Multiple Sklerose - Krankheit mit vielen Gesichtern

Oft kann man nicht genau sagen, wie es angefangen hat. Ein taubes Prickeln in den Händen, ein kurzes Wegknicken der Beine, ein momentanes Flimmern in den Augen können die ersten Anzeichen sein. Hinweise, die man ignoriert, weil sie schnell wieder vorbeigehen. Aber die Anzeichen vermehren sich so nach und nach. Gelegentliches Stolpern oder Hinken ohne Grund, ein Schwinden der Kraft in den Fingern, ein Nachlassen der Geschicklichkeit und Sensibilität können hinzukommen.

Die Betroffenen merken, dass irgendetwas nicht stimmt. Doch als Ursache werden vielfach Befindlichkeitsstörungen wie eine Erkältung oder zuviel Stress herangezogen und wer traut sich schon wegen solch kleiner Anzeichen zum Arzt? Und wenn doch, weiß dieser die Symptome auch nicht immer sofort richtig einzuschätzen. Denn die Multiple Sklerose verläuft bei jedem Patienten anders. Es gibt keine Standarddiagnose. Auch ist nicht bekannt, woher die Krankheit kommt, oder wer an ihr erkranken wird. Dabei tritt die Multiple Sklerose gar nicht so selten auf: Nach Schätzungen sind in Deutschland rund 120.000 Menschen an MS erkrankt, wobei Frauen mit einem Anteil von 72 Prozent knapp dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die Krankheit bricht gehäuft zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr aus.

Nur so viel weiß die Medizin: Die Multiple Sklerose – kurz MS genannt – ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Gehirn, Rückenmark oder Sehnerven können betroffen sein. Dabei werden die Hüllen der Nervenzellen angegriffen, vernarbt und zerstört. Die Nervenhüllen sind aber mit der Isolierschicht eines Stromkabels zu vergleichen. Sind sie geschädigt, werden Nervenimpulse nicht mehr korrekt weitergeleitet. Es entsteht eine Art Kurzschluss im Nervengewebe. Bei starken Entzündungen werden zudem die Nervenfortsätze selbst, also die Axone, geschädigt. Schmerzhafte Muskelverkrampfungen, unwillkürliches Augenzittern, Zittern der Hände, wenn man gezielt etwas greifen will, ein abgehacktes Sprechen und ein unsicherer wankender Gang sind häufig vorkommende Anzeichen. Nach neuen Forschungen ist dies allerdings nicht die einzige Ursache: Sauerstoff- und Stickstoff-Radikale, die von Immunzellen produziert werden, attackieren die energieerzeugenden Teile der Nervenzellen und führen so zum Nervenschaden. Auch dies kann zu den beschriebenen Symptomen führen.

Die Multiple Sklerose verläuft häufig in Schüben, aber auch eine schleichende Zunahme neurologischer Symptome wie Zittern oder Sehstörungen sind möglich. Nach einem Schub kann eine Rückkehr zur normalen Funktion eintreten. Auch so genannte Spontanremissionen, also ein unerklärliches Verschwinden von schon dagewesenen Krankheitsanzeichen, werden oft beobachtet. Es kann aber auch sein, dass sich die Krankheit fortlaufend verschlimmert, vor allem bei Betroffenen im höheren Lebensalter. Dies ist aber nur vereinzelt der Fall: Die Häufigkeit liegt unter 5 Prozent, dass es innerhalb weniger Jahre zu schwerer Behinderung, wie beispielsweise einer Querschnittslähmung oder zum Tod kommt.

Ursache

Die Ursache der Multiplen Sklerose ist noch nicht ganz geklärt. Experten bevorzugen heute zwei Faktoren für ihre Entstehung:

  • Zum einen die genetische Veranlagung. Man hat festgestellt, dass in Familien, in denen bereits ein Mitglied erkrankt ist, die anderen Angehörigen ein erhöhtes Risiko haben, ebenfalls an MS zu erkranken.
  • Zum anderen eine Entgleisung des Immunsystems: Dadurch kann es auch längere Zeit nach einer vorausgegangenen Infektion mit Viren, die das Nervensystem befallen, zu Autoimmunreaktion kommen. Diskutiert werden das Epstein-Barr-Virus (EBV) und das Herpesvirus.

