Dinge sind Gift und kein Ding
ist ohn Gift - nur die Dosis macht, dass ein Ding kein
Gift ist."
Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt
Paracelsus (1493-1541)
Lebensmittel mit Idee
oder die Problematik der neuartigen und funktionellen Lebensmittel am Beispiel phytosterolhaltiger MargarinenBirgit Niemann
Am 24.07.2000 entschied die
EU-Kommission im Rahmen der "Novel Foods Verordnung"
positiv über die Zulassung einer Margarine, die mit
pflanzlichen Sterolestern zum Zweck der Cholesterinsenkung im
Blut-Plasma versetzt wurde. Damit erscheint auch in Deutschland
erstmalig ein Nahrungsmittel auf dem Markt, dem ein Stoff wegen
seiner arzneilichen Wirkung zugesetzt wurde, der obendrein werbend
erwähnt werden darf. Der 24.07.2000 markiert daher eine
Grenzüberschreitung in der Entwicklung von Lebensmitteln, die
durch Schlagwörter wie funktionelle Lebensmittel, Nutraceuticals,
Health Food u.a. gekennzeichnet ist.
Dahinter verbirgt sich eine Entwicklung, die durch die
industrielle Fähigkeit, die molekulare Zusammensetzung von
Lebensmitteln unter rationalen Gesichtspunkten manipulieren zu
können, charakterisiert wird. Die Rationale ist dabei immer von
folgender Art: Eine definierte Substanz (die auch ein
Stoffgemisch, ein Genprodukt oder ein Mikroorganismus sein kann)
erzielt im Stoffwechsel eine messbare Wirkung die für verschiedene
Menschen wünschenswert sein kann. Deshalb werden Lebensmittel mit
der Substanz versetzt und mit der Wirkung beworben. Der
wesentliche Unterschied zwischen "neuen funktionellen" gegenüber
traditionellen Nahrungsmitteln ist daher die ihre molekulare
Zusammensetzung bestimmende rationale Idee. Um welche Art von
Ideen es dabei geht, auf welcher Ebene manipuliert wird und was
diese Entwicklung für den Verbraucher bedeuten kann, soll am
Beispiel phytosterolhaltiger Margarinen unter rechtlichen und
wissenschaftlichen Gesichtspunkten reflektiert werden.
Unilevers Margarine "becel pro activ" ist neuartig, funktionell
und teuer. Neuartig ist sie, weil sie Phytosterolester in Mengen
enthält, die vor dem 15. Mai 1997 in Europa so noch niemals
gegessen wurden und funktionell, weil dieser Zusatz nicht
Ernährung oder Genuss, sondern Senkung des Cholesterolspiegels im
Blut-Plasma bezweckt. Teuer wird sie nicht lange bleiben, denn die
Konkurrenz schläft nicht und die Zeiten für Extra-Profite in der
Lebensmittelbranche sind kurz.
Die definierte Substanz
Phytosterolester werden im Menschen nicht synthetisiert. Sie sind
Fettsäure-Ester pflanzlicher Sterole. Diese haben dasselbe
molekulare Grundgerüst wie Cholesterol und kommen in
Nahrungsmitteln aus Pflanzen vor (z.B. Öle, Nüsse, Samen,
Cerealien, Bohnen). Mit normaler Ernährung verzehrt ein Europäer
etwa ein halbes Gramm täglich. Obwohl sich Phytosterolmoleküle nur
unerheblich vom gut resorbierbaren Cholesterol unterscheiden,
werden sie im menschlichen Dünndarm nur zu ca. 5 % resorbiert.
Nach Transport in die Leber wird dieser aufgenommene Anteil
vierzig mal schneller als Cholesterol über die Gallenflüssigkeit
ausgeschieden.
Als Nährstoffe kann der menschliche Stoffwechsel Phytosterole also
nicht gebrauchen. Die Aufnahme im Darm ist gezielt minimiert und
das Wenige, das ihn trotzdem erreicht, wirft er umgehend wieder
hinaus. Wie sinnvoll dies ist, zeigt sich an Menschen, die das
nicht können. Sie haben angeborene Störungen des
Phytosterol-Stoffwechsels, die man an gutartigen Hautgeschwülsten
und schwerer Arteriosklerose bereits in jüngerem Alter erkennt.
Ihr Plasma-Phytosterolspiegel ist zehnfach über dem Durchschnitt
und auch ihr Cholesterol-Stoffwechsel weist Störungen auf.
Weltweit sind weniger als 50 solcher Fälle beschrieben und der
jüngste von diesem Genotyp betroffene Tote starb mit 13 Jahren an
Herzinfarkt (1).
Die messbare Wirkung
Verzehren Menschen täglich 2 g Phytosterole, sinkt ihr Cholesterol-Spiegel im Blut-Plasma. Die Wissenschaft stellt sich den Prozess folgendermaßen vor: Bei der Fettverdauung im Dünndarm bilden sich sogenannte Micellen, die die angedauten Fette durch die Darmwand transportieren. Diese enthalten Cholesterol, dass aus der Nahrung und/oder aus Gallensekret stammen kann. Phytosterole verdrängen nun Cholesterol aus den Micellen, welches deshalb am Darmausgang und nicht im Stoffwechsel endet. Die endogene Cholesterol-Synthese steigt dabei an und der Phytosterol-Spiegel im Plasma erhöht sich nur leicht. Die Plasma-Konzentration von ß-Sitosterol, der Hauptverbindung der Phytosterole, wird z.B. in etwa verdoppelt. Nicht bekannt ist bisher, mittels welcher Faktoren die Darmwand die Aufnahme der in den Micellen sitzenden Phytosterole tatsächlich begrenzt.
Bei wem ist die Wirkung erwünscht?
Ein erhöhter Cholesterol-Spiegel gilt bei arteriosklerotisch Erkrankten als behandlungsbedürftiger Parameter. Misst man ihn bei ansonsten Gesunden, ist deren Risiko zu erkranken erhöht. Arteriosklerose wiederum begünstigt Herz-Kreislauf-Probleme und die sind heute Volkskrankheit Nr.1. Phytosterole sollen also Krankheiten heilen und/oder verhindern. Dies machte sie schon vor 50 Jahren als Arzneistoffe interessant. Auch heute werden sie in Arzneimitteln zur Senkung des Cholesterol-Spiegels und zur Behandlung von Prostata-Hypoplasien verwendet. Die wirksame Dosis von Phytosterolen überschreitet die ernährungsbedingte Aufnahme um das Acht- bis Zwölffache. Man könnte meinen, schon allein deshalb war ihr Dasein als Arzneistoff bestens begründet.
Welchen Lebensmitteln werden sie zugesetzt?
Es fing an mit Margarine. Wenn man Phytosterole verestert, sind
sie in Fetten gut löslich. In wässrigen Phasen kann man sie gar
nicht verwenden. Deshalb waren Fette die Lebensmittel der Wahl.
Den Vorreiter spielte die finnische Firma Raisio. Sie platzierte
1995 die phytostanolhaltige "Benecol" -Margarine (2) auf dem
heimischen Markt. Bis heute folgten zwei Brotaufstriche und
verschiedene Joghurts, die in einigen europäischen Ländern und in
den USA zu erwerben sind.
Im Mai 1998 beantragte der Nahrungsmittelgigant Unilever die
Marktzulassung für "gelbe Streichfette mit Phytosterolester-Zusatz"
in den Niederlanden als Novel Food. Ein solcher Antrag erfasst die
ganze EU, wodurch nationale lebensmittelrechtliche Besonderheiten
bedeutungslos werden und europäischer Absatz gesichert ist.
Voraussetzung ist allerdings, dass kein EU-Land Einwände hat.
Erhebt ein Land Einwände, reicht die Kommission den Antrag samt
Einwänden an ihren Wissenschaftlichen Ausschuss für Lebensmittel (SCF)
weiter. Dieser prüft erneut, fordert ggf. weitere Daten, beurteilt
das Ganze und schreibt eine Empfehlung. Die dient der
EU-Kommission als Grundlage für eine Entscheidung, die dann ohne
weitere Rücksprache für alle EU-Staaten rechtskräftig ist (3).
