Was macht die Milch?
Ulrike GonderDie Frage, ob der Konsum von Kuhmilch den Menschen gesünder oder kränker macht, gehört zu den beliebtesten und schier endlos disputierten Reizthemen der Ernährungsszene. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt: "Trinken Sie täglich mindestens einen Viertel Liter fettarme Milch und essen Sie zwei Scheiben Käse. So stellen Sie sicher, dass Ihr Körper genügend Calcium bekommt, das er für Wachstum und Knochenbildung benötigt." In der Tat gibt es wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass eine mangelhaft Versorgung mit dem Mineralstoff Calcium mit einem erhöhten Risiko für Skeletterkrankungen (z.B. Osteoporose, Rachitis) einhergeht. Deswegen empfiehlt die DGE gleich, ein ganzen Gramm pro Tag mit der Nahrung zu verzehren.
Mittelohrentzündung und Verschleimung?
Aus dem Lager der Milchgegner
hören wir dagegen, dass neben dem gehäuften Auftreten von
Mittelohrentzündungen bei Milch trinkenden Kindern, die "mit dem
Genuss von Milchprodukten verbundene Schleimbildung" ein
ernstzunehmendes Problem darstellt. Das klingt nicht gut. Einmal
skeptisch geworden, müssen wir uns fragen lassen: "Warum in aller
Welt sollen Menschen die Milch der Kühe trinken? ... Die Kuhmilch
wurde für einen einzigen Zweck und nur für diesen geschaffen, nämlich
für die Fütterung der arteigenen Nachkommen." Das klingt plausibel
- und doch sind die daraus gezogenen Schlüsse falsch!
Richtig ist, dass die Natur die Kuhmilch nur für Kälber vorgesehen hat
und nicht für den Menschen. Doch Möhren, Nüsse oder Kohlrabi
wachsen auch nicht extra für uns, auch diese Nahrung "rauben" wir
anderen Lebewesen. Wollten wir nur das essen, was die Natur für
uns vorgesehen hat, müssten wir von der Muttermilch auf
(Süd-)Früchte umsteigen - und das wär´s gewesen.
Nur Muttermilch und Südfrüchte?
Muttermilch ist einleuchtend, aber
warum Früchte? Weil Bananenstauden, Kiwi-Sträucher und Apfelbäume
sich eine besondere Strategie zur Verbreitung ihrer Samen
ausgedacht haben: Sie umgaben sie mit einem süßen, duftenden
Fruchtfleisch, das insbesondere Säugetiere wie Affen, Pferde,
Bären oder eben Menschen anzieht. Die verzehren die nahrhaften
Früchte mit dem großem Vergnügen und scheiden die unverdaulichen
Samen andernorts wieder aus, umgeben von einem ordentlichen
Dunghaufen als "Startkapital". So konnten die Obstgewächse
sicherstellen, dass ihre Samen eine möglichst gute und weite
Verbreitung erfahren. Insofern sind viele Früchte von der Natur
"extra" für Säugetiere wie den Menschen gemacht.
Am Äquator mag es noch gelingen, nur von Früchten zu leben, doch im
kalten europäischen Winter war eine reine Früchtekost früher
schlicht unmöglich und heute wäre sie wahrlich kein Vergnügen -
einmal ganz davon abgesehen, dass sie für Kinder gefährlich
einseitig ist und auch bei Erwachsenen zu Mangelerscheinungen
führen kann. Außerdem leben die meisten Menschen auf dieser Erde
von einer gemischten Kost, auch die Naturvölker.
Endloser Streit um die Milch
Damit ist aber noch immer nicht
der endlose Streit um die Milch entschieden. Dabei ist die Frage
längst geklärt: Marvin Harris, ein amerikanischer Anthropologe und
Querdenker hat eine plausible Antwort gefunden. Sie beginnt mit
einem entschiedenen "Es kommt darauf an ...": Ob Milch "gut" oder
"schlecht" ist, hängt einzig damit zusammen, ob sie bzw. der darin
enthaltene Milchzucker vertragen wird.
Die Fähigkeit des menschlichen Organismus, Milchzucker (Lactose) zu
verdauen, das heißt in seine beiden Bestandteile aufzuspalten, ist
genetisch bedingt. Sie variiert mit unserer Hautfarbe und mit dem
Breitengrad unseres Wohnortes. Wie kam Harris darauf? Ihm fiel
auf, dass die hellhäutigen Skandinavier Milch lieben und gut
vertragen. Für Chinesen stellt sie dagegen ein Ekel erregendes
Drüsensekret dar. Und fast alle dunkelhäutigen Afrikaner vertragen
gar keine Milch, weil ihnen das Enzym (Lactase) fehlt, das für die
Verdauung des Milchzuckers nötig ist. Sie sind "lactoseintolerant" und
bekommen Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall, falls sie doch davon
trinken.
Normalerweise bildet der Darm der Säugetiere nach der Entwöhnung von
der Muttermilch immer weniger von dem Lactose-spaltenden Enzym, so
dass ausgewachsene Säugetiere Milch nicht mehr gut vertragen. Das
änderte sich beim Menschen vor etwa 10.000 Jahren, als er in die
nördlichen Regionen der Erde vordrang: Dort bedrohten ihn
Knochenleiden wie Rachitis und Osteomalazie, denn für ein gesundes
Skelett ist neben der Calciumzufuhr wichtig, dass der Mineralstoff
auch vom Körper verwerten werden kann. Für die Verwertung des
Calciums aus der Nahrung benötigen wir entweder Vitamin D oder
Lactose.
Sonne oder Milch
Während die Menschen in warmen
Gegenden mit Hilfe der Sonnenstrahlen genügend Vitamin D in ihrer
Haut bilden konnten und die Küstenbewohner durch den Verzehr von
Fisch viel Vitamin D aufnahmen, gab es im Binnenland der
nordischen Länder Probleme: Infolge der geringen Sonnenscheindauer
und der notwendigen dickeren Kleidung konnten die Menschen nur
wenig Vitamin D bilden. Und Lactose hatten bis dahin nur Säuglinge mit
der Muttermilch erhalten.
Zwei genetische Besonderheiten sorgten im Laufe der Generationen für
Abhilfe: Zum einen setzte sich im Norden eine immer helle Haut durch,
so dass die wenigen Sonnenstrahlen optimal zur Vitamin-D-Bildung
genutzt werden konnten. Andererseits hatten jene "Mutanten" einen
Vorteil, die auch als Erwachsenen noch Milchzucker vertragen
konnten. Denn sobald es gelungen war, gezähmte Tiere zu melken,
konnte deren Milch genutzt werden. Sie liefert nicht nur große
Mengen Calcium, sondern auch reichlich verdauungsfördernde Lactose.
In anderen Regionen der Erde entschied umgekehrt die Verfügbarkeit der
Milch über die Lactosetoleranz der erwachsenen Bevölkerung. Denn
überall dort, wo Weidewirtschaft gut möglich war, finden sich auch
lactosetolerante Erwachsene, wie das Beispiel ostafrikanischer
Nomadenvölker zeigt. Chinesen sind dagegen nicht auf die Milch als
Calciumspender angewiesen und meist lactoseintolerant: Sie essen
viel calciumhaltiges Blattgemüse und Sojaprodukte, haben mehr
Sonnenschein, und ihre Landwirtschaft eignet sich nicht gut zur
Rinderhaltung.
In Indien wiederum, mit seiner landwirtschaftlichen Abhängigkeit vom
Rind als Zugtier, vertragen trotz der relativ hohen UV-Intensität
erheblich mehr Menschen Milch. Die Gene für die Bildung des
Milchzucker-spaltenden Enzyms sind in der erwachsenen Bevölkerung
heute umso verbreiteter, je mehr Milch in der Vergangenheit
getrunken wurde. (4) Offenbar ist es so, dass erwachsene Menschen
nur dort Milchzucker vertragen, wo es die ökologischen
Gegebenheiten erforderten.
Käse-Fans und Joghurt-Hasser
Wer sich einmal ohne Scheuklappen
im Bekanntenkreis umsieht, wird feststellen, dass es da sowohl
Quark- und Joghurtfans gibt als auch Milch- und Käsehasser - und
dazu noch alle möglichen Zwischenstufen. Und genau das ist die
Realität: Manche Menschen mögen Milch, andere nicht, manche
vertragen sie gut, anderen geht es ohne besser. Deswegen lässt
sich die "Milchfrage" leicht beantworten: Wer Milch (und
Milchprodukte) verträgt, für den sind sie gehaltvolle, nährstoffreiche
Lebensmittel. Sie liefern viel leicht verdauliches Eiweiß, daneben
etwas Vitamin D und K, B6 und B2 sowie Mineralstoffe und
Spurenelemente, allen voran Calcium für gesunde Knochen und Zähne.
Wer sie nicht verträgt, dem nützen die ganzen schönen Inhaltsstoffe
nichts! Denn Menschen mit einer Lactose-Intoleranz können auch das
Calcium aus der Milch kaum verwerten. So erklären sich auch die
Erfahrungsberichte einiger Ärzte, wonach es Lactose-intoleranten
Osteoporose-Patienten in der Tat besser geht, wenn sie die Milch
weglassen. Von einer Milchzucker-Unverträglichkeit sind allein in
Deutschland rund 10 Prozent der Bevölkerung betroffen, in
südlichen Regionen bis zu 99 Prozent. Diese Menschen sollten die
Finger von der weißen Flüssigkeit lassen und auch von den
Milchprodukten nur das essen, was sie wirklich gut vertragen.
Fazit
Das heißt ...
- Milch und Milchprodukte sind
für jene, die sie vertragen und die sie mögen, gehaltvolle
Lebensmittel mit leicht verdaulichen Inhaltsstoffen. Die
Verzehrsmengen und die Fettgehalte sollten sich am Appetit und
am Geschmack orientieren, nicht an irgend welchen "offiziellen"
Regeln.
- Wer keine Milch verträgt,
sollte die Finger davon lassen, und vermehrt dunkelgrünes
Gemüse, Orangen, Sojaprodukte und Nüsse essen, die ebenfalls
Calcium enthalten. Auch manche Mineralwässer können zur
Versorgung beitragen.
- Sollte es aufgrund einer
Erkrankung zu einem Calcium- oder Vitamin-D-Mangel gekommen sein
oder stellt ein Arzt eine zu geringe Calcium-Zufuhr fest, gibt
es wirksame Präparate zur Nahrungsergänzung.
- Niemand muss Milch trinken oder Käse essen, wenn er es nicht mag! Alle anderen dürfen sie ruhigen Gewissens genießen.
Literatur
1. DACH-Referenzwerte, DGE (Hrsg): Frankfurt 2000
2. Diamond, H und M: Fit für´s Leben, Fit for Life. Goldmann 1990
3. Pollmer, U et al: Prost Mahlzeit! Kiepenheuer & Witsch 2001
4. Harris, M: Wohlgeschmack und Widerwillen. dtv 1995
5. EU.L.E. (Hrsg): Eulen-Spiegel Nr. 5/1998






