Kinder
Wer kann noch einen Purzelbaum schlagen? – Haltungsschäden bei Kindern auf dem Vormarsch
Guten Tag, meine Damen und Herren, herzlich willkommen am Gesundheitstelefon der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. Unser Thema: „Wer kann noch einen Purzelbaum schlagen? – Haltungsschäden bei Kindern auf dem Vormarsch“.
In ihrem wunderschönen Buch über die „Kinder von Bullerbü“ beschreibt Astrid Lindgren, wie die Bauernkinder ausgelassen umhertoben. Sie gehen „nur zum Spaß“ auf dem Zaun anstatt nebenher, oder lassen sich die Bergwiese hinunterrollen anstatt den Weg nebendran zu benutzen. Kinder- und Jugendmediziner hätten wohl ihre Freude, wenn sich auch unsere Kinder in Deutschland so verhalten könnten. Aber leider ist das Gegenteil der Fall: 12 Prozent der Vorschulkinder, also ungefähr jedes achte Kind zwischen fünf und sechs Jahren, können noch nicht einmal auf einem Bein stehen und hüpfen, besagt eine bayerische Studie vom Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin. Und länger als eine halbe Minute schafft den Einbeinstand nur noch die Hälfte der Kinder. Experten alarmieren vielerorts, dass die Schulkinder große Bewegungsschwächen haben. Vor allem seien sie körperlich ungeschickt.
Alarmierend ist das deswegen, weil daraus langfristig chronische Krankheiten und Haltungsschäden resultieren können. Denn die Kinder, die körperlich ungeschickt sind, bewegen sich automatisch weniger, da sie sich vor den anderen genieren. Durch den Bewegungsmangel kommen die ersten Pfunde hinzu, das Genieren wird dadurch nicht weniger. Dies stellt die Weichen für eine Fettsucht schon im Kindesalter, woraus sich dann auch der Typ-2-Diabetes bildet, – früher als Altersdiabetes bezeichnet. Und wenn der Bewegungsapparat nicht regelmäßig trainiert wird, bildet sich die Muskulatur nicht richtig aus. Die Muskeln werden von Bindegewebe durchsetzt und können ihre Funktion als Halte- und Stützapparat immer schlechter wahrnehmen. Daraus resultieren dann Haltungsschäden und sogar Gelenkverschleiß im Kindesalter.
Schlimm ist dies auch deshalb, weil eine früh angelegte körperliche Ungeschicklichkeit in späteren Jahren kaum ausgeglichen werden kann. Die Grundformen der sportlichen Bewegungsabläufe wie Laufen oder Rennen, Klettern, Springen, Balancieren, Fangen und Werfen entwickeln sich im Wesentlichen in der Zeit vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr. In den folgenden Jahren werden sie verfeinert, flüssiger, eleganter und besser aufeinander abgestimmt. Also koordinierter. In Bezug auf die Koordination gilt uneingeschränkt, was schon der Volksmund sagt: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
Zunehmend wird auch anerkannt, dass die Bewegung nicht nur für die Gesundheit und die körperliche Entwicklung wichtig ist, sondern für die gesamte Entwicklung des jungen Menschen. Aus der Hirnforschung weiß man, dass nur wer sich aktiv bewegt, auch seine Fähigkeiten des räumlichen Sehens und der Orientierung herausbildet. Wenn sich die Kinder viel bewegen, müssen sie sich auch stärker mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Dies erweitert ihren Lebensraum, ihr soziales Umfeld und damit auch ihre Lebenserfahrung.
Also, was tun mit den Kindern, um ihnen all die schlimmen Defizite zu ersparen und sie bestmöglich zu fördern? Die Antwort ist ganz einfach und eindeutig, und geht auch aus der o.g. bayrischen Studie hervor: Wenn die Kinder täglich eineinhalb Stunden draußen herumtollen, sind sie vor Bewegungsmängeln geschützt! Der Sportverein verbessert zusätzlich gezielt bestimmte Bewegungen, bringt aber nicht diesen Entwicklungsschub auf der ganzen Ebene, also sowohl körperlich als auch geistig.
Aber wie soll man das erreichen, Kinder so lange draußen zu lassen, damit sie sich so richtig austoben können? Vor allem in der Stadt ist das problematisch. Wichtig ist es, die vorhandenen Spielplätze und Parks zu nutzen und mit den Kindern täglich dorthin zu gehen, auch bei Regen. Dann sollten sich Mütter und Väter allerdings nicht nur auf die Parkbank setzen und die 1,5 Stunden abwarten, sondern den Kindern auch Anregungen und Anleitungen geben, vor allem in den ersten sechs Jahren. Nehmen Sie Spielgeräte mit, wie einen Ball, einen Hula Hupp Reifen oder ein Sprungseil. Spielen Sie mit. Helfen Sie den Kindern auch, wenn sie auf die Wippe wollen, oder schupsen Sie sie beim Schaukeln an. Wenn es einen Baum zum Klettern gibt, umso besser. Helfen Sie Ihrem Kind anfangs. Informieren Sie sich über neue zeitgemäße Spielgeräte, wie Zeitlupenbälle aus Schaumstoff oder Pedalos, eine Art Laufrad aus Holz. Und schließlich: Denken Sie nicht nur in der Kategorie Sicherheit. Wenn Kinder dabei einmal hinfallen, tut das zwar weh, sie lernen aber auch, Gefahren wahrzunehmen und ihre Fähigkeiten einzuschätzen. Ernsthafte Gefahrenquellen müssen Sie natürlich ausschalten.
Neben der täglichen Bewegung draußen sollten Sie bei Ihren Kindern noch auf zwei weitere Aspekte achten: Erstens sollen Kinder die Schultasche auf dem Rücken tragen, sonst kommt es zu einseitiger Belastung und zu einer Fehlstellung der Wirbelsäule. Zweitens brauchen schon I-Dötze einen richtigen Schreibtisch.
Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131Mainz, Telefon 06131/2069-0.
Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund!