Behandlung

Im akuten Schub wird Multiple Sklerose hauptsächlich hochdosiert mit Cortison behandelt. Dies erfolgt in Kombinationen mit (je nach Symptomen) Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie. Dies bewirkt eine Verkürzung des Schubs, hat aber auf den gesamten Krankheitsverlauf keinen Einfluss. Hilft dies nichts, gibt es noch als individuelles Therapieverfahren bei bestimmten Untergruppen von MS-Patienten die Möglichkeit der Blutwäsche (Plasmapheres). Denn bei manchen Patienten fanden sich in den Herden Ablagerungen von löslichen Bestandteilen des Immunsystems, wozu auch Blutplasma gehört. Bei der Blutwäsche erfolgt zuerst eine Blutentnahme, danach eine apparative Trennung von festen Blutkörperchen und Plasmabestandteilen. Anschließend wird das Plasma entfernt und durch eine spezielle Lösung ersetzt und das Blut wieder zurückgeführt. Diese Maßnahme hilft nur im akuten Schub, hierfür ist sie für spezielle MS-Patienten (vom Subtyp II) laut ärztlicher Leitlinien eine Option. Sie hilft aber nicht als Langzeittherapie und auch nicht bei sehr schweren Fällen.

Zur Vorbeugung eines erneuten Schubes gibt es zwei Therapiemöglichkeiten. Dies ist einmal die Basistherapie. Hier wird frühzeitig im Schub der Wirkstoff Interferon beta eingesetzt. Dies ist eine körpereigene Substanz, die verändernd und unterdrückend auf das Immunsystem wirkt und zudem entzündungshemmend ist. Weiterhin gibt es die sogenannte therapeutische Eskalation, vor allem wenn die Basistherapie nicht richtig anschlägt oder es sich um einen schweren Schub mit hochgradigen Beeinträchtigungen handelt. Hier gibt es die Möglichkeit von Immunsuppressiva wie Natalizumab oder Mitoxantron. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Lebenserwartung von MS-Patienten derjenigen gesunder Menschen weitgehend angeglichen.

Die gute Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt ist von großer Bedeutung im Umgang mit einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose. Denn eine gemeinsam getroffene Therapieentscheidung trägt wesentlich dazu bei, eine möglichst optimale Therapie zu gewährleisten und diese auch durchzuhalten. Vor allem in der Frühphase ist es wichtig, die Therapie nicht abzubrechen! Nur so können schwere Krankheitsverläufe aufgehalten werden.

Wichtig ist auch, dass Betroffene lernen, mit der Krankheit zu leben. Sie fühlen sich vielleicht in manchen Bereichen gehandicapt, so dass gewohnte Tagesabläufe vielleicht neu strukturiert werden müssen. Auch sollten Betroffene versuchen, sich nicht selbst unter Druck zu setzen oder setzen zu lassen, um alles wie gewohnt zu meistern. Denn eine kontinuierliche Überanstrengung führt eher zu einer Verschlechterung der Symptome. 
Auch muss sich nicht alles nur um die Krankheit drehen. Um hier das richtige Maß zu finden, ist eine Selbsthilfegruppe empfehlenswert. Adressen auch in Ihrer Nähe können Sie erfahren bei der Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Rheinland-Pfalz unter der Tel: 06131 604704, oder auf ihrer Homepage unter www.dmsg.de. Wer mit der Diagnose MS konfrontiert wird, sieht oft seine Lebensplanung in Frage, wenn nicht gar auf den Kopf gestellt. Um die Diagnose bewältigen und die Krankheit annehmen zu können, wäre für Betroffene und auch Angehörige möglicherweise eine psychotherapeutische Unterstützung hilfreich und sinnvoll.

 

 16. bis 31. Juli 2006 Aktualisiert am 5.4.2011

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl