Printversion. Quelle: www.optipage.de
Ulrike Gonder
Wie viele Menschen verkneifen sich noch immer das Frühstücksei und
erst recht den gebratenen Speck, aus Angst ihren
Cholesterinspiegel in die Höhe zu treiben? Das Cholesterin spukt
noch immer als Schreckgespenst in Sachen Herzinfarkt durch die
Köpfe – auch bei den Ärzten, die es eigentlich längst besser
wissen sollten. Die jahrzehntelange Anti-Cholesterin-Propaganda
wirkt nach. Mal ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal ein
saftiges Omelett genossen – ohne schlechtes Gewissen?
Haben Sie nicht auch das Schweineschmalz aus Ihrer Küche verbannt?
Oder mit dem Gedanken gespielt, sich die Butter vom Brot nehmen zu
lassen? Hoffentlich sind Sie standhaft geblieben und haben der
allgegenwärtigen „low-fat-low-cholesterol“-Versuchung widerstehen
können. Denn ein Beweis für die Theorie, dass zuviel Cholesterin
im Essen zu Herzinfarkt und Arterienverkalkung führt, steht bis
heute aus. Schlimmer noch: Der Verzicht auf all die cholesterin-
und fetthaltigen Leckerbissen hat die Ernährungsbewussten unter
uns kein bisschen gesünder gemacht.
Wie ein Risikofaktor entsteht
Die Zahl der wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Thema
Herzinfarkt und Ernährung befasst haben, ist mittlerweile
unüberschaubar. Als braver Esser und Steuerzahler möchte man daher
meinen, dass die Zusammenhänge geklärt, die Schuldigen dingfest
gemacht und die richtige Ernährung für ein gesundes Herz längst in
aller Munde ist. Doch weit gefehlt. Trotz ihrer von Anfang an
ersichtlichen Mängel hält sich die Cholesterin-Infarkt-Hypothese
mit erstaunlicher Hartnäckigkeit.
Den Cholesterin-Gegnern kam zugute, dass der Cholesterinspiegel
mit dem Alter ansteigt und dass gewöhnlich mehr alte als junge
Menschen an Herz- und Gefäßerkrankungen sterben. Zudem weist ein
Teil der Infarktpatienten hohe Cholesterinwerte auf. Damit schien
die Argumentationskette perfekt: Wer zuviel Cholesterin isst, hat
zuviel davon im Blut und stirbt eher am Infarkt. Soweit die
Theorie.
Die wissenschaftlichen Daten sprechen seit langem klar dagegen:
Nur in drei von mindestens 16 Langzeitstudien zeigte sich ein
statistischer Zusammenhang zwischen der Cholesterin-Zufuhr und dem
Auftreten von Herzinfarkten. (1) Das heißt, dass es mindestens 13
Studien gibt, die das Cholesterin im Essen freisprechen. Diese
mehr als eindeutige Datenlage scheint die etablierte
Ernährungswissenschaft aber nicht im Geringsten zu stören, denn
sie empfiehlt bis heute, zum Schutz des Herzens die
Cholesterin-Zufuhr zu beschränken. (2, 3)
Unser Cholesterinspiegel steigt im Laufe des Lebens an – egal, was
wir essen. Während der durchschnittliche Wert bei jungen Menschen
um die 200 mg% schwankt, zeigen die meisten Fünfzigjährigen einen
Cholesterinpegel von 250, und bei Siebzigjährigen können Werte von
knapp 300 völlig normal sein. (4) Davon unbeeindruckt haben die
diversen Herz-Gesellschaften der Industrienationen immer wieder
Normwerte für alle festgelegt, zuletzt im Oktober 2000. (3)
Während früher landläufig die alte Faustregel „200 + Lebensalter“
galt, drückte man den als „normal“ angesehenen Cholesterinwert
über die Jahre immer weiter nach unten. Zur Zeit liegt er bei 200
mg%, also beim Level der unter 25jährigen. Das ist schon deswegen
unsinnig, weil jeder Mensch einen eigenen, individuellen
Cholesterinwert hat, der je nach Alter, Jahreszeit, Hunger,
Stress, Geschlecht, körperlicher Aktivität, Tageszeit, Klima,
Hormon- und Gesundheitszustand variiert. (5, 6)
Das statistische Risiko für einen Herzinfarkt steigt zwar mit dem
Cholesterinspiegel an, (7, 8) die allermeisten Infarkte
„passieren“ jedoch bei völlig unauffälligen Blutcholesterinwerten.
(1) Was soll da ein Wert für alle? Mit dem niedrig angesetzten
„Normalwert“ von 200 mg% hatten aber rund 80% der deutschen Männer
plötzlich einen „Risikofaktor“, der sie zu potentiellen
Infarktkandidaten machte. Selbstverständlich wurden die Werte auch
gleich auf den weiblichen Teil der Bevölkerung angewendet – obwohl
es für Frauen überhaupt keine Daten gab. (9)
Diese Zahlenspielereien lassen den wahren Hintergrund derartiger
„Präventions-Maßnahmen“ erahnen: Da die Mehrheit der Bevölkerung
per Definition zu Patienten gemacht werden konnte, ließ sich mit
dem „Normalwert“ eine Menge Geld verdienen. Schließlich halten die
meisten „Patienten“ ihre magere Diät auf Dauer nicht durch oder
sie bewirkt nichts. Und Cholesterin senkende Medikamente sind
teuer.
So gesehen ist es kein Wunder, dass sich die
Nahrungscholesterin-Verteufler durchgesetzt haben. Doch wie kommt
es, dass die Kritiker der Cholesterin-Hypothese so wenig Gehör
fanden? Ein schwedischer Wissenschaftler ging dieser Frage nach:
Er durchforstete die wissenschaftlicher Literatur und fand heraus,
dass jene Studien, die die Cholesterin-Verteufelung unterstützten,
sechsmal häufiger zitiert wurden als Studien, die nicht in dieses
Weltbild passten – obwohl ihre Anzahl etwa gleichgroß war. (10) So
wird aus einer wackeligen Hypothese eine wissenschaftliche
Tatsache.