Am 6. April 2000 hat der SCF die Verwendung von 8 % Phytosterolen
in gelben Streichfetten für unbedenklich erklärt (4). Die
Zulassung durch die EU-Kommission folgte am 24.07.2000 (5). Noch
im selben Jahr, nur wenige Wochen danach, tauchen 3 neue Anträge
auf (6). Phytosterolester als Zusatz in Wurstwaren beantragt die
finnische Firma Valio, Milchprodukte mit Phytosterolestern möchte
Novartis herstellen und Phytosterolester in Backwaren wünscht sich
der finnische Großbäcker Fazer. Sind sie erfolgreich, dann steht
bald die Frage: Welche Lebensmittel werden noch frei von
Phytosterolester-Zusätzen sein?
Werbung mit Gesundheitsvorteil
Wer Nahrungsmittel vertreibt, die nachweislich Funktionen
beeinflussen, will damit auch werben und wer sie beeinflussen
will, muss wissen wie und warum. Noch immer ist in Europa
krankheitsbezogene Werbung für Lebensmittel aus gutem Grunde
verboten. Krankheiten gehören in ärztliche Hand und Irreführung,
mit Körperschaden als Folge, liegt nah. Für "funktionelle"
Produkte lässt sich das nicht mehr halten, denn ohne genaue
Gebrauchsanleitung sind Fehlanwendungen vorprogrammiert. In
Deutschland löst man das Problem bisher durch Klassifizierung der
Margarine als diätetisches Lebensmittel, für die es definierte
Ausnahmen vom Werbeverbot gibt. In Japan wurde bereits in den
Neunzigern die Vermarktung der "FOSHU´s" (7) samt Werbeaussagen
rechtlich geregelt und in den USA hat die FDA schon die Claims
abgesteckt.
Was aber geschieht mit Substanzen, die ein gesundheitsförderndes
Image erlangt haben und für Lebensmittel zulässig sind? Sie
verbreiten sich im Zeitalter industrieller Fertig-Nahrung
unaufhaltsam durch alle Produktgruppen. So geschehen mit
probiotischen Joghurtbakterien; so wie es gerade geschieht mit
Phytosterolestern.
Was kann diese Entwicklung für uns bedeuten?
Wir sollen uns also gesund essen. Warum auch nicht, gesund essen
ist besser als Pillen schlucken und vielleicht hat ja die
Industrie das ganzheitliche Leben entdeckt. Doch sieht man die
Sache genauer, kann man nur feststellen: Erzeugt wird hier nicht
gesunde Lebensweise, sondern die Pille wird nur in Margarine
versteckt.
Die Logik der Beeinflussung von Körperfunktionen war in der
Medizin bisher ganz gut aufgehoben. Alles, was nötig ist, findet
sich dort. Der Ausgangszustand wird durch einen Arzt untersucht,
der physiologische Kenntnisse mit der von wirksamen Substanzen
verbindet. Diese sind heute definierte Verbindungen, deren Wirkung
vor Anwendung gründlich geprüft wird. Außerdem sind sie exakt zu
dosieren. Der Arzt verschreibt ihre Anwendung und kontrolliert den
Erfolg. Gleichzeitig kennt und überwacht er auch Nebenwirkungen.
Man kann über die Qualität medizinischer Versorgung verschiedener
Auffassung sein. Mit Blick auf "funktionelle Lebensmittel" stellt
sich aber die Frage, welches dieser Elemente bietet auch nur im
Ansatz der Lebensmittel-Gebrauch?
