Krebsschutz durch Ernährung
Ulrike Gonder
Krebs ist schlimm. Aber glücklicherweise kann man etwas dagegen
tun: "Trinken Sie täglich grünen Tee wie ein Chinese, das schützt
vor Magenkrebs!" oder "Krebsschutzstoff in Tomaten entdeckt!" oder
"Eine ballaststoffreiche Kost verhindert Darmtumoren". So oder
ähnlich wird den Menschen suggeriert, sie könnten Krebs verhüten,
wenn sie nur das Richtige äßen.
Und es sind nicht nur die Boulevardblätter, die auf der ständigen Jagd
nach reißerischen Aufmachern begierig vorläufige
Forschungsergebnisse aus den Labors der Krebsforscher aufnehmen.
Auch seriöse Organisationen wie etwa der World Cancer Research
Fund (WCRF) und das American Institute for Cancer Research (AICR)
sind überzeugt davon, dass es sich bei Krebs um eine Krankheit
handelt, die durch "richtige" Ernährung verhütbar ist (EU.L.E.N-SPIEGEL
1997/H.8/S.9-11).
Das Krebsrisiko einfach wegessen? Eine kritische Überprüfung der
Fachliteratur zeigt, dass die Ernährungsempfehlungen zur
Krebsprophylaxe eher Wunschdenken sind als wissenschaftliche
Wirklichkeit.
Die Krebsforschung ist im Bereich
der Ernährung in eine Sackgasse geraten. Nach jahrzehntelangen
Bemühungen gibt es nur wenige gesicherte Erkenntnisse, es
überwiegen offene Fragen und ernüchternde Studienergebnisse.
Dennoch wird der Öffentlichkeit vermittelt, dass etwa ein Drittel
aller Krebsfälle ernährungsbedingt und damit prinzipiell verhütbar
sei (150).
Aufgrund dieser Annahmen werden Verbraucher beraten und beunruhigt,
werden neue Produkte entwickelt und Strategien im öffentlichen
Gesundheitswesen konzipiert. Höchste Zeit also, den Stand der
Dinge einmal vorurteilsfrei zu hinterfragen.
Sage mir, was du isst ...
Ein grundsätzliches Problem liegt
in der exakten Ermittlung des Essverhaltens (74, 146-148). Wer je
versucht hat, sich zu erinnern, was er am vergangenen Sonntag
gegessen hat, weiß, wie schwer es ist, Menge und Zutaten des
Verzehrten aufzulisten. Und da kaum jemand gerne zugibt, dass
zwischendurch noch eine Tüte Gummibärchen oder eine Flasche Wein
den Weg alles Essbaren gingen, haben alle Ernährungserhebungen das
Problem, dass sie ungenau sind.
Weitere Ungenauigkeiten entstehen aufgrund fehler- und lückenhafter
Nährwerttabellen und dadurch, dass viele Produkte mit gleichem Namen,
wie etwa "Pizza" oder "Wurst", eine sehr unterschiedliche
Zusammensetzung haben.
Um Zusammenhänge zwischen Krebs und Ernährung zu untersuchen, werden
verschiedene Studientypen herangezogen, die sich in ihrer Aussagekraft
erheblich unterscheiden. Die wichtigsten epidemiologischen Studien sind
Fall-Kontroll-, prospektive Kohorten- und Interventionsstudien:
Studientypen
Fall-Kontroll-Studien vergleichen Krebskranke mit Gesunden oder mit Patienten, die nicht an Krebs leiden. Man befragt sie nach ihren Lebensgewohnheiten und nach der medizinischen Vorgeschichte und sucht nach Unterschieden, die das Krankheitsgeschehen erklären könnten. Diese Studien haben zahlreiche methodische Schwächen. So werden die Teilnehmer meist nach ihrer Diagnose (retrospektiv) befragt. Bei diesem Vorgehen schätzen Brustkrebspatientinnen z.B. ihre Kalorienaufnahme bis zu 45% höher ein, als wenn sie vor der Diagnose befragt werden (37).
Prospektive Kohortenstudien haben mehr Aussagekraft, weil sie begleiten und nicht erst im Nachhinein die Hypothese formulieren: Man befragt eine große Anzahl von Menschen über ihre Ess- und Lebensgewohnheiten, beobachtet sie über viele Jahre und vergleicht dann ihre Krankheiten bzw. die Todesursachen. Dennoch liefern auch prospektive Studien nur Korrelationen und keine Belege für ursächliche Zusammenhänge.
In Interventionsstudien werden Substanzen, die man für Krebsschutzstoffe hält, am Menschen ausprobiert. Dieser Studientyp erlaubt eine Aussage darüber, ob der getestete Stoff in der verabreichten Dosis die gewünschte Wirkung entfaltet. Problematisch ist, dies auf Lebensmittel zu übertragen, die viel komplexer zusammengesetzt sind und in denen die fraglichen Substanzen meist in viel niedrigeren Mengen vorliegen.
Bewertung der Literatur
Die folgende Bewertung stützt sich
- soweit vorhanden - auf Interventions- und prospektive
Kohortenstudien, die signifikante Ergebnisse erbrachten.
Ein Studienergebnis ist dann statistisch signifikant, wenn der
Vertrauensbereich den Wert 1 ausschließt. Nur in diesem Fall handelt es
sich mit 600iger Wahrscheinlichkeit nicht um einen Zufallstreffer.
Ein Beispiel: Ein relatives Risiko beträgt 0,7 und ist somit um
30% gesunken. Wird der Vertrauensbereich jedoch mit 0,4 - 1,2
angegeben, ist das Ergebnis dennoch nicht signifikant. In der
epidemiologischen Literatur wird dies oft nicht beachtet.
Die gängigsten Regeln
Ratschläge zur Krebsprävention beinhalten meistens die folgenden Ernährungsempfehlungen:
- mehr Obst und Gemüse essen
- mehr ballaststoffreiche Lebensmittel, insbesondere Vollkornprodukte essen
- weniger salziges und "rotes" Fleisch essen
- Fettzufuhr auf weniger als 30 Energie% senken
- Übergewicht vermeiden bzw. abbauen
- keinen oder wenig Alkohol trinken
Manche Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) legen darüber hinaus besonderen Wert auf eine ausreichende Zufuhr der antioxidativen Vitamine C, E und ß-Carotin, um "präventive Plasmakonzentrationen" sicherzustellen (31). Doch wie gut sind solche Ernährungsregeln belegt?
Gemüse: gesund durch Statistik
Dass Obst und Gemüse gesund sind,
weiß jedes Kind - spätestens dann, wenn es gezwungen wird, seinen
Spinat aufzuessen. Im Falle der Krebsprävention scheint dies auch
belegbar zu sein: Übereinstimmend werden Gemüse und Obst
Schutzwirkungen zugeschrieben, vor allem bei Tumoren des
Verdauungstraktes und der Lunge (11, 14, 133, 150). Nach Angaben
des World Cancer Research Funds fanden 78% aller bisher
veröffentlichten Studien eine signifikante Minderung des Krebsrisikos -
bei wenigstens einer Obst- oder Gemüsekategorie und wenn alle
Krebsarten zusammengenommen werden (150).
Diese Aussage ist in mehreren Punkten irreführend.