Ohne Cholesterin läuft nicht
Theorien hin, Mogeleien her, fest steht, dass das Cholesterin aus unserer Nahrung kaum einen Einfluss auf den Cholesteringehalt in unserem Blut hat. Der Grund dafür ist einfach: Cholesterin ist kein Gift, sondern eine lebensnotwendige Substanz, ein elementarer Baustein aller Körperzellen. Egal ob Herz, Hirn oder Nerven, ohne Cholesterin läuft nichts. Und weil das Cholesterin so wichtig ist, verlässt sich unser Organismus nicht darauf, dass wir genug davon essen. Er macht das, was er braucht, einfach selbst.
Der Körper braucht Cholesterin (11)
... für die Funktion der Zellmembranen
... für die Bildung der Gallensäuren zur Fettverdauung
... für die Bildung der Sexual- und Stresshormone
... für die Bildung von Vitamin D
... zur Unterstützung des Immunsystems
... für die Elastizität der roten Blutkörperchen
... für die Gehirnentwicklung beim Baby
... für die normale Entwicklung des Embryos
... für die Stimmung
Alle unsere Körperzellen können selbst Cholesterin herstellen: Je nachdem, wie viel gebraucht wird, schwankt die tägliche Eigenproduktion beim gesunden Menschen zwischen einem und eineinhalb Gramm. (12-14) Das ist zwei- bis dreimal soviel, wie wir im Durchschnitt verspeisen. (14) Essen wir weniger Cholesterin, produziert der Körper entsprechend mehr – und umgekehrt. Bei reichlicher Nahrungszufuhr steigt zudem die Cholesterinausscheidung, deren Ausmaß von unseren Erbanlagen bestimmt wird. Eine Ausnahme bilden die genetisch bedingten, schweren Störungen des Cholesterinstoffwechsels, die in der Tat behandlungsbedürftig sind. Beim Gesunden sorgt jedoch die Selbstregulation des Organismus dafür, dass der Cholesterinspiegel konstant bleibt – egal, welches Niveau die gängige Ernährungstheorie gerade anstrebt. (12)
Natürlich ist dies den Ernährungswissenschaftlern nicht völlig entgangen. Sie fanden jedoch bald heraus, dass andere Nahrungsbestandteile den Cholesterinspiegel in gewissen Grenzen beeinflussen können, allen voran die Fette und ihre Bestandteile, die verschiedenen Fettsäuren. Rasch waren die neuen Bösewichte ausgemacht und die Cholesterin-Theorie „ergänzt“: Gesättigte Fettsäuren, so verlautete jetzt, seien die wahren Schurken. Versteckt vor allem in Fetten tierischen Ursprungs erhöhten sie den Cholesterinspiegel und schädigten so Herz und Gefäße. Wen stört es da, dass auch Rindertalg, Gänse- und Schweineschmalz mindestens zur Hälfte aus ungesättigten Fettsäuren bestehen, die den Cholesterinspiegel entweder gar nicht beeinflussen oder ihn senken. (11)
Und wie steht es mit dem Risiko für
Herz und Gefäße? Um es kurz zu machen: Es gibt bis heute keinen
Beleg für die These, dass der Verzehr von tierischen Fetten oder
gesättigten Fettsäuren zu Infarkt und Schlaganfall führt. (15) Im
Gegenteil: In Japan treten dort die wenigsten Schlaganfälle auf,
wo der Fettverbrauch am höchsten ist. Auch in Hawaii und den USA
nahm die Zahl der Schlaganfälle mit steigendem Fettverzehr ab. Der
für Japan prophezeite Anstieg der Infarkte durch die fettere
Ernährung der letzten Jahre blieb bislang aus. (1, 16)
Weder im Vergleich von 17 europäischen Ländern, noch in den großen
Langzeitstudien mit insgesamt mehr als 150.000 Teilnehmern ließ
sich die Fett-Infarkt-Theorie erhärten. (17, 18) In Spanien, wo
die Sterblichkeit an koronaren Herzkrankheiten seit 1975 auf dem
Rückzug ist, wurde im gleichen Zeitraum bei Fleisch, Fisch und
Käse kräftiger zugelangt. Dort, wo der Fettverzehr am deutlichsten
gestiegen war, fand sich die niedrigste
Herz-Kreislauf-Sterblichkeit. (19)
Doch zurück zum Cholesterin. Vielleicht kann ja eine fettarme Diät
überhöhte Cholesterinspiegel im Blut senken. Das kann sie
tatsächlich. Allerdings ist das Ausmaß der Körperreaktion
individuell sehr unterschiedlich; manchmal steigt der
Cholesterinpegel sogar an. (20) Meist sinkt er nur minimal und
auch nur vorübergehend, weil kaum jemand die magere Kost auf Dauer
durchhält: Die vielen großen Studien, in denen mit Hilfe von Diät
und gesundheitlicher Umerziehung der Cholesterinspiegel gesenkt
werden sollte, verliefen unterm Strich ernüchternd. Langfristig
sank das Cholesterin nur um drei bis sechs Prozent und das auch
nur in kontrollierten Studien. (1, 21) Wer die Diät zuhause auf
eigene Faust durchführte, schaffte langfristig nur magere zwei bis
drei Prozent weniger Cholesterin.
Risiko Cholesterinmangel
Wenn also der Cholesterinspiegel unter einer Diät nicht wesentlich
sinkt, ist das nur normal. Und weil das Cholesterin so wichtig
ist, ist die Sturheit, mit der unser Körper an „seinem“
Cholesterinspiegel festhält, ein Segen. Der inzwischen verstorbene
Pathologe Hans Kaunitz von der Columbia-Universität in New York
vermutete vor Jahren sogar, dass Cholesterin eher ein Schutzfaktor
gegenüber Herzinfarkt darstellt. (22) Kaunitz sollte insofern
recht behalten, als heute in „gutes“ HDL-Cholesterin und „böses“
LDL-Cholesterin unterschieden wird. Je höher das HDL-Cholesterin,
desto besser für Herz und Gefäße.
Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass niedrige bzw. gesenkte
Cholesterinspiegel schädlich sein können. Tatsächlich zeigen
Untersuchungen in mehreren Krankenhäusern, dass ältere Menschen
mit hohem Cholesterinspiegel eine bessere Überlebenschance haben.