Der gezielte Einsatz von Einzelverbindungen für nährende Zwecke
ist ein Kind des verflossenen Jahrhunderts. Er begann als
Regeneration von Vitamin-Verlusten, die die Folge industrieller
Verarbeitung waren und erwarb sich als Bekämpfung landläufig
auftretender Mangelerscheinungen sein Image. Auch die Anreicherung
von Salz mit Jod war noch gesundheitspolitische Maßnahme. Heute
überschreiten wir längst die Schwelle, an der Anreicherung vor
allem Konkurrenzdrücken folgt, etwas gebremst durch juristische
Zwänge. Schon lange sind es nicht mehr nur Vitamine und mit den
Phytosterolestern fließen die ersten Arzneistoffe ein. Parallel
erfanden Pharmafirmen die nahrhafte Pille, die sich als
Nahrungsergänzungsmittel steigender Umsätze erfreut. Mit der
Gentechnik hat der unaufhaltsame Fortschritt nun den Kern unserer
Nahrung erreicht. Auch hier soll physiologischer Nutzen künftig
unwillige Käufer bekehren. Ein Prototyp ist mit dem "Goldenen
Reis" von Syngenta schon da.
Arzneimittel verwenden wir nur, wenn Gesundheit keine mehr ist.
Auf tägliches Essen und Trinken kann aber niemand verzichten.
Nahrungsmittel müssen daher ohne Gefährdung essbar sein. Werden
zutreffende rechtliche Regelungen beachtet, sind sie von jedermann
frei verkäuflich. Warum haben wir dieser Methode bisher vertraut?
Die Antwort ist trivial. Nahrungsmittel waren über Generationen
von Menschen getestet und ihren Zustand konnte jeder Einzelne
kompetent bewerten. Man sah, schmeckte und roch was verdorben war,
mehr hatte man nicht zu bedenken. Nahrungsmittel konnten sich auch
nicht überraschend verändern, denn sie stammten aus Organismen,
deren Zusammensetzung genetisch festgelegt war. Durch Erfahrung
überliefertes Wissen blieb über Generationen verwendbar. Mehr
Sicherheit kann man beim Essen nicht kriegen.
Im Umkehrschluss lässt sich sagen: Wenn beim Essen alte
Erfahrungen fehlen, sollten Nahrungsmittel nicht frei verkäuflich
sein. Dies bestätigt sich exakt bei Betrachtung der Ausnahmen.
Nicht ohne Prüfung verkäuflich sind Zusatz-, Hilfs- und
Aromastoffe, diätetische Lebensmittel (wenn die konkrete
Nährstoff-Zusammensetzung nicht durch umfangreiche Vorschriften
geregelt ist) und Novel Foods. Damit sie aber trotzdem handelbar
werden, wurde alte Erfahrung durch wissenschaftliche Prüfung
ersetzt.
Wie wissenschaftliche Prüfung für Novel Foods aussehen soll,
beschreibt ein Amtsblatt der EU-Kommission8. Darin findet sich
folgender Grundsatz: "Die toxikologischen Anforderungen an ein
neuartiges Lebensmittel sind grundsätzlich fallweise zu prüfen."
Erforscht wird also die Giftigkeit des konkreten Produktes. Dabei
wird nach dem Prinzip verfahren, je gleichwertiger und ähnlicher
ein Produkt dem Vertrauten, desto weniger Experimente sind nötig.
Umgekehrt gilt natürlich auch: Je "neuartiger" ein Produkt, desto
teurer die Prüfung (Prinzip der substantiellen Äquivalenz).
Ein Stoffwechsel erkennt "neuartige" Substanzen daran, dass er sie
nicht vollständig verarbeiten kann. Sie sind deshalb mehr oder
weniger giftig. Die Überprüfung des Grades an "Giftigkeit" leisten
Toxikologen. Zwischen Reagenzglas, Zellkultur und Ratte nutzen sie
zuverlässige Methoden. Direkte Vergiftungsgefahr durch ein
Lebensmittel ist nach toxikologischer Prüfung daher
vernachlässigbar gering.
Das stellt der SCF auch für Phytosterolester fest. In seiner o.g.
Empfehlung heißt es: Nach umfangreicher toxikologischer Testung
mittels Fütterungsstudien an Ratten, die sowohl über 13 Wochen als
auch über Generationen liefen, sowie aus zahlreichen Studien, die
östrogenes Potential und genotoxische Wirksamkeit prüften, ergeben
sich keine Bedenken. Auch zahlreiche Studien an Menschen, die die
Wirkung der Phytosterole belegen, ergaben keine negativen Effekte.