Erstens werden auch solche Ergebnisse als signifikant bezeichnet, die
es im wissenschaftlichen Sinn gar nicht sind, weil der
Vertrauensbereich den Wert 1 einschließt. Lässt man diese Studien
und jene unberücksichtigt, die erst gar keinen Vertrauensbereich
angeben, erweist sich beispielsweise bei Gemüse und Magenkrebs nur
jedes fünfte Ergebnis der Fall-Kontroll-Studien und nur jedes
zehnte relative Risiko aus prospektiven Studien als signifikant.
Zweitens werden Studien selbst dann als Beleg für einen
krebsschützenden Effekt herangezogen, wenn sie nur bei einer von
vielen Gemüsekategorien eine statistische Risikominderung gefunden
hatten. Solche Einzelbefunde sind jedoch bedeutungslos, denn die
Statistik hat ihre Tücken: Werden sehr viele Parameter - wie etwa
20 Gemüsearten - gleichzeitig untersucht, dann finden sich
zufällig (!) auch einige signifikante Werte. Werden dazu noch
verschiedene Krebsarten berücksichtigt, sind den Studiendesignern ein
paar signifikante Korrelationen sicher - rein zufällig (132, 136).
Drittens betreffen die signifikanten Ergebnisse meistens einen
insgesamt hohen Obst- oder Gemüseverzehr. Nur gelegentlich gehen
einzelne Obst- oder Gemüsearten mit einem verminderten Risiko
einher, und wenn, dann sind es fast jedes Mal andere, so dass auch
die wenigen signifikanten Ergebnisse eher "Zufallstreffer" sein
dürften.
Als konkretes Beispiel sei der Magenkrebs herausgegriffen, bei dem ein
Krebsschutz durch Ernährung plausibel ist, kommt der Magen doch in
innigen Kontakt mit der Nahrung. Zu diesem Thema liegen bislang
sechs prospektive Studien vor: Allerdings erbrachten nur zwei ein
signifikant erniedrigtes Risiko, eine, wenn viel Gemüse auf den
Tisch kam (100), die andere bei hohem Zwiebelkonsum (32). Beim
Obst fanden zwei Studien ein vermindertes Magenkrebsrisiko bei
hohem Verzehr (40, 100), in zwei weiteren Studien kam es dagegen
zu mehr Magenkrebs (72, 77).
Wenn man bedenkt, dass Magenkrebs vorwiegend eine Krankheit der Armen
ist, die unter schlechten hygienischen Bedingungen leben müssen,
und dass diejenigen, die einen Kühlschrank besitzen, seltener an
Magentumoren erkranken (100), dann lassen die vorliegenden Daten
nur einen Schluss zu: Magenkrebs wird weniger durch einzelne
Lebensmittel beeinflusst. Entscheidend ist vielmehr die Hygiene
bei der Produktion und Lagerung von Grundnahrungsmitteln.
Dazu kommt, dass eine Infektion mit Helicobacter pylori die Entstehung
von Magentumoren fördert. Schlechte hygienische Verhältnisse
leisten wiederum der Übertragung der Bakterien Vorschub, die als
cancerogen für den Menschen eingestuft wurden (65).
Obst und Gemüse: Datensalat
Die Datenlage bei Magenkrebs ist
typisch, denn auch bei anderen Krebsformen sind prospektiv
erhobene, signifikant erniedrigte Risiken eher die Ausnahme. So
fand sich nur in fünf von zehn Untersuchungen ein vermindertes
Risiko für Lungenkrebs bei steigendem Obst- und/oder Gemüsekonsum,
allerdings bei wechselnden Kategorien: Zweimal waren es die
Teilnehmer, die das meiste Obst aßen (36, 84), einmal jene, die viel
Gemüse und Blattsalate verspeisten (131), einmal profitierten nur
Raucher und Ex-Raucher von großen Gemüseportionen (139), dann
wieder nur Nichtraucher, die viel Äpfel aßen (80).
Das gleiche Verwirrspiel beim Darmkrebs: Von vier Studien fand eine
keinen Zusammenhang zu grünem Salat (111), einmal sank das Risiko
nur, wenn auch regelmäßig Aspirin eingenommen wurde (135), einmal
sank es nur bei Frauen, die viel Obst aßen, während es sich bei
den Männern mit steigendem Konsum grüner Gemüse erhöhte (125),
einmal fand sich unter 15 Gemüsearten nur eine Korrelation zu
Knoblauch (132).
Insgesamt herrscht ein beispielloser Datensalat, der einen Krebsschutz
für Gemüse und Obst allgemein, und erst recht für einzelne Arten,
in Frage stellt. Die überwiegende Mehrheit der Studien spricht
gegen einen direkten Zusammenhang.
Vitamine: die Antioxidantien-Hypothese
Vielleicht wirken aber jene Stoffe
protektiv, die in pflanzlichen Lebensmitteln in wechselnden Mengen
enthalten sind und die schon lange als "gesund" gelten: die
Vitamine.
Grundannahme der Antioxidantien-Hypothese ist, dass Krebs aufgrund von
"oxidativem Stress" durch freie Radikale entsteht. Freie Radikale
sind aggressive Moleküle, die Zellmembranen und die Erbsubstanz
(DNS) schädigen können. Antioxidantien, allen voran die Vitamine C
und E sowie die Vitamin-Vorstufe ß-Carotin, sollen die aggressiven
Radikale abfangen und so vor Krebs schützen.
Carotin fördert Lungenkrebs
Vor allem das ß-Carotin hatte es den Krebsforschern angetan: Es kommt
in vielen Obst- und Gemüsesorten vor und galt als völlig
ungefährlich. Tatsächlich gab es Hinweise darauf, dass es vor
Lungenkrebs schützt: In einigen Studien waren niedrige
ß-Carotin-Spiegel im Blut mit höheren Krebsraten einhergegangen
(57, 128). Auch Labor- und Tierexperimente (4, 49) sowie einige
Fall-Kontroll-Studien (z.B. 23, 30, 81) lieferten
vielversprechende Ergebnisse.
Die prospektiven Studien zeigten immerhin einen Trend zu sinkenden
Krebsraten, der jedoch nur selten signifikant war (75, 84, 101, 124,
125, 131). In diesen Studien wurde allerdings nicht etwa die
ß-Carotinzufuhr gemessen, sondern der Obst- und Gemüseverzehr
erfragt. Daraus berechnete man die mutmaßlich gegessene
ß-Carotinmenge. Da es für ß-Carotin lange keine Analysendaten gab
(13, 150), kann man sich leicht vorstellen, von welcher Qualität
die Studienergebnisse sind.
Dennoch machte man die Probe auf´s Exempel und begann, in
Interventionsstudien ß-Carotin in Pillenform an Risikogruppen wie
Raucher zu verabreichen, um sie vor Lungenkrebs und frühem Tod zu
schützen. Die drei sehr sorgfältig durchgeführten, doppelblinden
Untersuchungen fielen jedoch katastrophal aus:
- In der sogenannten
Finnland-Studie mit 30.000 Rauchern (134) kam es zu signifikant
mehr Lungenkrebs, wenn die Teilnehmer täglich 20 mg ß-Carotin
eingenommen hatten: Die Lungenkrebsrate stieg um 18%, die
Gesamtsterblichkeit um 8%.
- Bei der CARET-Studie (103)
wurden 30 mg ß-Carotin täglich an rund 18.000 Raucher und
Asbestarbeiter verabreicht. Da auch hier die Anzahl der
Lungenkrebsfälle (17%) und die Lungenkrebs-Sterblichkeit (46%)
signifikant stiegen, brach man die Studie vorzeitig ab.