(23) Egal, ob „freilaufende Senioren“, Bewohner von Altenheimen
oder Schlaganfallpatienten: Alte Menschen mit viel Cholesterin im
Blut leben länger als solche mit sehr niedrigen Werten. (24-26)
In anderen Studien ging der stets gepriesene niedrige
Cholesterinspiegel mit erhöhten Krebsraten einher. (11, 27) Auch
Lungenerkrankungen, Unfälle, Selbstmorde und andere Todesursachen
nehmen zu, wenn der Cholesterinspiegel niedrig ist. (9, 28-31)
Diese Zusammenhänge werden gerne ignoriert oder heruntergespielt.
So bemühten sich auch die Autoren der Basel-Studie nach Kräften,
den offensichtlichen Zusammenhang zwischen niedrigen
Cholesterinwerten und Krebs wegzudiskutieren. Doch es half alles
nichts: Bei Männern jenseits der 60 erhöht ein Cholesterinspiegel
unter 200 mg% das Risiko für Lungen-, Prostata- und Darmkrebs.
(32) Ein solcher Cholesterinspiegel wird von führenden
Ärzteorganisationen bis heute als normal und erstrebenswert
angesehen. (3)
Die erhöhte Krebsrate wird gelegentlich als Folge und nicht als
Ursache der Krebserkrankung dargestellt – eine Behauptung, die
bislang nicht bewiesen werden konnte. Die Biochemiker Davies und
Gershwin von der University of California bieten eine andere
Erklärung an: Sie gehen davon aus, dass bei einem Teil der
Bevölkerung die körpereigene Cholesterinproduktion durch einen
Gendefekt vermindert ist. Damit fehlt dem Körper aber nicht nur
das Cholesterin, sondern auch wichtige Zwischenprodukte aus der
Synthese. Diese Zwischenprodukte sorgen normalerweise für eine
geregelte Zellteilung und schützen so vor Krebs. (27)
Falls Sie zu den Opfern der allgemeinen
Anti-Fett-und-Cholesterin-im-Essen-Hysterie gehören, sollten Sie
schleunigst zu einem „normalen“ Leben zurückkehren. Denn auch mit
der allseits propagierten Cholesterinspiegel-Senkung durch Diät
erweist man den Menschen einen Bärendienst: So fand der oben
bereits genannte schwedische Wissenschaftler auch heraus, dass
sämtliche Anstrengungen in Sachen Cholesterin vergeblich waren:
Alle Studien bestätigten, dass eine Senkung des Serumcholesterins
durch Diät – so sie denn gelingt – die Zahl der Herzinfarkte kaum
senkt und die Lebenserwartung nicht verändert. (33) Eine aktuelle
Analyse von 27 Studien stützt dieses Ergebnis. (34) Das heißt, wer
sich Eier und Speck verkneift, lebt nicht einen Tag länger.
Die Jagd nach Cholesterin
Offenbar kommt unser Organismus prächtig mit dem von vielen
Ärzten und Ernährungsberatern verteufelten Cholesterin zurecht.
Woran liegt´s? Alles deutet darauf hin, dass wir Menschen von
Natur aus an eine hohe Zufuhr angepasst sind. Denn wir sind
mitnichten überwiegend Pflanzen-, Obst- oder Körneresser, wie es
uns Vegetarier und Vollwert-Köstler gerne weismachen wollen. Der
Mensch ist vom Körperbau und von seiner Evolution her ein
Allesfresser, der offenbar seit Jahrmillionen fette und
cholesterinreiche Nahrung über alles liebt.
Zunächst konnten unsere Vorfahren davon jedoch nur träumen: Als
sie vor etwa drei Millionen Jahren die schützenden Wälder
verließen, um in der offenen Savanne zu leben, standen auf ihrer
Speisekarte neben Wurzeln, Früchten und Blättern nur kleinere
Beutetiere. Doch Hunger macht erfinderisch, und schließlich wurde
das Menü durch Aas ergänzt – auch wenn uns heute bei dieser
Vorstellung graust. Irgendwann haben die Ur-Menschen entdeckt,
dass in dem, was die großen Raubtiere übrig gelassen hatten, noch
reichlich Nahrhaftes steckt: Knochen und Schädel aufzubrechen, war
ihre einzige Chance, an Knochenmark und Hirn zu gelangen, die
beide ziemlich fett- und cholesterinreich sind. (11)
Der alte Streit um die „artgerechte“ Ernährung des Menschen klärt
sich dank moderner Analysemethoden allmählich auf. So staunten die
Anthropologen nicht schlecht, als die Isotopen-Analyse zweier
Neanderthaler aus der kroatischen Vindija-Höhle fast die gleichen
Messwerte ergab wie beim Wolf und beim arktischen Fuchs. (40) Das
bedeutet, dass sie fast ausschließlich von tierischer Beute lebten
und folglich reichlich Fett und Cholesterin verspeisten.
Loren Cordain von der Colorado State Universität untersuchte die
Essgewohnheiten von 229 „modernen“ Jäger- und
Sammlergesellschaften, um daraus Rückschlüsse auf eine möglichst
optimale Ernährung zu ziehen. (41) Immerhin lebten die Menschen
bis auf die letzten 10.000 Jahre als Jäger und Sammler. Das
entspricht 99,6 Prozent der Zeit, die wir auf diesem Planeten
wandeln. Cordain geht daher davon aus, dass die meisten von uns
genetisch noch immer an die „Steinzeit-Ernährung“ angepasst sind.
Leben „moderne“ Jäger und Sammler überwiegend von dem, was
gesammelt oder von dem, was gejagt wird? Ältere Schätzungen waren
von einem Verhältnis von 65 Prozent pflanzlicher und 35 Prozent
tierischer Kalorien ausgegangen. Bei der Berechnung hatte man
jedoch einen Teil der Jagdbeute, nämlich die cholesterinreichen
Innereien, sowie das, was die Fischer an Land zogen „vergessen“.
Cordains Analysen zeigen, dass die neuzeitlichen Jäger- und
Sammlervölker – wo immer es ökologisch möglich ist – überwiegend
von der Jagd leben. (41) Bei drei von vier dieser Völker stammen
mehr als die Hälfte aller Kalorien von Beutetieren. Je weiter
nördlich sie leben, desto wichtiger ist die tierische Nahrung. Nur
jedes achte „Naturvolk“ lebt überwiegend von pflanzlicher Kost.
Mit Hilfe von Daten über den Nährwert heutiger Wildpflanzen und
-tiere schätzten Cordain und sein Team den Fettanteil der Nahrung
ab. Sie kommen zu dem Schluss, dass die überwiegende Mehrzahl der
modernen Jäger und Sammler durchschnittlich 43 bis 58 Prozent
ihrer Kalorien in Form von Fett überwiegend tierischer Herkunft
aufnehmen (41) – ohne am Herztod dahinzusiechen.
Sicher, Naturvölker unterscheiden sich
in vielen Aspekten von uns Mitteleuropäern, nicht nur in der Fett-
und Cholesterinzufuhr. Vor allem die regelmäßige körperliche
Aktivität und der Kalorienaufwand, den sie erbringen müssen, bis
sie an etwas Essbares gelangen, ist nicht mit unserem Lebensstil
zu vergleichen. Wir können mit dem Wagen bequem zum „drive-in“
rollen und ohne auch nur einen Finger krümmen zu müssen,
massenhaft Kalorien tanken. Unserer Gesundheit tut diese „faule“
Lebensweise sicher nicht gut. Doch ändert dies nichts an der
Tatsache, dass tierische Fette und Cholesterin in Sachen
Herzinfarkt zu unrecht beschuldigt werden.
Krank durch „gesunde“ Ernährung
Für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Frankfurt
gilt noch immer, dass wir uns am besten vor
Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, wenn wir höchstens 30
Prozent der Kalorien in Form von Fett essen und dafür bei den
Kohlenhydraten umso kräftiger zulangen. (44) Schließlich ist man
dort besonders stolz auf die Konstanz der Ernährungsregeln. So
sind es immer nur die „anderen“, die mit neuen Fakten zur
„Verunsicherung der Verbraucher“ beitragen. Sei´s drum. Fest
steht, dass diese empfohlene Kost nicht nur das genaue Gegenteil
dessen ist, was unsere Vorfahren verspeist haben. Sie hat bislang
auch beim domestizierten Homo sapiens kaum genützt, sondern eher
geschadet.
Denn genau unter dieser fettarmen „Herzschutz-Kost“ entstehen die
miesesten Blutfettwerte: (45, 46) Das „böse“ LDL-Cholesterin sinkt
zwar, das „gute“ HDL-Cholesterin allerdings auch. Da das
Verhältnis von LDL zu HDL das Herzinfarktrisiko sehr viel besser
beschreibt als der Gesamtcholesterinspiegel, bedeutet die
gleichzeitige Senkung beider Werte keine Risikominderung. (1)
Schlimmer noch: Das „gute“ HDL sinkt umso stärker, je weniger Fett
wir essen. Deshalb bringt eine besonders fettarme Ernährung den
Cholesterinspiegel am meisten durcheinander. Zudem steigen unter
der fettarmen und kohlenhydratreichen Kost die Blutfette, die
sogenannten Triglyceride, rapide an. (47) Genau diese
Konstellation, viel Triglyceride und wenig HDL-Cholesterin, gilt
als ganz besonders ungünstige Prognose für Infarktgefährdete.
Gleichzeitig verschlechtern sich weitere Risikofaktoren für
Herzinfarkt und Schlaganfall, wie z.B. der Gehalt an Zucker,
Insulin und an dem Transport-Eiweiß Lp(a) im Blut. Besonders
betroffen sind Menschen mit einem bereits gestörten Insulin- und
Fettstoffwechsel, die ohnehin ein hohes Infarktrisiko haben.
Wundert es Sie jetzt noch, dass zumindest bei dieser
Personengruppe eine Ernährung mit 40 bis 50 Prozent Fettgehalt zu
wesentlich günstigeren Blutzucker- und Blutfettwerten führte? (48)
Eine fettarme Kost fördert dagegen ganz nebenbei auch noch die
Entstehung von Gallensteinen (69) und sorgt für schlechte Laune.
(49) Wohlgemerkt, es handelt sich um die nachgewiesenen Folgen der
noch immer offiziell empfohlenen Herzschutz-Kost!
Eigentlich müsste angesichts solcher Ergebnisse ein Aufschrei
durch die Gemeinde der Ernährungsbewussten und -berater gehen.
Doch das Echo ist eher verhalten. Man hört es offenbar nicht
gerne, dass die jahrzehntelang gepredigten Ernährungsregeln
schlicht falsch sind. Zum Beispiel die Warnung vor Eiern: Hier
gaben kürzlich zwei der größten und aussagekräftigsten
US-Ernährungsstudien, die je durchgeführt wurden, Entwarnung:
Weder bei 80.000 Krankenschwestern noch bei 35.000 Männern aus
Gesundheitsberufen fand sich ein Zusammenhang zwischen der Menge
der verzehrten Eier und dem Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko.
