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Ernährung und Brustkrebs – Vorsicht vor Gurus!

Ulrike Gonder

Brustkrebs – diese Diagnose trifft hart! Nach dem ersten Schock fragen sich viele Frauen: Was habe ich falsch gemacht? Habe ich vielleicht „schlecht“ gegessen? Und auch während der Therapie kommen ihnen immer wieder Fragen zur „richtigen“ oder „falschen“ Ernährung. Das ist verständlich, denn wir lesen in der Presse fast täglich, welche „Ernährungssünden“ den Brustkrebs fördern sollen und wie wir uns gefälligst zu ernähren hätten, damit Tumoren keine Chance mehr haben. Doch Vorsicht: die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse sind dünn gesät, während es an fragwürdigen Heilsversprechen und wohlklingender Werbung für allerlei Wundermittel nicht fehlt. Im folgenden soll versucht werden, die Spreu vom Weizen zu trennen.


Welche Ernährungsfaktoren begünstigen, welche schützen vor Brustkrebs?
Als Brustkrebs fördernd wird landläufig eine Ernährung mit zu vielen Kalorien, mit zu viel Fett, Alkohol und Fleisch angesehen. Dagegen gilt als Brust schützend eine fettarme Kost, die reich an Ballaststoffen, Gemüse, Obst, antioxidativen Vitaminen und so genannten Phytoöstrogenen ist. Doch wie gut sind diese Aussagen durch wissenschaftliche Untersuchungen belegbar?

Zuviel Kalorien / Überernährung / Übergewicht?

Im Tierversuch ist es bewiesen: Wenn Labormäuse auf halbe Futterration gesetzt werden, leben sie länger und bekommen seltener Krebs. Müssen Frauen, die sich vor Brustkrebs schützen wollen, jetzt ebenfalls nach dem FdH-Prinzip leben? Ich rate davon ab, denn erstens ergaben Beobachtungsstudien am Menschen keinen Zusammenhang zwischen der Kalorienaufnahme und dem Brustkrebsrisiko. Und zweitens zeigt die Erfahrung, dass Menschen, die ständig auf Diät sind, eher dicker als dünner werden.

Gleichwohl gibt es einen indirekten Effekt unseres Wohlstands-Lebens auf das Brustkrebsrisiko: Unsere Kinder wachsen schnell und hoch hinaus, und die Mädchen werden früh geschlechtsreif. Statistisch geht damit ein erhöhtes Brustkrebsrisiko einher. Doch sollen wir unsere Kinder deswegen hungern lassen? Das wäre absurd - zumal es andere Möglichkeiten gibt, wie z.B. ausreichende körperliche Bewegung, um die erste Monatsregel ein wenig hinauszuschieben.

Auch der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Brustkrebs ist weit weniger klar, als wir es in der Boulevard- und Fachpresse lesen. Die Daten ergeben folgendes Bild: Vor den Wechseljahren scheinen Mollige vor Brusttumoren geschützt zu sein, denn die Statistik zeigt das höhere Risiko bei großen und schlanken Frauen. Nach den Wechseljahren wird das Bild diffuser: Etwa die Hälfte der bisher veröffentlichten Studien ergab ein höheres Risiko mit zunehmenden Pfunden, die andere Hälfte nicht.

Eindeutiger scheinen große und stetige Gewichtszunahmen nach den Wechseljahren und ein Überwiegen der Fettansammlungen am Bauch mit einem erhöhten Risiko einherzugehen. Doch Vorsicht: Eine leichte Gewichtszunahme nach den Wechseljahren ist hormonell bedingt und völlig normal. Außerdem schützen diese Pfunde vor Osteoporose, der gefürchteten Knochenentkalkung. Zudem ist bis heute nicht bewiesen, dass Abnehmen gesundheitliche Vorteile bringt. Statt fragwürdige Diäten einzuhalten, sollte der Körper lieber durch Bewegung fit und gesund gehalten werden!

Fettes Risiko?

Das Fett galt in Sachen Brustkrebs lange als der Übeltäter schlechthin: Wieder waren es Tierversuche, die zeigten, dass zuviel Fett im Futternapf das Tumorrisiko erhöht. Aber auch internationale Vergleichsstudien sprachen dafür: Dort, wo viel Fett gegessen wurde, gab es auch mehr Brustkrebsfälle. War damit der Beweis erbracht? Keineswegs, denn die Qualität der Ergebnisse dieser Vergleichsstudien lässt sehr zu wünschen übrig. Sie basieren auf landwirtschaftlichen Produktionszahlen und sagen nichts über den Fettverzehr einzelner Personen aus.

Zudem unterscheiden sich Gesellschaften, in denen wenig Fett gegessen wird (z.B. traditionell lebende Japaner, bestimmte ländliche Regionen in Afrika) so sehr von unserem mitteleuropäischen Wohlstands-Dasein, dass es unmöglich ist, die Unterschiede bei Krankheiten wie Brustkrebs nur auf das Essen oder gar auf einen einzelnen Stoff wie das Fett zurückzuführen. Nur ein Beispiel: Junge Afrikanerinnen bekommen später als mitteleuropäische Mädchen ihre erste Monatsregel, dafür gebären sie ihr erstes Kind früher und bekommen insgesamt viel mehr Kinder. Jeder dieser Faktoren verringert das statistische Risiko für Brustkrebs.

Lassen Sie sich also nicht die Butter vom Brot nehmen! Die neueren und methodisch besseren Studien, in denen Frauen, die viel und wenig Fett aßen, direkt miteinander verglichen wurden, ergaben keinen Beleg dafür, dass die Fettzufuhr eine Bedeutung hat. Dabei spielte es keine Rolle, ob das Fett tierischer oder pflanzlicher Herkunft war und ob es überwiegend aus gesättigten, einfach oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren bestand.

Fleisch und Alkohol: (Ernährungs-)Sünden für Frauen?

Mit steigendem Verzehr von Fleisch ergab etwa die Hälfte der bisher veröffentlichten Studien ein erhöhtes Brustkrebsrisiko, die andere Hälfte nicht. Dieses „Unentschieden“ lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass es einige Frauen gibt, die auf bestimmte Stoffe in stark gebräuntem Fleisch (so genannte HCA) empfindlich reagieren. Für alle anderen scheint Fleischgenuss kein Risiko darzustellen. Die empfindlichen Frauen zeigen bestimmte Merkmale in ihren Erbanlagen, die zur Zeit intensiv erforscht werden. Was den Fleischgenuss angeht, ist wichtig zu wissen, dass die fraglichen Substanzen vor allem beim zu starken Bräunen (Verkohlen) entstehen. Ihre Bildung kann außerdem durch übliche Fleischgewürze wie Thymian, Minze und Senf sowie durch Marinieren auf ein Minimum herabgesetzt werden.

Beim „Gläschen in Ehren“ gehen die wissenschaftlichen Meinungen weniger auseinander als bei anderen Lebens- und Genussmitteln: Die meisten Studien fanden eine Erhöhung des Brustkrebsrisikos, manche ab einem Drink pro Tag, manche erst ab drei Gläsern täglich. Allerdings war die Risikoerhöhung immer nur geringfügig. Während Alkohol in größeren Mengen ohnehin nicht gesundheitsförderlich ist, muss der mäßige Genuss vor allem in späteren Lebensjahren differenzierter gesehen werden: Durch seinen günstigen Effekt auf das Herz-Kreislauf-System geht ein moderater Alkoholkonsum in der zweiten Lebenshälfte eindeutig mit einem verminderten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko einher und mit einer höheren Lebenserwartung!

Obst, Gemüse und Vitamine rat ich Dir?

Obst und Gemüse sind gesund, das weiß jedes Kind! Wer besonders viel Gemüse und Obst verspeist, hat jedoch nicht automatisch einen größeren Schutz vor Brustkrebs. Jedenfalls konnten mehrere große Studien keinen besonderen Schutzeffekt durch einen hohen Obst- und Gemüsekonsum feststellen. Das soll jedoch die Bedeutung der pflanzlichen Lebensmittel für eine gesunde Ernährung nicht schmälern!

Geschmälert werden sollte jedoch unbedingt die hohe Wertschätzung, die Vitaminpräparate genießen, allen voran die antioxidativen Vitamin E, C und A bzw. dessen Vorstufe Beta-Carotin. Es gibt bis heute keinen einzigen stichhaltigen Beleg dafür, dass die Einnahme dieser Vitamine das Brustkrebsrisiko mindern könnte. Eine mögliche Ausnahme betrifft die Folsäure, ein Vitamin der B-Gruppe. Ob sie wirklich nützt, müssen künftige Studien aber erst noch zeigen, denn im Moment ist die Datenlage noch zu dürftig, um eine Empfehlung daraus abzuleiten.

Neben Vitaminen und Mineralstoffen enthalten pflanzliche Lebensmittel noch so genannte sekundäre Pflanzenstoffe. Zu diesen Substanzen zählen beispielsweise Flavonoide und Phytoöstrogene. Ihnen ist gemein, dass sie zwar keinen Nährwert haben, vermutlich aber gesundheitsfördernd wirken. Deshalb werden sie zur Zeit intensiv erforscht. Labor- und Tierexperimente sowie eine Reihe von Beobachtungsstudien am Menschen deuten auf eine brustschützende Wirkung von Phytoöstrogenen hin. Bevor gezielte Ernährungsempfehlungen gegeben werden können, müssen die Forscher jedoch noch klären, wie sich die Verarbeitung der Lebensmittel auf die Wirkung dieser Substanzen auswirkt und welche Rolle unsere Darmflora dabei spielt. Ohne Bedenken können jedoch Beerenobst, Hülsenfrüchte und Roggensauerteigbrot gegessen werden, die reich an Phytoöstrogenen sind. Supplemente z.B. aus Rotklee sollten wenn überhaupt, dann nur in Absprache mit dem Arzt genommen werden.

Neue Denkansätze für die Prävention (Vorbeugung)

Die bisher eher dürftige Datenlage macht ein Umdenken nötig. Anstatt immer nur einzelne Lebensmittel-Inhaltstoffe an den ernährungswissenschaftlichen Pranger zu stellen, müsste das komplexe Zusammenwirken der Ess- und Lebensweise der Menschen erforscht werden. So deutet einiges darauf hin, dass körperliche Bewegung und Sonnenschein das Krebsrisiko mindern. Körperliche Bewegung sorgt vermutlich für ein günstiges inneres „Stoffwechsel-Millieu“, eine angemessene Sonnenexposition fördert die Gesundheit vermutlich über die Vitamin-D-Bildung in der Haut. Hier besteht ein enormer Forschungsbedarf – aber auch ein enormes Potential, um Frauen Tipps zur Vorbeugung von Brustkrebs zu geben, ohne ihnen Angst vorm Essen zu machen!

Was essen, wenn der Krebs bereits zugeschlagen hat?

Zur richtigen Ernährung beim Vorliegen einer Brustkrebserkrankung gibt es so gut wie keine Forschungsergebnisse! Kein Wunder, dass hier Ernährungs-Gurus mit allerlei wundersamen Anti-Krebs-Diäten besonders leichtes Spiel haben. In Ermangelung handfester Daten kann die Frage hier nicht lauten „was ist erwiesen?“, sondern: „schadet es der Patientin?“ Die Lehrbücher sind sich einig, dass alle einseitigen Kostformen, sei es nun reine Rohkost, Saftfasten oder Hungerkuren, schädlich sind. Denn ein Tumor kann nicht ausgehungert werden! Am Ende ist die Patientin schlecht ernährt und ihre ohnehin eingeschränkte Lebensqualität sinkt weiter.

Auch vor Exzessen aller Art sei gewarnt, beispielsweise vor hoch dosierten Vitamingaben. So liegen Hinweise darauf vor, dass Vitamin E und C vom Tumorgewebe gezielt angereichert werden können. So schützt sich der Tumor möglicherweise vor den Medikamenten, die ihn zerstören sollen. Ob Vitamingaben sinnvoll sind und wenn ja, in welcher Dosierung, sollte daher sehr sorgfältig mit dem Arzt abgewogen werden.

Bei allen noch vorhandenen Wissenslücken kann als gesichert gelten, dass es keine Diät oder Kostform gibt, die Krebs heilen kann! Insbesondere bei Gewichtsverlust und bei Appetitmangel oder Essstörungen durch die Therapie steht daher eine ausreichende, genügend (!) Fett und Eiweiß liefernde, qualitativ hochwertige Ernährung im Vordergrund!

(Kurzfassung eines Vortrages, gehalten am 17.5.2001 im Zentrum für Senologie der Kliniken Düsseldorf www.senologiezentrum.de)