Gender-Medizin: Männer und Frauen erleben Krankheiten anders

16 bis 30. April 2014

Warum Frauen schlecht einparken und Männer nicht zuhören können wissen wir, seit vor einigen Jahren Bücher mit Titeln wie diesem boomten. Doch auch wenn es lustig klingt und Vorurteile zu bestätigen scheint, so steckt doch ein wahrer Kern darin: Männer und Frauen sind tatsächlich nicht gleich.

Sie unterscheiden sich im Stoffwechsel, in der Hormonsituation, in der Lebenserwartung und teilweise sogar in Struktur und Funktionsweise ihres Gehirns. Das führt unter anderem dazu, dass Frauen und Männer unterschiedlich anfällig für Krankheiten sind, Arzneistoffe anders aufnehmen und sie unterschiedlich gut vertragen. Weil sich zum Beispiel bei Frauen ein Herzinfarkt mit anderen Alarmzeichen ankündigt als bei Männern, wurde er lange Zeit bei Frauen seltener bzw. zu spät diagnostiziert. Während Männer über einen stechenden Schmerz in der Brust klagen, deuten bei Frauen eher Übelkeit, Schweißausbrüche und Herzklopfen auf einen Herzinfarkt hin. Mit derartigen Unterschieden beschäftigt sich ein eigener Forschungszweig – die Gender-Medizin.

Dieses relativ neue medizinische Fachgebiet bringt erstaunliche Ergebnisse zu Tage. So leiden Frauen eher an Migräne, Männer dagegen am heftigen Cluster-Kopfschmerz. Frauen leiden häufiger an Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen. Männer wiederum sind verstärkt von Alkohol- und Drogenabhängigkeit betroffen. Frauen sterben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Männer häufiger an Krebs. Diese Unterschiede sind teilweise durch die Geschlechtshormone begründet. Östrogene, die in den Eierstöcken der Frau gebildet werden, üben in mancher Hinsicht eine Schutzfunktion aus. „Sie schützen etwa vor Diabetes“, erklärt Professor Johannes Huber, Frauenarzt und Hormonspezialist aus Wien. Kommen die Frauen allerdings in die Wechseljahre, so fällt das Schutzhormon weg und Frauen bekommen ähnliche Krankheiten wie Männer, so der Experte. Sie leiden dann auch häufiger an Diabetes.

Östrogene sorgen für ein effektives Immunsystem. Das bedeutet, dass Frauen von Infektionskrankheiten seltener und vielleicht auch weniger heftig betroffen sind als Männer. Der Spruch, wonach jeder noch so kleine Schnupfen einen Mann direkt aus der Bahn wirft, hat somit vielleicht seine wissenschaftliche Berechtigung. „Aber auch hier gibt es eine Kehrseite“, erklärt die Forscherin, Ärztin und Chemikerin Professor Bettina Pfleiderer von der Universität Münster: „Frauen wehren Infektionskrankheiten zwar effektiver ab, erkranken aber wesentlich öfter als Männer an Autoimmunerkrankungen.“ Denn ein überaktives Immunsystem, bei dem sich die körpereigene Abwehr auf Strukturen des eigenen Körpers richtet, wird offenbar auch von Östrogenen verstärkt.

Ebenso wirken Medikamente je nach Geschlecht unterschiedlich. Manche Medikamente benötigen Frauen in einer geringeren Dosierung als Männer. Andere Medikamente sollten Frauen nur mit größter Vorsicht gegeben werden. Das gilt beispielsweise für einige der Mittel, die gegen Herzrhythmusstörungen, bei psychischen Störungen oder gegen allergische Symptome (wie Antihistaminika) verschrieben werden. „Manche dieser Medikamente können vor allem bei Frauen zu Herzrhythmusstörungen führen“, so Bettina Pfleiderer.

Generell haben Frauen weltweit eine höhere Lebenserwartung. In den meisten Industriestaaten werden Frauen durchschnittlich sechs bis acht Jahre älter als Männer. Dies ist weniger den Hormonen zuzuschreiben, sondern auch einem anderen Lebensstil. Alkohol und Nikotin – von Männern in deutlich größerem Stil genossen als von Frauen – sowie beruflicher Stress und der Umgang damit haben einen negativen Einfluss auf die Lebenserwartung. Männer sind häufig stärker Konkurrenzsituationen ausgesetzt als Frauen. Außerdem sind sie von Konkurrenzdruck und sozialem Erwartungsdruck mehr gestresst. Auf diese für Männer gesundheitsgefährdende Konstellation weist Professor Bertram Szagun, Gesundheitswissenschaftler an der Hochschule Ravensburg-Weingarten hin.

Es gibt noch mehr Unterschiede – dennoch orientiert sich die Medizin bisher fast ausschließlich am Prototyp Mann. Dies resultiert aus Pharmastudien, für die eher männliche Probanden eingesetzt werden. Denn Frauen sind wegen ihrer zyklischen Hormonschwankungen und möglicher Schwangerschaften „problematischere“ Versuchspersonen. Diese Einseitigkeit bei der Medikamententestung kann Frauen gefährden. Ärztinnen und Ärzte müssen bei der Verordnung daher beachten, dass Medikamente bei Frauen anders wirken können und eine geringere Arzneidosis oft ausreicht.

Es ist bekannt, dass Männer kaum Angebote zur Krebsfrüherkennung nutzen. Sie fühlen sich von Informationen über Vorsorgeuntersuchungen mittels Sprache und Bildmaterial weniger angesprochen als Frauen. Sie müssen also auf anderen Wegen für Vorsorgeuntersuchungen interessiert und motiviert werden. Generell besitzen Männer weniger Vorwissen über Ernährung und Gesundheit als Frauen und brauchen eine andere Art der Aufklärung. Frauen wiederum wissen in der Rehabilitation die nach Geschlechtern getrennten Gruppen zu schätzen. Mit Übergewicht oder körperlichen Gebrechen fühlen sie sich zu gehemmt, um mit Männern zusammen Sport zu treiben. Neben den biologischen Facetten untersucht die Gender-Medizin auch solche sozialen Teilaspekte. Dies ist hilfreich, um dem Ziel einer individuellen Medizin und Therapie näher zu kommen.

 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de
Redaktion: Marielle Becker