Printversion. Quelle: www.optipage.de
Ulrike Gonder
Die Ladentheke sieht aus wie
„in der schlechten Zeit“ nach dem Krieg: Hier ein, zwei
Würste, dort ein paar Rippenstücke vom Lamm, ansonsten
gähnende Leere. Wir befinden uns weder in Russland noch in
Afrika, sondern bei einem deutschen Bio-Metzger. Während die
konventionellen Kollegen auf ihrem Rindfleisch sitzen
bleiben, ist Biorind längst Mangelware. Das, was Kanzler
Schröder zu Jahresbeginn forderte, scheint schon Realität zu
sein: Verbraucherpolitik geschieht von der Ladentheke aus.
Aufgerüttelt durch die unglaublichen Schlampereien und
Versäumnisse rund um BSE, machen nun die Verbraucher
Politik.
Verunsicherte Verbraucher
Die Menschen sind
verunsichert – mit Recht: Jahrzehntelang hat man ihnen
erzählt, mit unseren Lebensmitteln sei nicht nur alles in
Ordnung, nein, Deutsches sei auch ganz besonders gesund. Und
nun jagt eine BSE-Meldung die nächste, gewürzt mit
Nachrichten über unerlaubte Medikamente bei bayerischen
Schweinen und Antibiotika im heimischen Honig. Spätestens
seit uns die Bilder der BSE-bedingten Tötungen ganzer
Rinderherden erschüttert haben, dürfte klar sein: Wir
brauchen mehr Humanität im Umgang mit unseren Nutztieren.
Illegale Machenschaften sind nur eine Seite der Medaille.
Dass dagegen mit schärferen Kontrollen und härteren Strafen
vorgegangen werden muss, ist unbestritten. Es löst aber das
Problem nicht, denn viele Betroffene haben nichts Illegales
getan. Sie sind in einem System gefangen, in dem Tiere
nichts weiter als Produktionsfaktoren sind, die es maximal
auszubeuten gilt. Da die Preise z.B. für Schweinefleisch
über die Jahre immer weiter sanken, konnten die Bauern ihr
Einkommen nur mit größeren Tierzahlen, billigerem Futter und
allen möglichen Hilfsmitteln sichern. 700 Mastschweineplätze
bringen heute gerade mal ein Jahreseinkommen von 30.000 Mark
– wenn alles gut geht.
Ein anderes Beispiel sind die Milchaustauscher für Kälber –
unter ethischen Gesichtspunkten völlig unverständlich. Ihr
Einsatz lässt sich nur ökonomisch erklären: weil die
Austausch-Pulver eben billiger sind als die Kuhmilch, aus
der sie hergestellt wurden. Dieses System ist es, das
geändert werden muss. Noch steht BSE für „blame somebody
else“ – such die Schuld bei einem anderen: Die Bauern
schimpfen auf die Futtermittelhersteller, die sich wiederum
an den Politikern schadlos halten, die es auf die
Verbraucher schieben. Damit muss jetzt Schluss sein. Wir
brauchen Veränderungen auf allen Stufen der
Lebensmittelproduktion.
Höchste Zeit für die Landbau-Wende
Die Weichen für eine „neue“
Landwirtschaft wurden mit der Neubesetzung des Ministeriums
gestellt. Vorbild wird der ökologische Landbau sein, denn er
macht seit vielen Jahren vor, was man besser machen kann:
Flächengebundene Tierbestände statt Gülleprobleme und
Maismonokultur, geschlossene Wirtschaftskreisläufe mit
hofeigenem Futter statt Abhängigkeit vom Zukauf billiger
Importfuttermittel, Verzicht auf Leistungsförderer und
prophylaktische Medikamentengabe, tiergerechte Ställe statt
Ghettos, angemessenes Wachstum statt Ertragsmaximierung. Zur
Ehrenrettung der konventionellen Bauern muss allerdings
gesagt werden, dass sie in den letzten Jahrzehnten
erhebliche Anstrengungen unternommen haben, um Ackerbau und
Viehzucht nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch
umweltverträglicher und tiergerechter zu gestalten.
Über das, was in die Ladentheken kommt und die Preise dafür
entscheidet aber der Handel. Selbst bei Rind- und
Schweinefleisch ist nicht der Verbraucher Kunde: Die Hälfte
des Fleisches kommt gewürzt, faschiert oder als Cordon bleu
in die Kühltheke. Es entstand ein Oligopol: Sieben Einkäufer
bestimmen heute über zwei Drittel des Frischfleischmarktes.
Wichtig sind ihnen beim Einkauf drei Kriterien: Das Fleisch
muss erstens billig, zweitens billig und drittens billig
sein. Und: Wer zu fette Schweine abliefert, ist draußen.
Es ist diese Handvoll großer Handelshäuser, die mit rigiden
Methoden die Lebensmittelpreise drücken. Vor allem bei
Fleisch wurden Schnäppchenpreise gezielt genutzt, um die
Kundschaft anzulocken. Kein Wunder, dass die Qualität auf
der Strecke blieb. Verbraucherministerin Künast wird sich
also auch mit dem Handel anlegen müssen, denn dessen
Unterstützung ist für die anstehenden Reformen unerlässlich.
Ohne die Verbraucher geht es nicht
Natürlich müssen die
Verbraucher mitziehen. Aber: Viele können nicht mehr kochen
und sind auf Fertigprodukte angewiesen, deren Qualität meist
nicht nachvollziehbar ist. Zudem kauft der „aufgeklärte
Verbraucher“ heute nicht nur billig, sondern auch salz-,
fett- und cholesterinarm. Welche Chance hat da ein schön
marmoriertes Stück Fleisch mit Fettrand? Wenn solches
Fleisch nicht nachgefragt wird, haben Bauern, die
stressresistente, langsam wachsende, robuste Tiere halten,
schlechte Karten. Es wird sich also auch in der Verbraucher-
und Ernährungsberatung einiges tun müssen, wenn die Bauern
nicht nur gesunde Lebensmittel erzeugen, sondern auch
verkaufen wollen.
BSE kann auch durch eine „neue“ Landwirtschaftspolitik nicht
mehr aus der Welt geschafft werden, dafür ist es zu spät.
Die BSE-Katastrophe bietet aber die einzigartige Chance, die
dringend nötigen Veränderungen in der Agrar- und
Verbraucherpolitik endlich auf den Weg zu bringen. Das
Vertuschen der Missstände, das Preisdrücken im Handel und
das Ausbeuten der Tiere müssen aufhören. Wir brauchen eine
umfassende neue „Lebensmittelpolitik“, damit unsere Nahrung
wieder an erkennbarer Qualität gewinnt. Und damit wir wieder
mit Genuss essen können.