Süße Lüste im Novembergrau
Ulrike GonderKennen Sie das? Im November, wenn die Tage kurz und trübe sind, werden Sie traurig, schlapp und entwickeln eine unbändige Lust auf Süßigkeiten. Marzipan, Schokolade und Kuchen - nichts ist vor Ihnen sicher. Und dann erst die Advents- und Weihnachtstage: Wahre Süßigkeitsorgien mit Zimtsternen, Stollen und Nussmakronen stehen Ihnen bevor. Je mehr Sie versuchen, Ihre Müdigkeit auszuschlafen, desto schlimmer wird es.
Auch wenn das nur ein schwacher Trost ist, den Polarforschern ergeht es ähnlich: In der langen Polarnacht klagen sie über Traurigkeit, sexuelle Lustlosigkeit und steigendes Körpergewicht. All das kennzeichnet die so genannte "Winterdepression", die auf der nördlichen Erdhalbkugel viel häufiger vorkommt als etwa am Äquator. Kein Wunder, denn was den Menschen fehlt, ist das Licht: Das Licht beeinflusst unter anderem unsere Stimmung und unseren Appetit auf Süßes.
Zucker macht Laune
Warum entwickelte der Mensch diese starke Vorliebe für Süßes? Weshalb nützen die besten Vorsätze und die ständigen Appelle an die Vernunft, doch weniger zu naschen, nichts? Die Süßvorliebe ist dem Menschen angeboren. Neugierige Forscher träufelten neugeborenen Babies ein wenig Zuckerlösung auf die Zunge und siehe da: Die Kleinen lächelten selig. Bei sauren oder bitteren Tropfen verzogen sie angewidert das Gesicht.
Doch Zucker lässt nicht nur Babies lächeln, und er liefert nicht nur "leere Kalorien": Zucker beeinflusst auch unser psychisches Wohlbefinden. Zucker beruhigt. Säuglinge mit Zucker im Fläschchen schreien weniger. Manche Menschen können mit Zucker besser schlafen und Schmerzen ertragen. Zucker hebt die Stimmung, weil er in den Stoffwechsel einer Substanz eingreift, die für unser Wohlbefinden verantwortlich ist: in den Serotoninstoffwechsel.
Lebenslust und Körperchemie
Serotonin ist ein "Botenstoff" in unserem Gehirn. Es beeinflusst unseren Schlaf-Wach-Rhythmus, unser Sexualverhalten, Aggressionen, Impulsivität, Gedächtnis, Appetit, Angst und unser Lebensgefühl. Wie viel davon vorhanden ist, hängt unter anderem davon ab, was wir essen. Erstaunlicherweise wird es aber nicht aus Zucker gebildet, sondern aus dem Eiweißbaustein Tryptophan. Damit dieser Baustein ins Gehirn gelangen kann, ist Insulin nötig. Das Insulin schüttet unsere Bauchspeicheldrüse aus, sobald wir naschen. Erst das von den Kohlenhydraten "hervorgelockte" Insulin sorgt also dafür, dass die Eiweißbausteine aus dem Blut ins Gehirn gelangen und zur Serotoninbildung verwendet werden können. Damit verhindert der Körper, dass wir uns einseitig ernähren.
Ganz normale Lebensmittelbestandteile wie der Zucker können regelrecht "Laune machen". Deshalb lieben die meisten Menschen Süßes. Außerdem haben Süßigkeiten den Vorteil, dass sie die Stimmung anheben, ohne wie Alkohol den Verstand zu vernebeln. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es soll niemand zum Naschen verleitet werden. Zucker zu essen ist genauso wenig notwendig wie Alkohol zu trinken. Es soll nur erklärt werden, warum so viele Menschen ein Verlangen nach Süßem verspüren, vor allem bei Lichtmangel.
Es weihnachtet sehr
Nun verstehen wir auch den Zusammenhang zwischen Weihnachten und den Süßigkeitsorgien besser. Wenn uns das Licht fehlt, steigt die Lust auf Süßes. Licht und Zucker haben dieselbe Wirkung auf die Stimmung des Menschen, denn beide greifen in den Serotoninstoffwechsel ein. Allerdings gibt es einen Unterschied: Während Zucker für einen Serotoninanstieg sorgt, verhindert das Licht seinen Abbau. Im Gegensatz zum Tageslicht reicht unsere übliche Wohnungs- und Bürobeleuchtung dafür jedoch nicht aus. Jetzt wird verständlich, warum wir gerade im Advent, wenn die Tage so kurz und düster sind, so gerne Kerzen anzünden und unsere Weihnachtsbäume mit Lichterketten schmücken - und warum wir so gerne nach Plätzchen und Lebkuchen greifen: Wir wollen guter Stimmung sein, selbst wenn wir dabei etwas "Winterspeck" ansetzen. Ganz unbewusst bemühen wir uns, den Serotoninspiegel hoch zu halten. Deshalb essen wir das, was wir essen.
Im Frühling, wenn die Tage wieder länger werden und die Sonne scheint, lässt unser Süßhunger meist ganz von selbst wieder nach. Neue "Power" verdrängt die Schläfrigkeit, und unser Körpergewicht sinkt ganz von allein um ein paar Kilo. Vermutlich gibt es deshalb so viele Frühjahrskuren und kaum eine Novemberdiät.






