Und nun kommt es noch schlimmer: Immer mehr Studien zeigen, dass die
üblichen Essvorschriften die Zivilisationsleiden, die sie verhindern
sollten, eher fördern. Damit könnte sich die Verdammung der Fette als Dick-
und Krankmacher als einer der größten Fehler in der Geschichte der
Ernährungswissenschaft erweisen.
Ausgerechnet die als Gesundheitsgaranten gepriesenen Kohlenhydrate entpuppen
sich immer mehr als Bösewichter – egal, ob in Form von „komplexer“ Stärke
(Brot, Nudeln) oder als „einfacher“ Zucker in Süßwaren und Getränken. Je
mehr Kohlenhydrate verzehrt werden und je stärker diese den
Blutzuckerspiegel erhöhen, desto häufiger kommt es zu Übergewicht,
Herzkrankheiten und Diabetes. Damit einhergehend steigt das Risiko für
Schlaganfall, bestimmte Krebsformen, Blindheit, Nierenschäden und
Amputationen. Seltsam nur, dass die Öffentlichkeit von solchen
Studienergebnissen kaum etwas erfährt.
Alles wird Zucker
Kohlenhydrate werden im Körper zu Zucker
abgebaut. Der wiederum regt die Ausschüttung des Hormons Insulin an, ein
völlig normaler und notwendiger Vorgang. Werden jedoch zu viele
Kohlenhydrate gegessen und nicht durch körperliche Aktivität verwertet, kann
die Insulinmenge den gesunden Bereich überschreiten. Ist zu viel Insulin im
Blut, fördert es Übergewicht, es lässt den Appetit ins Uferlose steigen und
verhindert das Abnehmen.
Zudem verschlechtern sich die Cholesterinwerte und die Blutfette steigen,
beides Risikofaktoren für Herzinfarkt. So tritt bei einem hohen
Kohlenhydratverzehr das genaue Gegenteil dessen ein, was man mit gesunder
Ernährung erreichen möchte – insbesondere bei übergewichtigen
Bewegungsmuffeln und Menschen mit bereits gestörtem Zuckerstoffwechsel.
Die Ernährungswissenschaft hat diese Zusammenhänge weitgehend ignoriert.
Dabei gibt es schon lange Hinweise darauf, dass Fett gar nicht so schädlich
und Kohlenhydrate gar nicht so gesund sind. Eine Reihe von praktischen
Ärzten wie etwa der Österreicher Wolfgang Lutz oder der durch seine
„Diät-Revolution“ in den 70er Jahren bekannt gewordene US-Arzt Robert Atkins
warnen seit Jahrzehnten vor der Insulin-Kohlenhydrat-Falle. Statt die
Beobachtungen dieser Mediziner zu überprüfen, tat man sie hochnäsig als
Außenseiter ab und brandmarkte ihre meist fett- und eiweißbetonten,
kohlenhydratarmen Kostempfehlungen als gefährlich.
Die vermeintlichen Außenseiter erleben derzeit immer mehr Zulauf, vor allem
in den USA und in Großbritannien. Kein Wunder, denn dort explodieren die
Zahlen der Dicken und Zuckerkranken förmlich – trotz des rückläufigen
Fettverzehrs. In den USA ist bereits jedes 4. Kind übergewichtig.
Alarmierend ist auch, dass inzwischen bereits Kinder am so genannten
Altersdiabetes erkranken. Mit etwas weniger Ignoranz gegenüber
Andersdenkenden wäre diese Entwicklung vielleicht zu verhindern gewesen.
Auch ein Blick in die Geschichte der Menschheit hätte geholfen.
Ausprobieren!
Was ist zu tun? Einstweilen sollten die
Verbraucher einmal kritisch in sich hineinhorchen. Wem eine
kohlenhydratreiche Kost gut schmeckt, wer dabei keine Blähungen hat, gesund
ist und sich wohl fühlt, möge mit Genuss und Freude dabei bleiben. Wer aber
dick und krank oder aufgebläht und müde dabei ist, sollte einmal eine fett-
und eiweißbetonte Kost ausprobieren. Gut möglich, dass dabei nicht nur das
Gewicht sinkt, sondern auch Blutfett-, Blutzucker- und Blutdruckwerte besser
werden.
Die Ernährungswissenschaft ist derweil aufgerufen, zu überprüfen, ob nicht
eine brot- und nudelarme, fleisch-, ei- und fischbetonte Kost mit
ausreichend Gemüse und Obst viel gesünder ist, als das, was sie derzeit
empfiehlt. Es ist höchste Zeit, zu handeln: Dortmunder Ernährungsforscher
berichteten gerade im British Journal of Nutrition, dass deutsche Kinder
immer weniger fetthaltige Lebensmittel verspeisen. Dafür langen sie –
während ihre Muskeln vor den Bildschirmen Dauerpause haben – bei
kohlenhydratreichen Getreideflocken und Brot kräftiger zu. Wer diese
Entwicklung weiter unkritisch voran treibt, muss sich womöglich bald
vorhalten lassen, Übergewicht und Diabetes in der jungen Generation nach
Kräften gefördert zu haben.