Nur der Plasma-Spiegel einiger Karotenoide sank geringfügig. Da
die Werte innerhalb normaler jahreszeitlicher Schwankungsbreiten
liegen, gelten Phytosterole bis zu 8% in Margarine als sicher.
Schwillt die Menge einzelner Stoffe in unserem Essen "neuartig"
an, werden Gleichgewichte verändert. Hält dieser Zustand ein Leben
lang an, sind Entgleisungen wie z.B. Diabetes (Typ II) die Folge.
Deshalb heißt es dazu im EU-Papier: "Bei der Gesamtbewertung sind
die Auswirkungen auf die Ernährung sowohl bei der
voraussichtlichen Aufnahme üblicher Mengen als auch bei der
Aufnahme maximaler Mengen in Betracht zu ziehen."
Wenn Toxikologen die Grenzwerte haben, fangen Ernährungsfachleute
an zu rechnen.
Für das Produkt von Unilever ist der Margarineverzehr relevant.
Der liegt in Europa zwischen 20 und 30 g täglich. Nutzt ein Mensch
ausschließlich "becel pro activ" verzehrt er mit 1,6 - 2,4 g die
Wirk-Dosis an Phytosterolen. Die Erhöhung der Dosis bringt keinen
zusätzlichen Nutzen, hat den Versuchspersonen aber bisher nicht
geschadet. Kinder und ein lebenslanger Verzehr wurden allerdings
noch nicht genug getestet.
Unilevers Margarine ist ein Produkt. Gleichzeitig ist sie ein
Präzedenzfall. Sind die Phytosterole erst durch die Zulassung
durch, ist ihnen Unbedenklichkeit und physiologische Wirkung
amtlich bescheinigt. Letztere darf genannt werden und das Wissen
um Zusammenhänge mit Arteriosklerose ist längst Allgemeingut. Eine
Schachtel davon kostet 5,79 DM. Es wäre überraschend, wenn keiner
mehr einen Antrag gestellt hätte. Gesundheitliche Vorteile für
seine Produkte kann jeder Lebensmittelhersteller bestens
gebrauchen, denn seit BSE hat selbst in Europa der Kampf um die
Kunden durch Senkung der Preise auch tödliche Folgen. Noch sind
die neuen Anträge nicht genehmigt. Aber wie könnte man das
verhindern? Wenn 2 g Phytosterole in Margarine wirklich nichts
schaden, dann schaden sie auch nicht in Wurst. Auch diese muss
"fallweise" geprüft werden. Wie auch das Brot und die Milch. Wann
aus zehnfachem Überschuss Hundertfacher wird, wenn jemand alles
zusammen verzehrt, hat bisher noch keiner gefragt. So richtig die
Rechnung für jedes Einzel-Produkt auch sein mag, sie beschreibt
immer den Zustand von gestern. Die wissenschaftliche Prüfung wird
so zum Filter für Substanzen, deren Mengen ohne direkte
Vergiftungsgefahr in Lebensmitteln "neuartig" zunehmen dürfen.
Es bleibt nicht bei Phytosterolen. Kein Lebensprozess soll
unangetastet bleiben. Als Ziele bieten sich an:
Verdauungsfunktionen (Darmflora, Bioverfügbarkeit, Insulin- und
Glukagonbalance, appetitregelnde Peptide), oxidative Prozesse,
Eingriffe in den Metabolismus von Makronährstoffen (Kohlenhydrat-,
Fett- und Aminosäurestoffwechsel), Entwicklung des ungeborenen
Lebens (Folsäure, langkettige Fettsäuren und Gehirnentwicklung),
Verstoffwechslung von Umweltgiften, Verhalten und Stimmung sowie
geistige und physische Leistungsfähigkeit.
Molekulares Wissen über Körperfunktionen liefert die Grundlagen
Schlüsselverbindungen aus Lebensmitteln, die sie beeinflussen,
werden identifiziert. Dann setzt man sie in Beziehung zu
Krankheiten und/oder deren Risikofaktoren. Dann findet man
physiologische Marker, deren Beeinflussung messbar ist. Es folgt
wissenschaftliche Arbeit zwecks Identifikation, Charakterisierung
und Bewertung des toxischen Potentials. Zum Schluss gibt es
Studien am Menschen und das Design von "Functional Foods" (9).
