Lupinen für Kartoffeln: ein himmelweiter Unterschied
Quelle: Greenpeace-Magazin 5/01
Eine nutzlos scheinende Lupinenart namens Tarwi hat das Leben der Quechua-Indianer im bolivianischen Hochland enorm verbessert: Als billiger Dünger lässt sie die Kartoffelernten rasant in die Höhe schießen - und erweist sich damit als einfaches Mittel, um den Bergbauern einen umweltfreundlichen Weg aus Hunger und Armut zu bahnen.
von Max Zeimet
Die Sonne ist längst
aufgegangen, über den Bergen wölbt sich ein tintenblauer Himmel, doch noch ist
es bitterkalt auf dem kleinen Versuchsacker in 3200 Metern Höhe. Prudencia
Aduviri und ihr Mann Gabriel Crispín, die trotz der schneidenden Kälte nur ihre
"Ujut'a", Riemensandalen mit Sohlen aus Altreifen, an den Füßen tragen, ziehen
Hut und Mütze noch etwas tiefer in den Nacken und warten bibbernd, bis auch die
anderen Bauern zum steinigen Plateau in den bolivianischen Hochanden
emporgestiegen sind.
Heute ist ein wichtiger Tag für die 21 Familien aus
dem Dörfchen Wenqaylla. Der Tag, an dem sich entscheidet, welche Kartoffelsorten
sie im Frühling auf ihren Feldern pflanzen werden. Der Tag, von dem es abhängt,
wie reich die Ernte des nächsten Jahres wird.
"Ohne Kartoffeln können wir
nicht sein", sagt die Quechua-Indianerin Prudencia Aduviri feierlich, "die
Kartoffel ist unser Leben, das uns Pachamama schenkt, unsere Mutter Erde." Als
sie endlich auch die Berater von "World Neighbors" erspäht, packt sie energisch
ihren Bastkorb, drückt Gabriel die Hacke in die Hand und stapft entschlossen auf
den kleinen Gemeindeacker los, unter dessen Krume die Knollen liegen, an denen
alles hängt.
Vor fünf Jahren waren die "gringos" aus Oklahoma in die
ehemalige Silberregion Potosí gekommen, wo die Hochlandindianer der kargen Erde
bis heute meist mühsam ihre Ernten abringen. Ausgelaugte, von Erosion
zerfressene Böden und fehlender Dünger hatten die Bergbauern fast aussichtslos
in die Armutsspirale getrieben.
Gabriel Crispín war einer der ersten, die
sich auf die Ideen der Nordamerikaner und deren bolivianischen Kollegen
einließen. Auch wenn der Start alles andere als vielversprechend war: "Sie
schlugen uns vor, einen Teil unserer Bohnen- und Erbsenernte als Dünger auf die
Kartoffelfelder zu streuen", erinnert sich der 51-jährige Quechua. "Verrückt! So
was können wir mit Pachamama nicht machen! Sie hat uns doch die Ernte
geschenkt!"
Dass diese jahrtausendealte Verehrung von Mutter Erde ein
Problem werden könnte, hatten die "Nachbarn" nicht bedacht. Kurz entschlossen
suchten sie nach anderen als Dünger geeigneten Pflanzen, die in Höhen zwischen
3000 und 4000 Metern wachsen. Sie entdeckten Tarwi, eine
Lupinenart.
"Tarwi war für uns nutzlos. Ihre Bohnen sind so scharf, dass
man viel Arbeit damit hat, bis man sie essen kann", erklärt Gabriel Crispín.
"Wir hätten nie gedacht, dass diese Lupinen so ein guter Dünger sind." Für
Hunderte von Familien in rund 30 Gemeinden der Provinzen Charcas und Ibanyez ist
diese Leguminosenart inzwischen ein Schlüsselelement des naturnahen
Landbaus.
Der "grüne Dünger" bildet mit den weichen Stengeln und Blättern
einen hervorragenden Kompost. Wenn die Lupinen kurz nach Karneval die
lilafarbene Blüte entfalten, ziehen die Bauern sie aus dem Boden und pflügen sie
unter für die Kartoffelsaat im Oktober. Das große Geheimnis sind die kleinen
rosa Knötchen an den weißen Wurzeln: hochkonzentrierte Stickstoffablagerungen,
die es bequem mit jedem chemischen Dünger aufnehmen. Mehr Arbeit als einmal
Unkraut jäten und umgraben machen die Lupinen auch nicht. Ein Einsatz, der sich
lohnt: Mit Tarwi-Dünger haben sich die Ernten gegenüber früher verdoppelt, oft
sogar verdreifacht.
Auch auf dem Experimentieracker steht das
Kartoffelkraut satt und grün. Vor sieben Monaten haben die Bauern darauf wie auf
Feldern eines Schachbretts verschiedene Sorten ausgesät - Waych'a, Runa Nativa,
Runa Toralapa, Alpha und etliche andere - um zu sehen, welche hier unter diesen
Bedingungen am besten wachsen.
Gabriel und seine Nachbarn schwingen die
Hacken in die Pflanzreihen. Hieb für Hieb gibt der staubige Boden die Knollen
frei. Prudencia und die anderen Frauen lesen die Früchte auf, getrennt nach
Sorten. Am Feldrand bauen die Alten derweil den "Wath'ia" auf, einen Lehmofen -
Ernte und gemeinsames Kartoffelessen sind seit Inkazeiten unzertrennlich.
Prüfend wiegen die Bauern dann die Kartoffeln in den Händen, drücken sie und
riechen an ihnen. Gabriel hat seine Wahl getroffen: "Die Alpha taugt hier
nichts. Ich werde die Runa Toralapa pflanzen, aber auch Waych'a, obwohl sie
nicht ganz so gut abgeschlossen hat. Denn Waych'a ist schmackhafter, und wenn
mir was zum Verkaufen bleibt, erziele ich damit einen höheren
Preis."
Auch der Landwirtschaftsberater Freddy Oporto von den World
Neighbors freut sich über das gute Ergebnis des Saatguttests: "Kartoffeln in
jeglicher Form sind hier das wichtigste Grundnahrungsmittel, dann erst Bohnen,
Nudeln und Gemüse. Mit unserer Methode können wir viel gegen Armut und Hunger
tun, die die Hochlandindianer in die Städte treiben."
Deshalb beraten die
"Nachbarn" mit den Bauern nicht nur über neue Kartoffelsorten und Setztechniken
oder über eine bessere Lagerhaltung. Sie regen auch Bodenregenerierung an,
Terrassenbau und die Aufforstung der von Erosion gezeichneten Bergwelt der
Quechua. Sie fördern aber auch Gesundheit und Bildung und unterstützen besonders
die Frauen, die oft aufgeschlossener sind als die Männer - auch gegenüber der
Familienplanung, ohne die ein Ausbruch aus der Armut nur schwer zu schaffen
ist.
"Milaujata Pachamama!" - Schenk uns ein Wunder, Mutter Erde! Auf
einem flachen Stein glimmen Holzzweige. Unter den gebannten Augen der Nachbarn
wirft Prudencia Weihrauchsteine in die Glut und legt eine Opfergabe auf den
Kartoffelhügel. Die nächste Ernte wird gut werden, da ist sich die Indianerin
jetzt sicher. Genau dies hatte sich Prudencia früher so oft erbeten, wenn sie
den Weihrauch auf die Kartoffeln legte: Milaujata Pachamama.
Mit
freundlicher Genehmigung von www.greenpeace.de






