Melatonin - illegale Schlafhilfe?
Ulrike Gonder Melatonin, die Wunderdroge: Die Liste der Leiden, die das Hormon
angeblich kurieren kann, erinnert an Versprechungen
mittelalterlicher Bader: Als ewiger Jungbrunnen soll es die
Alterung stoppen, freie Radikale fangen, Krebs bekämpfen, vor
Schlaganfall, Verkalkung und Herzinfarkt schützen, vor plötzlichem
Kindstod, Gedächtnis- wie Libidoverlust, Schnupfen, AIDS,
Schizophrenie, prämenstruellen Beschwerden und Alzheimer bewahren
und schlank machen. Obendrein soll Melatonin auch noch für
erotische Träume sorgen - heißt es.
Da ist die Verlockung groß, schnell mal eine Schachtel zu ordern. In
Deutschland darf das Hormon zwar nicht verkauft werden, doch im
Zeitalter des Internet braucht es bis zur Lieferung nur ein paar
Mausklicks: In Amerika gilt Melatonin seit 1994 als
"Nahrungsergänzungsmittel" und darf frei verkauft und bestellt
werden.
Hormon der Dunkelheit
Melatonin wird von den meisten
Organismen selbst gebildet. Beim Menschen entsteht es in der
Zirbeldrüse, einer nur erbsengroßen Zellansammlung, tief verborgen
im Gehirn. Hergestellt wird es normalerweise nur nachts. Es dient
dem Körper als Vermittler der Dunkelheit. Sobald es hell wird oder
künstliches Licht in die Augen fällt, drosselt die Zirbeldrüse
ihre Melatoninproduktion.
Melatonin steuert unseren Tag-Nacht-Rhythmus, dem so ziemlich alle
Körperfunktionen unterliegen. So steigt der Blutdruck in den frühen
Morgenstunden, nachts sinkt er auf ein Minimum ab. Auch die
Körpertemperatur, der Appetit und die Ausschüttung von Hormonen
unterliegen Tag-Nacht-Schwankungen.
Vom Froschhormon zur Wunderpille
Lange bevor die chemische Formel des Melatonins entschlüsselt war, wusste man, dass Frösche mit seiner Hilfe ihre Hautfarbe verändern konnten. Dieser Eigenschaft verdankt der Stoff auch seinen Namen: Die Farbzellen in der Haut werden als Melanozyten bezeichnet, und -tonin bedeutet soviel wie zusammenziehen, denn der Farbumschlag kommt durch das Zusammenziehen der Pigmentzellen zustande. Bis zur Melatoninpille war es allerdings noch ein weiter Weg. Erst in den 60er Jahren gelang es, das Hormon im Labor nachzubauen. Damit begann ein Siegeszug des "Wundermittels", der seinen Höhepunkt Mitte der 90 Jahre erreichte. Kritiker sprachen angesichts der enormen Nachfrage von einer kollektiven "Melatonin-Madness": In Kalifornien beispielsweise wurden 1995 mehr Dollar für Melatonin ausgegeben als für Aspirin.
Radikalen-Fänger
Wissenschaftlich solide Belege für
die meisten der angepriesenen Gesundheitswirkungen fehlen bis
heute. Zumeist handelt es sich um maßlos übertriebene Erwartungen
auf der Grundlage von Tierversuchen mit Ratten und Mäusen - die
als nachtaktive Nagetiere in diesem Fall denkbar ungeeignet sind.
Auch die dreiste Behauptung, Melatonin verlängere das Leben, basiert
auf einer fehlerhaft angelegten Studie. Der Altersforscher Walter
Pierpaoli hatte senilen Mäusen Melatonin ins Trinkwasser
geträufelt - mit dem Resultat, dass sie länger lebten. Der
Knackpunkt: Die Mäuse waren aufgrund eines genetischen Defekts
überhaupt nicht in der Lage, körpereigenes Melatonin zu bilden.
Die Hormongabe im Trinkwasser sorgte bestenfalls dafür, dass sich
eine durch Hormonmangel verkürzte Lebensspanne normalisierte.
Dass Melatonin antioxidativ wirkt, d.h. aggressive freie Radikale
abfangen kann, ist dagegen unbestritten. Daraus darf jedoch nicht
automatisch geschlossen werden, dass es auch vor Herzinfarkten,
Krebs und Alterungsprozessen schützt, jenen Leiden, die auf zu
viele freie Radikale zurückgeführt werden. Auch hierzu gibt es
keine brauchbaren Studienergebnisse.
Gegen Schlafstörungen
In seiner ursprünglichen Wirkung
als Vermittler zwischen Dunkel und Hell ist Melatonin am besten
untersucht. Das Hormon macht müde, und davon können vor allem
Senioren, Jetlag-Geplagte und Schichtarbeiter profitieren: Niedrig
dosierte Melatoninpillen verhelfen ihnen zum ersehnten Schlaf. Der
Vorteil gegenüber anderen Schlafmitteln: Es gibt keinen Kater am
folgenden Morgen.
Auch blinde Menschen, deren Tag-Nacht-Rhythmus gestört war,
profitierten im Rahmen von Studien von Melatonin. Die Einnahme
sorgte dafür, dass sie nicht mehr mitten in der Nacht putzmunter
aufwachten und tagsüber ständig unter Müdigkeit litten. Wie beim
Jetlag wurde die innere Uhr synchronisiert. Sehenden Menschen
gelingt das jedoch auch mit ganz gewöhnlichem Tageslicht!
Entscheidend für die Wirkung von Melatonin ist der Zeitpunkt der
Einnahme. Um ein Jetlag nach einem Flug in Richtung Westen zu
verringern, müssten die Pillen mitten in der Nacht geschluckt
werden. Zur falschen Zeit verabreichtes Melatonin kann die
Körperrhythmen völlig durcheinander bringen, Schlafstörungen und
Jetlag verstärken. Wer es tagsüber nimmt, riskiert bleierne
Müdigkeit und eingeschränkte Fahrtüchtigkeit. Weil auch die
Stimmung und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sein können, rät das
Arznei-Telegramm von einer Einnahme während des Tages ab.
Keine Wirkung ohne Risiko
Melatoninpillen sind weder
wirkungs- noch harmlos. Sie senken die Körpertemperatur und
greifen in sämtliche Tag-Nacht-Rhythmen ein, angefangen von den
Immunfunktionen bis hin zum Hormonhaushalt. Überall dort können
die Pillen prinzipiell Nutzen stiften, aber auch Schaden
anrichten. Zwar wurden in den USA während der 8 Jahre, in denen
Melatonin dort auf dem Markt ist, keine schlagzeilenträchtigen
Nebeneffekte bekannt, es wurde aber auch nicht systematisch nach ihnen
gesucht.
Experten warnen daher vor Langzeitfolgen. Die üblicherweise angebotenen
Pillen enthalten Melatoninmengen, die den Blutmelatoninspiegel auf das
30fache des normalen Wertes ansteigen lassen. Auch sind nicht alle
Präparate sicher. Melatonin wird nicht immer synthetisch oder aus
Pflanzen gewonnen, sondern zum Teil auch aus Hirngewebe. Die
Möglichkeit einer Übertragung des Rinderwahnsinns bzw. der
Creutzfeld-Jakob-Krankheit ist nach Angaben des Bundesinstitutes
für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn "nicht untersucht,
muss aber in Betracht gezogen werden". Die Forscher sorgen sich
auch um unsere Augen, die mit Hilfe eines eigenen Melatoninrhythmus für
die Erneuerung der Lichtrezeptoren sorgen. Die großen Hormonmengen
in den Pillen könnten langfristig die normale Funktion der
Netzhaut stören.
Durchaus störend könnte sich auch eine andere Nebenwirkung auswirken.
Nach der Verabreichung hoher Melatonindosen bildeten sich
zumindest bei vielen Tierarten die Geschlechtsdrüsen zurück. Und
wie steht es um die menschlichen Triebe? Dazu schrieb der Arzt
Gerhard Venzmer schon 1933: "Die gegen das Geschlecht gerichtete
Wirkung des Zirbelsaftes hat... bereits ihre praktische Ausnutzung
gefunden; Hormonpräparate aus dieser Drüse hat man in solchen
Fällen angewandt, in denen das Auftreten geschlechtlicher
Vorstellungen unerwünscht war".
Hormone und Recht
Hormone unterliegen in Deutschland dem Arzneimittelrecht. Das heißt, sie benötigen eine amtliche Zulassung, bevor sie in Verkehr gebracht werden dürfen. Dazu müssen sie aber in umfangreichen und teueren Studien auf ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet werden. Bislang hat nur eine Firma die Zulassung eines melatoninhaltigen Präparates beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragt, den Antrag später aber wieder zurückgezogen.
Droge Melatonin
Trotz aller Gegenargumente schwören viele "Melatonin-User" auf ihr Präparat. Sie schlafen nachts besser und fühlen sich tagsüber fit. Das "Gut-drauf-sein" muss jedoch nicht am besseren Schlaf liegen. Eine mögliche Erklärung liefert die Chemie: Melatonin gehört zur Stoffklasse der Indole, zu der auch Drogen wie LSD gehören. Speziell die Gruppe der ß-Carboline spielt als Halluzinogene in vielen Kulturen eine wichtige Rolle. Und ein solches ß-Carbolin bildet sich im Gehirn aus Melatonin von ganz allein, vor allem bei massiver Überdosierung. So gesehen dürfte Melatonin nicht anders als Marihuana oder Ecstasy behandelt werden. Von Ecstasy ist inzwischen bekannt, dass es nicht nur zu Stimmungsveränderungen und Depressionen führt, sondern auch zu einer Art "Dauer-Jet-Lag".