Ob in diesem Schlaraffenland Gesundheit auch wirklich erzeugt
wird, können wir heute noch nicht wissen. Sichtbar aber ist schon
jetzt: Wo Wissenschaft stattfindet, um Lebensmittel zu "designen",
wird Essen zum Experiment. Mitunter sollen die Folgen "neuartigen"
Essen nach Markteinführung auch beobachtet werden. Daher kann man
erwarten, dass für jede identifizierte Schlüsselverbindung
Jahrzehnte nach Anreicherung feststellbar ist, wo die
Belastbarkeitsgrenzen unseres Stoffwechsels liegen. Und für jede
unserer Funktionen gibt es in unserer Population auch
empfindlichere Individuen. Diese können als Indikator für den
Schutz der anderen dienen. Selbst haben sie natürlich Pech gehabt,
aber Fortschritt hat seinen Preis und jemand muss ihn bezahlen.
Ernährung ist unsere stoffliche Schnittstelle zur Welt. Einst
änderte sich die molekulare Zusammensetzung unseres Essens nicht
schneller als unsere Gene antworten konnten. Seit 8000 Jahren
arbeitet unser Genom schon daran, dass auch Erwachsene die
"neuartige" Milch ohne Bauchschmerzen trinken können. Nun aber
verkoppelt uns unsere Nahrung mit einer Welt, in der ökonomische
Systeme nur bleiben was sie sind, wenn sie immer schneller neue
Produkte vermarkten. Mit ihrer ganzen Innovationskraft stürzen
diese sich nun auf die Optimierung unseres uralten Stoffwechsels.
Da die Gentechnik auch den letzten schützenden Filter zerreißt,
darf man gespannt sein, wie lange der das wohl aushält.
Und der aufgeklärte Verbraucher? Befreit von aller alten Erfahrung
und eigenen Bewertungskompetenz, zuverlässig geleitet durch
wissenschaftlich begründete Werbung, kombiniert er
selbstverantwortlich und täglich sein cholesterol- und
blutdrucksenkendes Essen mit Produkten, die Osteoporose verhindern
und ihn klüger machen. Er stellt noch Getränke für gute Laune dazu
und Joghurt, der ihm hilft, mit Umweltgiften fertig zu werden. Hat
die Wissenschaft morgen neue Erkenntnisse und waren die Hypothesen
von gestern falsch, wählt er eben neue Lebensmittel aus. Doch in
neuen Welten haben alte Eigenschaften auch neuen Überlebenswert.
Es spricht einiges dafür, dass in der schönen neuen Welt der
neuartigen und funktionellen Lebensmittel der ehemals dumme Bauer,
der nicht isst was er nicht kennt und bewerten kann, zum
Individuum mit der höchsten Fitness wird.
(Die Autorin ist Molekularbiologin und Expertin in
lebensmittelrechtlichen Fragen.)
Literatur:
1 G. Salen, et al,
Sitosterolemia, Journal of Lipid Research 33, 1992
2 Phytostanole sind hydrierte Phytosterole
3 Verordnung (EG) Nr. 258/97 des Europäischen Parlamentes und des
Rates über
neuartige Lebensmittel und Lebensmittelzutaten vom 27. Januar 1997
4 "Opinion of the Scientific Committee on Food" vom 6. April 2000
5 Bekanntmachung
6 Tabelle
7 FOSHU´s - foods of specified health use
8 Empfehlung der Kommission vom 29. Juni 1997 zu den
wissenschaftlichen Aspekten
und zur Darbietung der für Anträge auf Genehmigung des
Inverkehrbringens
neuartiger Lebensmittel und Lebensmittezutaten erforderlichen
Informationen,
Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften L 253, 40. Jahrgang vom
16.09.1997
9 M.B. Roberfroid, Concepts and strategy of functional food
science: the European
perspective, Am J. Clin. Nutr. 2000; 71; 1660 ff