(50) Bei Frauen stieg das „gute“ HDL sogar an, wenn sie zusätzlich
zu ihrer üblichen Ernährung täglich ein Ei verspeisten. (51)
Das Dilemma trifft die Branche auf breiter Front: Auch wer sich
auf ihren Rat hin jahrzehntelang „gesunde“ Margarine auf´s
Brötchen gestrichen hat, ist dem Infarkt heute vermutlich näher
als die Anhänger der guten alten Butter. Mittlerweile schüren
zahlreiche große Studien die Skepsis gegenüber der „Kunstbutter“:
So fand sich in der seit mehr als zwanzig Jahren laufenden
Framingham-Studie kein Zusammenhang zwischen Infarkt und
Butterverzehr. Aber je mehr Kunstfett die Männer des
US-amerikanischen Städtchens aßen, desto häufiger traten koronare
Herzkrankheiten auf. (52, 53) Auch die Auswertung der
Ernährungs-Fragebögen von 85.000 US-Krankenschwestern ergab, dass
das Risiko für eine koronare Herzkrankheit mit dem Verzehr von
Margarine ansteigt. (17)
Als Ursache werden Begleitstoffe angenommen, die bei der
Fetthärtung entstehen, insbesondere bei der Teilhärtung (partielle
Hydrierung): Damit die Rohstoffe in Form von Margarine auf´s Brot
gestrichen werden können, müssen die flüssigen Öle chemisch
gehärtet werden. Dabei entstehen Fettsäuren, die sich von ihren
natürlichen Verwandten deutlich unterscheiden:
Die möglichen Varianten und Kombinationen veränderter Fettsäuren konnten bislang von keiner Labor-Analytik vollständig erfasst werden. Deshalb ist die Zusammensetzung von Margarine bis heute ein Buch mit sieben Siegeln. Und auch die biologischen Wirkungen der neu entstehenden Fettabkömmlinge sind noch immer nicht aufgeklärt. So gelten derzeit die trans-Fettsäuren als schädlich für das Herz des Margarine-Essers, ihre Bedeutung ist aber noch nicht zweifelsfrei geklärt. Studien, die gegen einen Effekt der trans-Fettsäuren sprechen (54), sind dennoch kein Freibrief für die Margarine, denn es bleiben genügend andere fehlgebildete Fettbestandteile als potentielle „Schadstoffe“ übrig.
In der großen Krankenschwestern-Studie erwies sich nicht nur die
Margarine als Risikofaktor für Herz- und Gefäßleiden, sondern auch
Gebäck und Weißbrot, die allesamt mit Spezialfetten hergestellt
werden, so genannten Ziehmargarinen. (11, 17) Auch Pommesbuden und
die Lebensmittelindustrie verwenden aufgrund der günstigen
technologischen Eigenschaften große Mengen an Ziehmargarine. Damit
die Margarine die gewünschten Eigenschaften erzielt, muss sie aber
reichlich trans-Fettsäuren enthalten. (11) In Haushaltsmargarinen
hat die Industrie die trans-Fettsäuregehalte zwar drastisch
reduziert – dem Käufer von Gebäck, Fritten und Fertiggerichten
nützt das aber nichts.
Die Lebensmittelindustrie versorgt uns nicht nur mit unerwünschten
trans-Fettsäuren, sondern auch mit fragwürdigen
Cholesterin-Abkömmlingen: So genannte Oxycholesterine entstehen
zwar auch im Körper, vor allem jedoch bei der industriellen
Produktion von Ei- und Milchpulver, von Sprühfetten oder
geriebenem Käse. Sobald die Lebensmittel mit Luft in Kontakt
kommen, oxidiert ein Teil des „normalen“ Cholesterins zu
Oxycholesterinen. (11)
Im Gegensatz zum „normalen“ Cholesterin ist die Liste der Untaten
der Oxycholesterine lang: Sie verändern die Zellmembranen, hemmen
die Cholesterin- und Prostaglandinbildung, stimulieren das
Zusammenkleben von Blutplättchen und stören die Funktion der
Bindungsstellen für das LDL-Cholesterin. Sie verändern die
Verteilung des Cholesterins im Körper, fördern die Bildung von
Schaumzellen und reichern sich in der „bösen“ LDL-Fraktion an.
(58) Haben wir jetzt den wahren Schurken in Sachen Arteriosklerose
und Herzinfarkt gefunden?
Eine andere Beobachtung scheint dem zu widersprechen: Der Körper
selbst bildet in der Leber und in den Nebennieren spezielle
Oxycholesterine, mit deren Hilfe er den Cholesterinspiegel
reguliert. Sie bremsen bei Bedarf die Cholesterinbildung und
erhöhen dessen Ausscheidung. (59) Das Cholesterin selbst scheint
also nur die Reservesubstanz im Organismus zu sein. Die
eigentlichen Wirkstoffe sind ausgerechnet die verteufelten
Oxycholesterine.
Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären? Im
Gegensatz zur gezielten und kontrollierten Bildung bestimmter
Oxycholesterine im Körper entstehen während der
Lebensmittelverarbeitung Oxidationsprodukte in unkontrollierter
Menge und unbekannter Zusammensetzung. Darunter befinden sich dann
auch jene hochgiftigen Verbindungen, die den Fettstoffwechsel
stören und die Arteriosklerose fördern.
Fertigprodukte wie Puddingpulver, Mikrowellenmenüs, Mayonnaisen,
Nudeln oder Eis enthalten heute statt frischer Eier getrocknetes
Eipulver. (11) Vor allem, wenn sie lange gelagert werden,
enthalten sie reichlich Oxycholesterin. So vervierfachten sich die
Oxycholesteringehalte von Keksen, die mit Eipulver gebacken waren,
innerhalb von einem Monat. (60)
So riskant kann es also sein, sich an die Empfehlungen der
Ernährungsberater zu halten: Wer aus Angst um sein Herz auf´s
tierische Fett verzichtet, verspeist stattdessen „rein
pflanzliche“ Kekse, Nuss-Nugat-Cremes, Chips und „ausgewogene“
Fertigmenüs, die bedenkliche trans-Fettsäuren und Herz schädigende
Oxycholesterine enthalten. (61, 62) Wer die cholesterinreiche
Butter meidet, landet bei der Margarine, die vor unbekannten und
gesundheitlich fragwürdigen Fettabkömmlingen nur so strotzt. Da
hilft es auch nicht, dass die Kunstbutter nun noch „gesünder“
werden soll: Der neueste Schrei sind Margarinen wie ProAktiv von
Unilever, die mit pflanzlichen Sterinen angereichert sind:
Campesterin, ß-Sitosterin und Stigmasterin sollen vor Herzinfarkt
schützen, indem sie die Aufnahme von Cholesterin im Darm
verringern. Sie sind – wie die Wortendung „-sterin“ bereits verrät
– alle eng mit dem Cholesterin verwandt und konkurrieren mit
diesem um die Transportsysteme im Darm. Sind die „Speditionen“
durch pflanzliche Sterine blockiert, kann der Körper weniger
Cholesterin aufnehmen. Dadurch, so rechnete Unilever vor, sollen
20 Prozent der Infarkte vermieden werden. (63)
Vergleichbare Produkte sind in Finnland (Benecol) und USA (Take
Control) bereits auf dem Markt. Benecol von der Raisio-Gruppe
wurde gar als größter Beitrag der finnischen Wälder zum gelungenen
Frühstück seit der Erfindung des Holzbrettchens gewürdigt. (64)
Der Grund: Rohstoff für die Gewinnung der pflanzlichen Sterole
sind Kiefernspäne – um es vornehm auszudrücken. Genauer betrachtet
handelt es sich um zähflüssiges, übel riechendes Tallöl, ein
Abfallprodukt der skandinavischen Papierindustrie. Bisher wurde es
für Asphalt, Lacke und Leime verwendet, jetzt soll es die
Margarine gesundheitlich aufwerten. (65)
Unilever in Deutschland setzt für seine neue ProAktiv-Margarine
auf Extrakte aus Sojabohnen. Aber auch hier geht es im Grunde
darum, Überbleibsel aus der Lebensmittelwirtschaft über unsere
Mägen zu entsorgen: Sojaöl ist der wichtigste Grundstoff für
Margarine. Bei seiner Raffination werden Begleitstoffe wie die
Sterole allerdings entfernt, weil sie den technischen Ablauf
stören. Ob sie dem Menschen möglicherweise nützen, hatte bislang
niemanden interessiert. Nun werden die einstigen „Abfälle“
werbewirksam wieder zugesetzt: als teure funktionale Additive für
den gesundheitlichen „Zusatznutzen“.