- An der Physicians Health Study
(60) nahmen 22.000 Ärzte teil, von denen nur 11% rauchten. Sie
alle erhielten jeden zweiten Tag 50 mg ß-Carotin oder Placebo.
Nach 12 Jahren fand sich keinerlei Auswirkung, weder auf das
Krankheitsgeschehen, noch auf die Gesamtsterblichkeit.
- Die Interventionsstudien zeigen
deutlich, dass ß-Carotin-Supplemente Risikogruppen wie Rauchern
schaden und anderen nichts nützen.
- Einer der Autoren der Physicians Health Study bemerkt enttäuscht, dass die Studienergebnisse "jede noch verbliebene Hoffnung darauf, dass ß-Carotin-Supplemente, zumindest für Erwachsene, ein effektives Mittel seien, um das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken, im Keim ersticken". Die Resultate "senden eine klare Botschaft an die Öffentlichkeit, und die zig Millionen Dollar, die jedes Jahr für ß-Carotin-Supplemente ausgegeben werden, sollten nützlicheren Zwecken zufließen" (103).
Wie konnte das passieren?
Die Bildung von Radikalen ist ein für den Körper lebenswichtiger Vorgang. Er nutzt sie z.B. zur Energiegewinnung und zur Krankheitsabwehr. Um Schaden zu verhüten, laufen die betreffenden Redox-Reaktionen kontrolliert und stufenweise ab. Gibt man von außen einzelne Antioxidantien zu, läuft dieses fein abgestimmte System Gefahr, aus den Fugen zu geraten: Ein Teil der körpereigenen Redox-Systeme wird reduziert, der andere Teil oxidiert, wobei freie Radikale in großer Menge entstehen (62).
Antioxidantien werden seit Jahrzehnten Lebensmitteln und Kunststoffen zugesetzt, um deren Haltbarkeit zu verlängern. Damit sie in den unterschiedlichsten Medien als "Radikalfänger" wirksam werden können, müssen stets die gleichen Bedingungen erfüllt sein (EU.L.E.N-SPIEGEL 1995/H.2/.1-6):
- Erstens muss vorher ausgetestet
werden, welche Antioxidantien gegen welche radikalischen
Reaktionen wirksam sind. Nicht nur Arzneimittel, auch
Antioxidantien wirken spezifisch.
- Zweitens muss das Antioxidans
in niedriger Dosierung zugesetzt werden. In Megadosen wirken
Antioxidantien stets prooxidativ, d.h. sie beschleunigen
radikalische Reaktionen.
- Drittens muss das Medium frei von Sauerstoff und Eisen sein. Um geringste Eisenspuren zu binden, ist der gleichzeitige Zusatz von Synergisten erforderlich. Anderenfalls wird die Radikalbildung abermals gefördert und das Material bzw. das Gewebe geschädigt.
Blut ist reich an Eisen, und in der Lunge kommen große Mengen Sauerstoff dazu - für ß-Carotin offenbar ideale Bedingungen, um Radikale zu bilden und das ohnehin angegriffene Lungengewebe von Rauchern zu schädigen (61, 62, 102).
So lassen sich auch die niedrigen Plasma-Spiegel bei Rauchern einordnen: Da Raucher ihre Lungen ohnehin oxidativem Streß aussetzen und ß-Carotin hier zusätzliche Schäden anrichten kann, senkt der Körper zu seinem Schutz die ß-Carotinmenge im Blut ab. Das würde erklären, dass Raucher niedrige ß-Carotinspiegel brauchen und warum Carotin-Supplemente bei ihnen Lungenkrebs fördern (137).
Vitamin C: kein Schutz vor Krebs
Vitamin C soll vor allen möglichen
Krebsarten schützen. Wer nach epidemiologischen Belegen für diese
Hypothese sucht, wird jedoch kaum fündig.
Zum Thema Lungenkrebs fanden nur drei (84, 75, 130) von sechs
prospektiven Kohortenstudien ein signifikant vermindertes Risiko,
davon eine nur bei Nichtrauchern (75) und eine nur bei Frauen
(130). In fünf von sechs Studien ließ sich demnach bei männlichen
Rauchern kein Zusammenhang herstellen.
Aufgrund seiner antioxidativen Eigenschaften und seiner Fähigkeit, die
Bildung von Nitrosaminen zu unterbinden, soll Vitamin C auch vor
Magenkrebs schützen. Hierzu liegen nur zwei prospektive Studien
vor: Eine fand keinen Zusammenhang (26), das Ergebnis der anderen
ist nicht signifikant (155).
Vitamin E: Nutzen fraglich
Zu Vitamin E und Krebs liegt nur
eine Interventionsstudie vor (134). Deren einziges signifikantes
Ergebnis ist ein vermindertes relatives Risiko bei Prostatatumoren
in einem frühen Stadium. Allerdings nahm die Gesamtsterblichkeit
in dieser Studie nicht ab: Zwar sank das Risiko, einem
Prostatatumor zu erliegen, dafür starben mehr Teilnehmer an
hämorrhagischen Hirninfarkten, weil das Vitamin E die Blutungsneigung
erhöht.
Außerdem scheinen Krebszellen in der Lage zu sein, das Gleichgewicht
zwischen oxidativen und antioxidativen Substanzen in ihrer Umgebung zu
ihren Gunsten zu verschieben. So fand man besonders bei
Patientinnen mit aggressiven Brusttumoren erhöhte
Vitamin-E-Spiegel und weniger Oxidationsprodukte als bei Gesunden
(46). Damit würde ein eventueller antioxidativer Effekt nur dem
Tumor zugute kommen.
Vorsicht Megadosen!
Weder Vitamin C und E noch
ß-Carotin haben die in sie gesetzten Hoffnungen als
Krebsschutzstoffe erfüllen können. Im Gegenteil: Megadosen dieser
vermeintlichen "Antioxidantien" überfluten den Körper mit
Radikalen, insbesondere in Anwesenheit von Eisen.
Besonders gefährdet sind Menschen, die zu gut gefüllten Eisenspeichern
neigen (61). Zumindest ihnen und allen Rauchern ist daher dringend von
Vitaminpillen abzuraten. Wahrscheinlich beruht die vereinzelt
beobachtete therapeutische Wirksamkeit von Megadosen auf der
massiven Bildung aggressiver Radikale, die z.B. auf Krebszellen
zytostatisch wirken.
Vollkornbrot statt Baguette?
Auch Vollkornbrot wird nachgesagt,
es schütze vor Krebs, insbesondere vor Darmkrebs. Diese Ansicht
beruht schlicht auf einem Fehlschluss: In Obst- und Gemüse-Studien
wurden neben Vitaminen auch die Ballaststoffe berechnet. Da ein
hoher Obst- und Gemüseverzehr gelegentlich mit einem verminderten
Darmkrebsrisiko einhergeht, findet sich der gleiche Zusammenhang
logischerweise auch mit den Ballaststoffen aus Obst und Gemüse.
Daraus schloss man, dass Ballaststoffe schützen. Und da Getreide
ballaststoffreich ist, empfiehlt man Vollkornprodukte zur
Darmkrebsprophylaxe (144). Dabei gibt es bis heute keine prospektive
Studie zu dieser Empfehlung, so dass die tatsächliche Wirkung von
Vollkorngetreide auf den Darm noch immer ungeklärt ist. Doch wie
sieht es mit den Ballaststoffen selbst aus?
Die Ballaststoff-Hypothese
Die Hypothese, dass Ballaststoffe
vor Darmkrebs schützen, ist bereits 30 Jahre alt und geht auf
Burkitt zurück (21). Er hatte in Afrika beobachtet, dass die
Einheimischen selten an Darmkrebs litten und führte dies unter
anderem auf die Ernährung zurück, die aufgrund des hohen Anteils
pflanzlicher Lebensmittel reich an "Rohfaser" war. Obwohl sich das
Leben in einem südafrikanischen Kraal von dem in New York nicht
nur in puncto Essen unterscheidet, beschränkten sich die
Ernährungs-Epidemiologen auf dieses Detail, als wäre die
Ballaststoffaufnahme der entscheidende Unterschied zwischen beiden
Kulturen.
Die Ergebnisse der prospektiven Kohortenstudien widersprechen der
Ballaststoff-Hypothese: Von den sieben bislang veröffentlichten
Arbeiten konnte keine einzige einen Schutzeffekt belegen (39, 51,
59, 73, 122, 132, 145).
Schon die Bezeichnung Ballaststoffe ist problematisch, denn es handelt
sich um eine sehr heterogene Gruppe pflanzlicher Inhaltsstoffe,
die zudem eng mit einer Vielfalt sehr unterschiedlicher
pflanzlicher Abwehrstoffe vergesellschaftet ist, sogenannter
Antinutritiva: z.B. Phenole, Phytate und Enzyminhibitoren (6).
Deshalb stellt die Ballaststoff-Hypothese bestenfalls eine "starke
Vereinfachung" dar (144). Obst, Gemüse und Getreide enthalten Tausende
von Substanzen, die das Krankheitsrisiko beeinflussen können und
die miteinander interagieren: Vitamine, Mineralstoffe, Stärke,
resistente Stärke, Antinutritiva, Phytoöstrogene, Mycotoxine,
Pestizidrückstände und andere Umweltgifte. Sie lassen sich nicht
auf den Ballaststoffgehalt reduzieren, der noch dazu meist
errechnet und nicht analysiert wurde. Denkbar ist jedoch, dass
manche ballaststoffreichen Lebensmittel Substanzen enthalten, die
eine Schutzwirkung ausüben könnten (s.u. Phytoöstrogene).
Wider die Fleischeslust
Der Verzehr von Fleisch,
insbesondere "rotem Fleisch" soll unter anderem das
Darmkrebsrisiko erhöhen. Die Empfehlung, den Verzehr von "rotem
Fleisch" zu reduzieren und stattdessen Geflügel und Fisch ("weißes
Fleisch") zu essen, ist daher en vogue.
Unter rotem Fleisch wird im allgemeinen Rind-, Schweine- und Lamm- bzw.
Schaffleisch verstanden, oft auch die daraus hergestellten
Fleischerzeugnisse. Allerdings drängt sich manchmal der Eindruck auf,
man gruppiere die betreffenden Lebensmittel so lange um, bis sich
die gewünschten Korrelationen herstellen lassen.
Fleisch und Darmkrebs
John Potter, einer der führenden
amerikanischen Krebsepidemiologen, fasst den Sachstand so zusammen
(115): "Trotz des klaren genetischen Einflusses spielt die
Lebensweise eine entscheidende Rolle bei der Darmkrebsentstehung.
Die bislang durchgeführten Studien zeigen, dass beim Dickdarmkrebs
... ein hoher Gemüse- und Obstkonsum mit einem verminderten Risiko
verbunden ist, das sich nicht allein durch den Ballaststoffgehalt
erklären lässt. Des weiteren ist der Verzehr von Fleisch mit einem
erhöhten Risiko verbunden, das sich wiederum nicht allein durch
den Fettgehalt erklären lässt".
Und was ergaben die epidemiologischen Studien? Im internationalen
Vergleich zeigt sich ein statistisch enger Zusammenhang zwischen
dem Fleischverbrauch und der Krebshäufigkeit (z.B. 12, 29, 118).
Das beweist jedoch gar nichts, denn sowohl ein hoher Fleischkonsum
als auch hohe Darmkrebsraten sind ein Kennzeichen aller
Wohlstandsgesellschaften, in denen zur gleichen Zeit auch die
Anzahl der Farbfernsehgeräte, Verkehrsschilder und Computer ansteigt.
Auch gut die Hälfte der Fall-Kontroll-Studien (z.B. 5, 86, 108) fand
einen positiven Zusammenhang zwischen Fleisch und Darmkrebs.
Allerdings lassen sich die Studienergebnisse kaum vergleichen: Es
wurden jedes Mal andere Lebensmittel erfragt, einmal scheint
Rindfleisch der "Bösewicht" zu sein, ein andermal das
Schweinefleisch.
Auch bei den prospektiven Kohortenstudien sind die Ergebnisse
widersprüchlich: Von den acht bisher durchgeführten Kohortenstudien
erbrachten nur zwei Arbeiten einen Zusammenhang zwischen Darmkrebs und
Fleischkonsum (51, 145). In den anderen Studien wurden keine Belege
dafür gefunden.
In zwei Studien (54, 145) entdeckte man mehr Darmkrebs, wenn viel
Fleischerzeugnisse gegessen wurden, in einer weiteren waren davon nur
Frauen betroffen, die häufig Bratwürste aßen (39).
Entweder spielt das Fleisch keine Rolle, oder aber dessen Zubereitung
ist entscheidend. Die epidemiologischen Studien erlauben es nicht,
den Einfluss der Verarbeitung zu beurteilen, da die einzelnen
Fleischwaren nicht differenziert genug ermittelt wurden.
Abwarten und Tee trinken
Am Beispiel Gemüse und Fleisch
wird deutlich, dass es nicht genügt, Lebensmittelgruppen zu
untersuchen. Lebensmittel sind weltweit anders zusammengesetzt,
sie werden anders verarbeitet, es werden andere Beilagen dazu
gegessen und andere Genussmittel dazu konsumiert.
Es scheint sogar so zu sein, dass ein und dasselbe Lebensmittel in
verschiedenen Kulturen unterschiedliche Wirkungen entfalten kann. Der
Tee ist ein recht anschauliches Beispiel dafür.
Am häufigsten werden Tumoren der Speiseröhre und des Magens mit dem
Teetrinken in Verbindung gebracht. In der Speiseröhre soll er Krebs
fördern und wenige Zentimeter weiter, im Magen, vor Tumoren
schützen.
Tee und Speiseröhrenkrebs: zu heiß getrunken?
In einem Gebiet vom Iran bis zum
Norden Chinas ist Speiseröhrenkrebs weit verbreitet. Schnell
verdächtigte man den Tee als Verursacher, fand aber bald heraus,
dass der Teekonsum nicht überall mit der Krankheit korreliert. So
wird in der chinesischen Provinz Linxian, die weltweit eine der
höchsten Raten an Speiseröhrenkrebs aufweist, kaum Tee getrunken
(153).
Im Iran und in Kasachstan dagegen ließ sich eine Beziehung zum
Teekonsum herstellen - allerdings nur, wenn die Trinktemperatur
berücksichtigt wurde: Nur der Konsum sehr heißen Tees (55 - 67 °C)
ging mit einem verdoppelten Krankheitsrisiko einher (28, 48, 65,
87).
Aber: Die Iraner, die in Regionen leben, wo Speiseröhrenkrebs häufig
ist, sind sehr arm (48). Ihre beiden Grundnahrungsmittel sind Tee
von minderer Qualität und ein Vollkornbrot, das häufig mit den
Silikatfaser-bewehrten Samen des Grases Phalaris verunreinigt ist.