Tatsächlich sind diese Margarinen in der Lage, den als ungünstig
geltenden LDL-Cholesterinspiegel zu senken: 10 Prozent und mehr
wurden in klinischen Studien erreicht. (58) Gleichzeitig blieben
das „gute“ HDL-Cholesterin und die Triglyceride unverändert. Ob
durch diese Risikofaktor-Kosmetik tatsächlich die Zahl der
Infarkte sinkt oder Menschen länger leben, ist damit allerdings
nicht gesagt. Die endgültige Antwort werden wir erst kennen, wenn
Hunderttausende über viele Jahre das Kunstfett verspeist haben.
Angesichts der fehlenden Erfolge bisher üblicher Cholesterin
senkender Diäten darf an den Unilever-Prognosen gezweifelt werden.
Die Manager können sich dennoch entspannt zurücklehnen, denn der
Rubel rollt: ProAktiv wird seit dem Sommer 2000 für rund 6,- DM
pro halbem Pfund an den um sein Herz besorgten Verbraucher
gebracht. Der muss, um in den zweifelhaften Genuss des Cholesterin
senkenden Effektes zu kommen, regelmäßig zum Kunstfettnäpfchen
greifen. Denn kurz nach dem Absetzen ist die Wirkung auch schon
wieder verflogen. Unter Marketinggesichtspunkten eine äußerst
nützliche Eigenschaft. Hoffentlich spricht sich nicht so schnell
herum, dass beispielsweise ß-Sitosterol viel billiger zu haben
ist: Umweltschützer beklagen dessen hohe Gehalte im Trinkwasser.
Es gelangt dorthin über die Ausscheidungen von Menschen, die
Medikamente zur Senkung der Blutfette einnehmen und über die
Abwässer der Papierindustrie. (66)
Die Beispiele ernährungswissenschaftlicher Fehlgriffe in Sachen
Infarkt-Prophylaxe ließen sich beliebig fortführen: So steigt
unter salzarmer Kost der Cholesterinspiegel, und die Infarkte
nehmen nicht ab. (67) Und ständig kommen neue Ernährungsthesen
hinzu: zuwenig Folsäure, zuviel Homocystein, zu wenig Gemüse, zu
üppiges Frühstück, zu wenig Selen, zuviel Kaffee. Der umstrittene
Türkentrunk ist übrigens längst rehabilitiert: Zumindest in Mengen
bis zu 10 Tassen täglich schädigt er das Herz nicht. (68)
Wer gelassen an die Sache herangeht, erkennt bald, dass die
Strickmuster der Herzinfarkt-Theorien immer gleich sind: Jemand
entdeckt einen statistischen Zusammenhang, der wird publiziert und
zum Risikofaktor und allzu oft zur Ursache hochstilisiert. Wird
die Hypothese irgendwann überprüft, stellt sie sich meist als
falsch heraus. Denn selbst wenn es stimmt, dass bei vielen
Infarktpatienten das Homocystein erhöht ist, bedeutet das noch
lange nicht, dass ein gesenkter Homocysteinwert vor Infarkt
schützt oder das Leben verlängert. Hier könnte man vom Cholesterin
lernen: Ein hoher Wert ist entweder harmlos oder nur ein
Begleitsymptom. Ihn zu manipulieren und zu hoffen, damit die
Ursache behoben zu haben, wäre genau so, als würde man beim
Erschrillen einer Alarmglocke den Strom abschalten.
Stellen wir die Frage einmal anders: Gibt es nicht doch etwas in
unserem Essen, das möglicherweise vor dem gefürchteten Herzschlag
schützt? Michael Hertog vom staatlichen Institut für
Volksgesundheit und Umweltschutz im holländischen Bilthoven hat
die Daten der Sieben-Länder-Studie noch einmal aufgerollt. Er
bestätigte, dass weder der Cholesterinspiegel noch die
antioxidativen Vitamine die unterschiedlichen Infarktraten in den
verschiedenen Ländern erklären können. Wenn er allerdings die
Zufuhr an Flavonoiden zugrunde legte, so konnte er 50 Prozent der
Unterschiede vorhersagen. (72) Flavonoide sind eine große Gruppe
pflanzlicher Wirkstoffe, die jedoch keinerlei Nährwert haben. Sie
erwiesen sich mittlerweile auch in anderen Studien als gute
Kandidaten für den Herzschutz: Je höher ihre Zufuhr, desto
niedriger liegen Infarkte und Sterblichkeit. (70-72)
Bevor jetzt aber wieder pauschale Empfehlungen formuliert oder
Pillen gedreht werden, sollte man wissen, dass in jedem Land
andere Flavonoidquellen von Bedeutung waren: Häufig stammten die
pflanzlichen Stoffe hauptsächlich aus schwarzem Tee und Rotwein,
oder auch aus Zwiebeln, Grünkohl oder Äpfeln. Damit entpuppten
sich ausgerechnet die landesüblichen Grundnahrungsmittel als
Herzschutz – noch dazu ganz ohne den Beistand der
Ernährungswissenschaft.
Ähnlich sieht es rund um´s Mittelmeer aus: Dort sterben wesentlich
weniger Menschen am Infarkt als in nördlicheren Gefilden, obwohl
die traditionelle Kost so manchem Ernährungsberater die Haare zu
Berge stehen lassen müsste: Zerkochtes Gemüse, Weißbrot, Olivenöl
in rauen Mengen und keine Mahlzeit ohne Alkohol. Trotzdem sind die
Menschen dort gesünder. Vielleicht liegt es daran, dass sie essen,
was ihnen schmeckt und nicht das, was man ihnen empfiehlt.
Vielleicht liegt es aber tatsächlich an den Zutaten der
traditionellen Küche, z.B. am Olivenöl.
Wenn Sie also das nächste Mal bei Ihrem Lieblings-Italiener
sitzen, dann bestellen Sie ruhig die gefüllten Teigtaschen mit der
deftig-aromatischen Soße aus Olivenöl, Peccorino und zerstoßenen
Nüssen. Ausgerechnet diese Fettbomben erwiesen sich nämlich
ebenfalls als potenter Herzschutz. Wer täglich eine handvoll Nüsse
aß, halbierte sein Infarktrisiko, egal, ob gleichzeitig geraucht,
getrunken oder Multivitamine eingenommen wurden. (78) Da Nüsse bis
vor kurzem auf dem Index standen und bei Infarktgefahr schlicht
verboten waren, hat so mancher Doktor seinem Patienten einen
Bärendienst erwiesen.
Das trifft auch für einen anderen Nahrungsfaktor zu, der sich
durchgängig und eindeutig als Herz- und Hirnschutz erwiesen hat.
Nur wird er in Ernährungskreisen nicht gerne laut benannt: Es ist
der Alkohol. Während 40 Gramm Alkohol oder umgerechnet ein knapper
halber Liter Wein pro Tag bereits als Missbrauch gelten, ergaben
unzählige Studien, dass sich Männer bei dieser Menge offenbar
einer besonders robusten Gesundheit und eines langen Lebens
erfreuen. (z.B. 79-81) Bei Frauen wirken bis zu 30 Gramm Alkohol
täglich ähnlich günstig. In der Augsburger Kohorte der
MONICA-Studie fand sich die geringste Sterblichkeit unter jenen
Männern, die 20 bis 40 Gramm Alkohol täglich konsumierten. Erst
bei 80 Gramm pro Tag, also etwa einem Liter Wein, war das Risiko
ebenso groß wie bei den Abstinenzlern. (83)
Weit über 60 Studien liegen zu dieser Thematik bereits vor. Dabei
ist es nicht so wichtig, ob Wein, Bier oder Schnaps getrunken
wird, Hauptsache Alkohol. (79, 84, 85) Alkoholische Getränke
erhöhen unter anderem das „gute“ HDL, verbessern die
Fließeigenschaften des Blutes, hemmen Entzündungen und die
Verklumpungsneigung der Blutplättchen. Der Alkohol dient dabei
auch als Lösungsvermittler, der dafür sorgt, dass die Wirkstoffe
der Alkoholika wie beispielsweise Flavonoide und Salicylsäure vom
Körper verwertet werden können. (86) Auf diese Weise schützt
ausgerechnet der verpönte Alkohol Herz, Hirn und Gefäße.
Einschränkend muss lediglich gesagt werden, dass er dazu
regelmäßig getrunken werden sollte, so wie es zu den Mahlzeiten
üblich ist. Wer sich nur am Wochenende vollaufen lässt, hat keinen
Vorteil. (87)
Das American College of Cardiology nahm 1996 Alkoholverzicht in
die Liste der Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf.
(86) Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt noch im Jahr
2000 in ihren Beratungsstandards zum Schutz vor Herzinfarkt: „Eine
gesunde Lebensführung mit ausreichend körperlicher Aktivität,
Verzicht auf Rauchen und möglichst wenig Alkohol muss die
Ernährungstherapie ergänzen.“ (2)
Na denn Prost: ein Schöppchen auf das Herz
Bei all den Diskussionen um die „richtige“ Ernährung wird schnell
vergessen, dass es eine Reihe weiterer Faktoren gibt, die mit
einem erhöhten Infarktrisiko einhergehen. Der Medizinkritiker Petr
Skrabanek kam schon Anfang der 90er Jahre auf über 300
Risikofaktoren, „und die Liste wird jeden Tag länger“. (88) Neben
den „Klassikern“ wie Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck,
Zuckerkrankheit und Bewegungsmangel nennt er: keinen Mittagsschlaf
zu halten, in Schottland zu leben, Englisch als Muttersprache zu
haben, unter Phobien zu leiden, überpünktlich zu sein, zu
schnarchen und arm zu sein in einer reichen Welt.
Alle diese Faktoren zeigen ein erhöhtes Risiko an, zumindest in
der einen oder anderen Studie. Ob sie ursächlich beteiligt sind
und vor allem, ob eine Änderung des Risikofaktors die Menschen
gesünder macht, ist damit nicht gesagt. Und während die
Cholesterin- und Fettzufuhr mit einer regelrechten Hysterie
verfolgt wurden, blieben andere, möglicherweise bedeutsamere
Zusammenhänge unbeachtet. So nimmt die Rate der
Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Süden nach Norden hin zu: Es
sterben mehr Schotten am Infarkt als Italiener, und sogar
innerhalb Frankreichs lässt sich dieses Nord-Süd-Gefälle zeigen.
(68)
Das mag weniger an der regionalen Küche liegen als am fehlenden
Licht im Norden: Tageslicht dringt über die Augen in unser Gehirn
ein, dorthin, wo die Stimmung, der Appetit und der Hormonhaushalt
reguliert werden. Es sorgt für Ausgeglichenheit und gute Laune,
bremst den Appetit auf Süßes und hilft, das Körpergewicht zu
halten. Sonnenlicht senkt den Blutdruck und den
Cholesterinspiegel. (89, 90) Scheint die Sonne auf die Haut,
bildet der Körper aus Cholesterin Vitamin D. Dieses Vitamin, das
eigentlich ein Hormon ist, normalisiert den Fett- und
Insulinstoffwechsel: Es sorgt für hohe HDL-Spiegel, günstige
Blutfett- und Blutzuckerwerte und für niedrigen Blutdruck. (91)
Frischluft statt Diät – das würde sicher auch manchem
Herzpatienten gefallen.
Antibiotika gegen den Infarkt?
Die Idee ist gar nicht so abwegig, denn auch Mikroorganismen
werden seit Jahren als Ursache des Herzinfarktes diskutiert;
neben Viren und dem Magenkeim Helicobacter pylori vor allem
Chlamydien, aber auch Streptokokken. (92-95) Letztere könnten
bei Zahnfleischbluten in die Wunden und vom Mund in den Körper
gelangen. Dort lassen die sonst harmlosen Keime die
Blutblättchen verklumpen, so dass es zu Durchblutungsstörungen
kommt. (92)
Chlamydien waren lange Zeit nur als Erreger von Lungen- und
Bindehautentzündungen sowie von sexuell übertragbaren
Krankheiten bekannt. Nachdem sie aber bei 8 von 10 Patienten in
den arteriosklerotischen Ablagerungen der Blutgefäße
nachgewiesen werden konnten, gelten sie auch als mögliche
Ursache des Herzinfarktes. (96, 97) Der wäre dann eine
Infektionskrankheit wie etwa die Salmonellose. Bei Mäusen und
Kaninchen führte eine Infektion mit Chlamydien zu verdickten
Herzgefäßen und zu Entzündungen des Herzmuskels. (93, 98)
Antibiotika verhinderten die Gefäßschäden.
Doch bevor Übereifrige jetzt freiwillig zur Antibiotikapackung
greifen, soll darauf hingewiesen werden, dass auch ein
Chlamydienbefall die Arteriosklerose nicht unbedingt verursachen
muss: Es kann sich ebenso gut – wie beim erhöhten
Cholesterinspiegel – um eine Begleiterscheinung handeln. (95)
Gegen eine ursächliche Beziehung spricht, dass sich viele
Menschen im Laufe ihres Lebens mit Chlamydien infizieren und
keinen Herzinfarkt bekommen. (98)
Vielleicht werden die Weichen für einen Infarkt aber bereits lange
vor unserer Geburt gestellt. Das jedenfalls behauptet der Brite
David Barker von der Universität Southampton. Er hatte in
mühevoller Kleinarbeit englische Geburtsregister durchforstet und
festgestellt, dass ein niedriges Geburtsgewicht oder ein
ungewöhnlich kleiner Körper im Vergleich zum Kopf mit erhöhten
Infarkt- und Schlaganfallraten im späteren Leben einhergehen. (99)
Endlich können wir aufatmen: Nicht die Zigaretten und die
Ernährung sind schuld am Infarkt, sondern Mutters Fehlernährung
oder Hungerzeiten während der Schwangerschaft. In weiteren Studien
schien sich die Barker-Hypothese zu bestätigen. Insbesondere
kleine Babies, die nach der Geburt schnell aufholten, bezahlten
dies mit einem hohen Herz-Kreislauf-Risiko. (100-103) Genauere
Überprüfungen der Hypothese ergaben jedoch methodische Mängel und
mehr offene Fragen als Antworten. (104) So sorgt der Körper
normalerweise dafür, dass der Fötus optimal ernährt wird –
notfalls auf Kosten der Mutter.
Die Barker-Hypothese weist jedoch in die richtige Richtung, denn
das Infarktrisiko eines Menschen kann nur anhand der individuellen
Situation beurteilt werden, nicht anhand pauschaler
Durchschnittwerte. Jeder Mensch hat ein anderes Risikoprofil, das
von seiner genetischen Ausstattung ebenso geprägt wird wie von
seiner Umwelt, seiner Ernährung oder seiner Stressempfindlichkeit.
Der alleinige Blick auf die Ernährung greift also viel zu kurz,
wenn wir Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall erklären
wollen. Noch immer ist zuwenig über die Ursachen bekannt. Es ist
noch nicht einmal klar, ob es sich um einheitliche Krankheiten
handelt, oder ob ihnen in den verschiedenen Alters- und
Bevölkerungsgruppen nicht völlig unterschiedliche
Entstehungsgeschichten zugrunde liegen. Den Blick noch weiter zu
fokussieren und nur auf die Fett- und Cholesterinzufuhr zu
starren, ist kompletter Unsinn.
Was bleibt?
Neben dem regelmäßigen Glas Wein oder Bier können wir viel
Sex, wenig Sorgen und häufiges Lachen empfehlen: Nicht nur, dass
es Herzpatienten öfter mal am nötigen Humor fehlt. (105) Bei einer
Befragung von knapp 2.000 Senioren zeigte sich auch, dass es die
Sorgen um soziale Belange sind, die am häufigsten mit dem
Auftreten koronarer Herzkrankheiten einhergingen. (106)
Schottischen Männern haben die Forscher gar unter die Bettdecke
geschaut: Wer die meisten Orgasmen erlebte, hatte nicht nur ein
drastisch verringertes Infarkt- und Schlaganfallrisiko, sogar die
Sterblichkeit war halbiert – und zwar unabhängig von den üblichen
Risikofaktoren. (107, 108) Auch die Damen profitieren vom
Liebesspiel. Doch bevor sich die Herren der Schöpfung in wilde
Aktivitäten stürzen, sollten sie zweierlei wissen. Erstens geht es
bei den Frauen weniger um die Häufigkeit: Bei ihnen sank die
Sterblichkeit mit wachsendem Vergnügen am Sex. (109) Und zweitens
wollen japanische Forscher herausgefunden haben, dass die Gefahr,
beim Sex einem Schlaganfall zu erliegen, vor allem Männer beim
Seitensprung trifft. (108) In diesem Sinne: guten Appetit!
(Die Zahlen in Klammern weisen auf die verwendete Literatur hin):
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