Mehr Lebensmittel können sich die Bewohner nicht leisten. Wie in
anderen armen Regionen der Erde wird wahrscheinlich auch hier
Verdorbenes und Verschimmeltes gegessen.
Zudem ist jeder zweite Erwachsene Opium-abhängig. Die Droge wird nicht
nur geraucht (auf diesem Weg erreichen nur geringe Mengen die
Speiseröhre), sondern auch gegessen. Vor allem die morphinhaltigen
Opiumreste, die sich in den Pfeifen absetzen (Sukh-teh), werden
aufbereitet und geraucht oder verzehrt. Sukhteh ist mutagen und
genotoxisch. Dafür, dass Opium Tumoren in der Speiseröhre auslöst,
spricht weiterhin, dass das Krebsrisiko parallel mit dem
Opiumgenuss steigt (99). Wahrscheinlich ist der Tee als
Krebsauslöser unschuldig.
Magenkrebs: ein Tässchen auf die Tradition
In anderen Regionen der Erde soll
Tee sogar vor Krebs schützen. Die Einwohner Kyushus (Japan)
erkrankten deutlich seltener an Magenkrebs, wenn sie täglich mehr
als 10 Tassen grünen Tees tranken (92). Ähnliches wird aus der
japanischen Teeanbauregion Shizuoka und aus Shanghai (68, 154)
berichtet: Das relative Risiko, an Magenkrebs zu erkranken sank um
etwa 30%, wenn sehr viel grüner Tee getrunken wurde. Ganz anders
das Bild in europäischen und amerikanischen Studien: Weder in den USA
noch in Griechenland, Holland, Italien, Spanien oder der Türkei, wo vor
allem Schwarztee getrunken wird, fand sich ein Schutzeffekt (55, 66).
Schützt also der reichliche Konsum von grünem Tee vor Magenkrebs,
während Schwarztee nichts nützt? Dagegen spricht, dass auch
schwarzer Tee eine Fülle der bioaktiven Wirkstoffe enthält, die
für die Schutzwirkung des grünen Tees verantwortlich sein sollen,
wie Catechine und Flavonoide (153).
Eine andere Erklärung ist plausibler: In asiatischen Ländern ist
Magenkrebs häufig, während er in Europa und den USA
vergleichsweise selten vorkommt, so dass ein womöglich vorhandener
Schutz durch Tee statistisc
schwer zu erfassen ist.
Außerdem kann Magenkrebs verschiedene Ursachen haben. Aus Tierversuchen
ist bekannt, dass Nitrosamine Magenkrebs verursachen und dass Tee
oder Extrakte aus Tee diese Tumoren verhindern. Einige der
typischen asiatischen Gerichte wie sauer eingelegte Gemüse
enthalten Nitrosamine, die dort als wichtige Magenkrebsauslöser
gelten (153).
Vor diesem Hintergrund lässt sich der in China und Japan beobachtete
Schutzeffekt von grünem Tee erklären: Er wird dort in großen Mengen
getrunken und ist offensichtlich in der Lage, Nitrosamin-induzierten
Magenkrebs zu verhindern. Damit würde das traditionelle Getränk
spezifisch gegen einen bedeutenden Krebsauslöser wirken, der die
Bevölkerung weiter Landstriche Asiens bedroht. Deshalb können die
Studienergebnisse nicht auf andere Teile der Welt, auf andere
Krebsarten oder Krebsauslöser übertragen werden (153, 152).
Neue Perspektiven
Trotz der eher mageren Erkenntnislage nach Jahrzehnten der Krebs-Epidemiologie zeichnen sich inzwischen neue Perspektiven ab. Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass nicht einzelne Nährstoffe (Vitamin C) oder Lebensmittelgruppen nach optischen Kriterien (rotes Fleisch, dunkelgrüne Gemüse) betrachtet werden. Vielmehr wird berücksichtigt, wie Lebensmittel zubereitet und gewürzt werden. Auf der anderen Seite findet nicht nur das Essen Beachtung, sondern auch die Darmflora, das Immunsystem, die Hormone, die körperliche Bewegung und das Tageslicht.
Zubereitung: Würzen und Marinieren
Das "rote Fleisch" steht unter
anderem deswegen auf dem Index der Krebsforscher, weil bei seiner
Zubereitung viel heterocyclische Amine (HCA) entstehen. Mit ihnen
ließen sich im Tierversuch Darmtumoren auslösen.
Also empfiehlt man den Verbrauchern, zur Verringerung ihres
Darmkrebsrisikos entweder weniger Fleisch zu essen oder "rotes"
durch "weißes" Fleisch oder gar Wild zu ersetzen (150). Diese
Empfehlung ist absurd, denn für Wildfleisch liegen überhaupt keine
Untersuchungen vor, und in Geflügelfleisch entstehen ebenfalls HCA
(22). In den USA hat der Geflügelfleisch-Boom bereits dazu
geführt, dass es dem Rindfleisch als HCA-Quelle kaum noch
nachsteht (22).
Noch in keiner Studie zu Fleisch und Darmkrebs wurde der Gehalt an HCA
gemessen, sondern nur aufgrund des Bräunungsgrades geschätzt. Anhand
der Aussage, man bevorzuge sein Steak "durch" oder "medium", lässt
sich jedoch nicht dessen Gehalt an Cancerogenen bestimmen.
Wieviel HCA entstehen, hängt z.B. davon ab, ob das Fleisch auf dem
Grill oder in der Pfanne gegart wird und ob es vorher mariniert
wurde (120, 130). Gerade das Marinieren erwies sich bei gegrilltem
Hühnchen als äußerst vorteilhaft: Eine übliche Marinade aus
braunem Zucker, Olivenöl, Cider-Essig, Knoblauch, Senf,
Zitronensaft und Salz verringerte die Entstehung einzelner HCA um
bis zu 99% (120). Selbst nach 40minütigem Grillen, wenn das Fleisch
übergart und fast ungenießbar war, enthielt die marinierte
Hähnchenbrust nur ein Zehntel der HCA-Menge, die in der
unmarinierten Variante entstand. Für diesen Effekt musste die
Marinade nicht einmal lange einziehen: Selbst wenn das Fleisch nur
kurz eingetaucht und danach sofort gegrillt wurde, entstanden
weniger Cancerogene.
Kochen lernen statt Verzicht
Auch andere Versuche weisen auf einen Schutzeffekt von Gewürzen hin: So entstehen vor allem beim Grillen und Räuchern PAK (polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe), deren bekanntester Vertreter das Benzpyren ist.
Die Gewohnheit, Grillwürstchen und geräucherten Presssack mit einer Portion Senf zu verzehren, dürfte die potentielle Gefahr bannen: Schon mit geringen Mengen Senfmehl ließ sich die Mutagenität von Benzpyren in vitro drastisch verringern (112). Gegen Nitrosamine, die z.B. beim Braten von Speck entstehen, halfen Diallylsulfide aus Zwiebeln und Knoblauch (138).
Und auch gegen HCA ist ein Kraut gewachsen: So wirkten die Flavonoide typischer Fleischgewürze wie Thymian, Salbei, Oregano und Minze (britische Minzsoße) in vitro spezifisch gegen ein bestimmtes HCA und zwar in solch geringen Mengen, wie sie in üblichen Gewürzportionen enthalten sind (71, 121).
Diese Studienergebnisse zeigen, dass die Menschen bereits seit vielen Generationen wirksamen Krebsschutz betreiben. Die klassischen Zubereitungsverfahren und übliche Verzehrgewohnheiten sind offenbar genau dazu da, um Krebs vorzubeugen.
Wären Vitamine und Ballaststoffe so gesund, wie es die Werbung verspricht, würde ein Saltimbocca romana nicht mit Salbei, sondern mit Weizenkleie zubereitet, und wir würden unser Grillwürstchen in Multivitaminsaft statt in Senf tauchen.
Darmflora und Phytoöstrogene
Verarbeitung und Zubereitung haben also einen deutlichen Einfluss auf die physiologischen Wirkungen der Lebensmittel. Dies reicht aber noch nicht aus, um die gesundheitlich Bedeutung dessen, was der Mensch isst, erklären zu können. Entscheidend ist auch, welchen Einfluss das Verspeiste auf die Darmflora hat, ob es für die mit uns in Symbiose lebenden Bakterien "bekömmlich" und nützlich ist. Das Zusammenspiel zwischen Krebs, Ernährung und Darmflora ist bislang sträflich vernachlässigt worden.
Wir sind nie allein
Im menschlichen Darm leben 400 -
500 verschiedene Bakterienarten, die zusammen die unvorstellbar
große Zahl von 10 - 100 Milliarden Keime pro Gramm Darminhalt
ausmachen. Dazu kommen noch einmal 10 - 100 Millionen Bakterien,
die mit jedem Gramm Schleimhaut verwachsen sind. Damit übersteigt
die Anzahl der Darmbewohner die Zahl der Körperzellen eines
Menschen um das Zehnfache (7).
Die Besiedelung des Verdauungstraktes beginnt mit der Geburt und ist
etwa mit zwei Jahren abgeschlossen. Die dann vorhandene
Erwachsenenflora erwies sich als außerordentlich stabil: Es ist so
gut wie unmöglich, einen neuen Keim einzuschleusen
(Kolonisationsresistenz), weil die bereits ansässige Flora für ein
chemisches Millieu sorgt, das die Ansiedlung neuer "Mitbewohner"
verhindert. Lediglich nach der Einnahme von Antibiotika kann es zu
einer langfristigen Veränderung der Darmflora kommen (78, 88, 89,
149).
Phytoöstrogene, Darmflora und Krebs
Ausgehend von Burkitts Hypothese,
dass Ballaststoffe das Krebsrisiko senken (21), wurde jahrelang
nach Zusammenhängen vor allem zwischen Darmkrebs, aber auch Brust-
und Prostatakrebs, und der Zufuhr an pflanzlichen Faserstoffen
gesucht. Doch erst die Erforschung der Phytoöstrogene verspricht
eine zufriedenstellende Erklärung (EU.L.E.N-SPIEGEL
1998/H.1/S.1-10).
Die wichtigsten Phytoöstrogene sind Lignane und Isoflavonoide. Leinsaat
und die Aleuronschicht des Roggens enthalten am meisten Lignane,
gefolgt von einigen Gemüsen, Früchten, Tee und Kaffee.
Hülsenfrüchte, vor allem Sojabohnen, sind reich an Isoflavonoiden wie
Genistein und Daidzein (2, 93).
Phytoöstrogene haben vielfältige Aufgaben. Die Pflanzen nutzen ihre
hormonellen Wirkungen sogar, um in den Stoffwechsel ihrer Fraßfeinde
einzugreifen und deren Fruchtbarkeit herabzusetzen. Meist schützen sie
sich damit aber vor Krankheitserregern, oder sie benutzen sie, um
Symbionten wie Knöllchenbakterien zu erkennen und anzusiedeln. Im
menschlichen Körper werden die Phytoöstrogene von der Darmflora zu
neuen Verbindungen verstoffwechselt. Aus Genistein und Daidzein
entsteht Equol, aus den Lignanen Enterolacton (1, 2).
Beide Verbindungen greifen in den Haushalt unserer Sexualhormone ein,
und so wie es aussieht, auch zu unserem Vorteil: Sie stimulieren
die Bildung von SHBG, dem Sexualhormon-bindenden Globulin (1). Es
bindet die im Blut zirkulierenden körpereigenen Sexualhormone und
macht sie dadurch unwirksam. Da die meisten Brust- und
Prostatakrebszellen, aber auch manche Darmtumoren, durch
Sexualhormone zu weiterem Wachstum angeregt werden, bremst ein hoher
SHBG-Spiegel die Krebsentstehung (2).
Beispielsweise erkranken Frauen, die viel Equol und Enterolacton
ausscheiden, seltener an Brustkrebs (67). Interessanterweise sind die
unveränderten Ausgangssubstanzen aus der Nahrung unwirksam. Demnach
leistet die mikrobielle Verstoffwechselung, sei es durch
Fermentation bei der Herstellung von Lebensmitteln oder durch die
Darmflora den entscheidenden Beitrag zur Prävention. So ließen
sich auch die unterschiedlichen Resultate zahlreicher Studien eher
auf das Stillen und einen überlegten Einsatz von Antibiotika im
Kindesalter zurückführen.
Lifestyle und Stoffwechsel
Sowohl eine "Verwestlichung" -
also das Leben in einer Wohlstandsgesellschaft - als auch die
globale "Urbanisierung" - das Leben in städtischen Ballungsräumen
- führt dazu, dass sich das Krankheitsspektrum der Menschen
verändert: Parasitosen, Infektionserkrankungen und Magenkrebs
nehmen ab, dafür erkranken mehr Menschen an Diabetes, Herzinfarkt,
Bluthochdruck, Schlaganfall, Darm- und Brustkrebs.
Diese Krankheiten korrelieren so auffällig mit dem wirtschaftlichen
Wohlstand und mit einem urbanen Leben, dass sie als
"Zivilisationskrankheiten" bezeichnet und gemeinhin auf die sogenannte
"western diet" zurückgeführt werden, eine fett-, zucker- und
alkoholreiche Ernährung, die wenig Kohlenhydrate, Ballaststoffe,
Gemüse, Obst und Vollkornprodukte enthält.
Ernährungsfaktoren alleine haben ihr Auftreten aber nicht erklären
können. Zum "western lifestyle" gehören neben einem Überfluss an
Nahrung eine geringe körperliche Anstrengung und ein Mangel an
Tageslicht.
Vieles spricht dafür, dass diese Faktoren gemeinsam zu einer
Stoffwechselsituation führen, die bei genetisch Disponierten
Zivilisationsleiden fördert. Inzwischen ist auch klar, wie diese
Stoffwechselsituation aussieht: Dreh- und Angelpunkt ist der in
Überflussgesellschaften häufige erhöhte Insulinspiegel.
Insulin und Krebs
Dass ein erhöhter Insulinspiegel
(Hyperinsulinämie) das Risiko für Übergewicht und Diabetes erhöht,
ist schon lange bekannt. Seit kurzem besteht nun der berechtigte
Verdacht, dass zu viel Insulin auch Darm- und Brustkrebs fördert
(16, 50, 69). Insulin fungiert als Wachstumsfaktor.
Da viele Krebszellen in der Lage sind, deutlich mehr Insulinrezeptoren
auszubilden als das gesunde Gewebe, sind sie bei hohen Insulinspiegeln
enorm im Vorteil (50, 79, 109).
Da die Hyperinsulinämie-Darmkrebs-Hypothese erst 1994 vorgeschlagen
wurde, muss sie nun noch in epidemiologischen Studien überprüft
werden. Allerdings lassen sich mit ihr schon heute einige
Ungereimtheiten der bereits vorliegenden Darmkrebsstudien erklären
(18, 50):
- Dicke Männer leiden häufiger an
Darmkrebs als übergewichtige Frauen. Die Männer neigen -
hormonell und genetisch bedingt - zu Fettpolstern am Oberbauch
(Stammfettsucht), die wiederum auffällig häufig mit erhöhten
Insulinspiegeln einhergehen. Dicke Frauen lagern ihr Körperfett
eher im Bereich von Beinen und Po an, einer Körperform, die
weder mit hohen Insulinspiegeln noch mit erhöhten Darmkrebsraten
verbunden ist (20, 50).
- Drei prospektive Kohortenstudien (129, 140, 143) und mehrere Fall-Kontroll-Studien (z.B. 85) ergaben, dass Diabetiker häufiger an Darmkrebs erkranken. Einem Diabetes geht meist eine lange Phase der Hyperinsulinämie voraus.
Auch für einen Zusammenhang zwischen Hyperinsulinämie und Brustkrebs gibt es ernstzunehmende Hinweise:
- Insulin senkt die SHBG-Bildung
in der Leber, so dass mehr bioaktive Sexualhormone im Blut
zirkulieren (69). Da Tumoren der Brust hormonabhängig wachsen
können, kann (zu viel) Insulin auf diesem Weg die
Brustkrebsentstehung fördern.
- Die bei Frauen seltenere Stammfettsucht geht mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs einher (20, 50).
Gut angepasst
Dass Hyperinsulinämie und
Übergewicht bei einer "western diet" so häufig sind, kann als
Anpassung des Organismus auf den Überfluss verstanden werden: Mit
steigender Fettzufuhr muss immer mehr überschüssige Energie
deponiert werden, weil die Verstoffwechselung der Fette
(Fettoxidation) nicht schritthalten kann.
Um eine unendliche Gewichtszunahme zu verhindern, senkt der Körper die
Insulinempfindlichkeit. Infolgedessen steigt die Fettoxidation, und die
Gewichtszunahme stagniert (69). Das würde bedeuten, dass
Hyperinsulinämie und Insulinresistenz bei genetisch Disponierten
der Preis für das Leben im Überfluss sind.
Diäten haben versagt
Trifft die
Hyperinsulinämie-Krebs-Hypothese zu, bekommt die Verhütung eines
hohen Insulinspiegels oberste Priorität, um Darm- und Brustkrebs
zu vermeiden. Üblicherweise werden hierzu kohlenhydratreiche,
fettarme Kostpläne und Abnehm-Diäten empfohlen. Genau diese
Maßnahmen haben jedoch versagt: Eine fettarme, kohlenhydratreiche Diät
verstärkt bei Menschen mit gestörtem Zuckerstoffwechsel die
Hyperinsulinämie noch und erhöht die Blutfette (42).
Eine dauerhafte Gewichtsabnahme ist in den meisten Fällen unmöglich,
die nach Diäten üblichen Gewichtsschwankungen verringern die
Lebenserwartung und erhöhen z.B. das Risiko, an Diabetes zu
erkranken (151). Es muss also nach anderen Möglichkeiten der
Vorbeugung gesucht werden.
Lieber tausend Schritte tun
Körperlich aktive Menschen verwerten Glucose in der Regel gut, sie zeigen eine hohe Insulinempfindlichkeit und niedrige Plasmainsulinwerte (151). Körperliche Betätigung bietet daher einen vielversprechenden Ansatz zur Prophylaxe von Zivilisationsleiden, inklusive Darm- und Brustkrebs.
Viele Fall-Kontroll- und Kohortenstudien bestätigten, dass vor allem Männer, die körperlich aktiv sind, seltener an Dickdarmkrebs leiden (z.B. 3, 25, 41, 47, 123, 127, 129, 141, 142). Neuere Studien fanden auch einen Schutzeffekt bei Frauen (z.B. 127). Es zeichnet sich außerdem ab, dass körperliche Betätigung selbst dann vor Darmkrebs schützt, wenn die Ernährung nach den derzeitigen Vorstellungen "ungünstig" ist (127).
Sportliche Mädchen erkranken im späteren Leben seltener an Brustkrebs (9, 10, 38). Hierfür wird der Einfluss des Sports auf die Hormone verantwortlich gemacht, der u.a. dazu führt, daß die Monatsblutung etwas später einsetzt, so dass sich die lebenslange Hormonexposition verringert.
Abnehmen unnötig
Sport und körperliche Anstrengung
wirken sich nicht nur positiv auf die Fitness oder den Glucose-
und Insulinstoffwechsel aus, sondern auch auf die Psyche: Stress
wird abgebaut, und die Stimmung hellt sich auf. Darüber hinaus
erhöht körperliche Aktivität die Lebenserwartung - und zwar
unabhängig vom Körpergewicht (104, 105, 151). Um länger oder
gesünder zu leben, ist es also nicht notwendig, abzunehmen. Es
genügt demnach, aktiver zu werden.
Biologisch gesehen ist das auch sinnvoll: Körperliche Anstrengung hat
die Evolution des Menschen begleitet. Sie scheint ein
physiologisches Stimulans zu sein, das für einen reibungslosen
Stoffwechsel zumindest hilfreich, wenn nicht gar notwendig ist.
Der stimmungsaufhellende Effekt sorgt dafür, dass mit körperlicher
Bewegung auch eine physiologische Belohnung in Form von
Wohlbefinden verknüpft ist.
Die gute Laune sorgt normalerweise dafür, dass sich ein Lebewesen
bewegt (und in der Regel nicht dick wird). Tierversuche ergaben,
dass Energiezufuhr und Energieverbrauch normalerweise genau
aufeinander abgestimmt sind, egal, welchen körperlichen
Belastungen die Tiere ausgesetzt sind. Sobald man ihnen jedoch die
Möglichkeit nimmt, sich ausreichend zu bewegen, beginnen sie, sich
zu überfressen und werden fett (92). Bewegungsmangel wird vom Körper
also nicht einfach so hingenommen, sondern durch Essen kompensiert.
Hier mit Ernährungstips vorbeugen zu wollen, ist sicher der
falsche Weg.
Mehr Sonnenlicht!
Außer an Bewegung fehlt es vielen
Menschen in Überflussgesellschaften an Licht. Und auch dieser
Aspekt verdient in der Krebsprophylaxe mehr Beachtung. Beim Thema
Sonnenlicht und Krebs drängt sich unwillkürlich der Gedanke an zu
viel Sonne und Hautkrebs auf.
Dort, tief im Inneren des Gehirns, stimuliert es die Synthese von
Serotonin und dessen Umbau zu Melatonin. Es dient auf diesem Weg
als Taktgeber für die inneren Uhren, die alle Körperfunktionen an
die Tageszeit anpassen. Das Licht "taktet" auch die
Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die wiederum unseren gesamten
Hormonhaushalt steuert. Tageslicht hebt die Stimmung, es senkt auch
den Appetit und mindert die Diabetes- und Kariesneigung. (34, 95, 114)
Die positiven Auswirkungen des Tageslichts sind in der Krebsforschung
bislang vernachlässigt worden. Erst Mitte der 80er Jahren fiel
amerikanischen Forschern auf, dass dort, wo häufiger und länger die
Sonne scheint, weniger Menschen an Darmkrebs leiden (44). So
erkranken z.B. im sonnigen New Mexico knapp 7 von 100.000
Einwohnern, während es im nördlichen New York gut 17 sind.
Gleiches gilt für Brustkrebs (45, 56). Problematisch ist, dass
diese Wetterdaten keine Auskunft darüber geben, ob die Erkrankten
tatsächlich "unterbelichtet" waren. Denn wie viel Sonne ein Mensch
abbekommt, hängt nicht nur vom Breitengrad, sondern auch von seinen
Arbeits- und Lebensbedingungen ab und von seiner Kleidung.
Vitamin D und Darmkrebs
Eine weitere Funktion des
Sonnenlichts ist die Bildung von Vitamin D in der Haut, die durch
die UV-B-Strahlen angeregt wird. Das Hormon "Vitamin D" reguliert
nicht nur den Calciumhaushalt, sondern ist für ein
funktionierendes Immunsystem und ein geregeltes Zellwachstum
unentbehrlich (109). Außerdem erhöht es die Insulinempfindlichkeit
und wirkt so hohen Blutzucker- und Insulinspiegeln entgegen (16).
Aufgrund dieser Eigenschaften kommt es als Schutzfaktor gegen Krebs in
Frage. Trotz der augenfälligen Zusammenhänge zwischen der Versorgung
mit Vitamin D und dem Tageslicht, kam offenbar noch niemand auf
die Idee, das Licht als wichtigsten Garanten für genügend Vitamin
D zu untersuchen.
Die epidemiologischen Studien beschränken sich alle auf die
Vitamin-D-Zufuhr über Lebensmittel und Vitaminpillen, obwohl die
Ernährung nur eine untergeordnete Rolle bei der Versorgung spielt
- von den fischessenden Eskimos im lichtarmen Norden einmal
abgesehen. Die vorliegenden Studien lassen daher nur eine
vorläufige Bewertung zu, sie sprechen jedoch tendenziell für einen
Schutzeffekt von Vitamin D (5, 43, 91, 107, 116, 150).
Aufenthalte im Freien sind die sicherste und wirksamste Methode, die
Versorgung mit Vitamin D zu gewährleisten - ohne die Gefahr einer
Überdosierung. Darüber hinaus kommt der Mensch auf diesem Weg in den
Genuss aller gesundheitsförderlicher Wirkungen des Sonnenlichts,
wie z.B. weniger Winterdepressionen, bessere Stimmung,
vermindertem Süßhunger und einen optimierten Hormonhaushalt (114).
Eine Gesundheitspolitik, die einseitig vor Sonnenbestrahlung und
fettreichen, aber Vitamin-D-haltigen Lebensmitteln warnt,
erschwert die Prophylaxe hoher Insulinspiegel und wahrscheinlich auch
die Verhütung bestimmter Krebsformen.
Zusammenfassung und Ausblick
Auf der Suche nach Maßnahmen zur Krebsprävention wird die Ernährung intensiv erforscht. Viele bisher durchgeführte Studien unterliegen nicht nur erheblichen methodischen Mängeln, sie sind schon von ihrer Idee her ungeeignet: Sie gehen davon aus, dass einzelne Parameter, wie etwa der Fettverzehr, einen fest umrissenen Nutzen oder Schaden haben, der sich durch eine Ernährungsumstellung vorteilhaft verändern lässt. Bei dieser Sichtweise bleiben elementare Eigenschaften von Menschen, Lebensmitteln und der Krankheit Krebs unberücksichtigt:
Die individuellen Risikoprofile der Menschen unterscheiden sich erheblich, schon aufgrund ihrer genetischen Veranlagung, ihres Alters und Geschlechts, der Zahl ihrer Kinder, der Cancerogenbelastung am Arbeitsplatz, der körperlichen Aktivität, der Darmflora und der Enzymausstattung. Man weiß heute, daß cancerogene Stoffe von Mensch zu Mensch unterschiedlich schnell und effektiv aktiviert oder entgiftet werden (70).
Lebensmittel sind komplexe Systeme, deren Inhaltsstoffe miteinander und mit der Darmflora in Wechselwirkung treten. Zudem ändern sich ihre Eigenschaften durch Verarbeitungsverfahren wie Würzen, Marinieren, Fermentieren, Kochen und Backen. Welchen Einfluss z.B. die Küchentechnik auf unsere Gesundheit hat, ist bis heute nur bruchstückhaft erforscht.
Krebs ist das Paradebeispiel für eine multikausale Erkrankung, denn es müssen in der Regel zahlreiche Faktoren zusammentreffen, bis ein Tumor entsteht. Die Ernährung kann in diesem "Puzzle" nur ein Teil von vielen sein und sollte nicht überbewertet werden. Zumal unbeschwertes Essen und Trinken auch ein ein gutes Stück Lebensqualität ausmachen.
Mit dem "western lifestyle" steigt nicht nur die Lebenserwartung, es kommt auch zu charakteristischen Veränderungen im Krankheitsspektrum einer Gesellschaft. Dieser Lebensstil - viel essen, wenig bewegen, kaum Tageslicht - führt offensichtlich bei dem Teil der Bevölkerung, der genetisch vorbelastet ist, zu einer Stoffwechselsituation, die Krebs begünstigt. Vor allem die Bedeutung des in Industrienationen verbreiteten Mangels an Tageslicht sollte dringend erforscht werden.
Detaillierte
Ernährungsempfehlungen zur Krebsprophylaxe können erst dann
gegeben werden, wenn epidemiologische oder klinische Studien
gezeigt haben, dass der versprochene gesundheitliche Nutzen auch
tatsächlich eintritt. Die bisherigen Ergebnisse sind mager:
Raucher sollten vor ß-Carotin-Präparaten gewarnt werden und Menschen,
die erblich bedingt zu hohen Eisenspeichern neigen, muss dringend
von der Einnahme von Vitamin C abgeraten werden. Letztere
profitieren möglicherweise auch von einer betont pflanzlichen
Ernährung, weil der Körper das darin enthaltene Eisen schlechter
verwerten kann.
Das Beispiel der Phytoöstrogene zeigt, dass es darauf ankommt, wie die
Lebensmittel verarbeitet werden und wie sie die Darmflora
verstoffwechselt. Da manche ballaststoffreichen Lebensmittel erst
nach einer Fermentation die tatsächlichen Wirksubstanzen oder jene
Vorstufen enthalten, die es der Darmflora ermöglichen, die
eigentlichen Schutzstoffe zu erzeugen, tauchen gelegentlich auch
Korrelationen mit Ballaststoffen, Obst, Gemüse und Getreide auf.
Solange gesicherte Erkenntnisse fehlen, sollte die Bevölkerung von
allgemeinen Ratschlägen wie "wenig Fett, wenig Salz, wenig Fleisch"
besser verschont werden. Zumal sich abzeichnet, dass andere
Faktoren wie Bewegung und Licht bessere Ansatzpunkte bieten. Die
meisten Ernährungsregeln haben keine wissenschaftlich begründete
Basis. Sie bedeuten nicht nur eine unnötige Einschränkung der
Lebensqualität und die Vernichtung volkswirtschaftlichen Kapitals,
sie können den Menschen auch schaden. Und sei es "nur", dass die
Krebsangst steigt, weil ein "verbotenes" oder "ungesundes"
Lebensmittel gern gegessen wird.
Quelle: EU.L.E.n-Spiegel Nr.9/98






