Haltungsschäden bei Kindern

Rückenbeschwerden sind die Ursache für jeden zehnten Krankschreibungstag in Deutschland – so steht es im neuen Gesundheitsreport  2011 der Techniker Krankenkasse. Die Ursachen für Rückenbeschwerden liegen oft in der Kindheit. Zwar sind Rückenschmerzen im Kindesalter noch relativ selten. Doch machen sich Haltungsfehler bei Jugendlichen und spätestens im Erwachsenenalter schmerzhaft bemerkbar.

Umso wichtiger ist es also, dass Sie bei eventuellen Haltungsfehlern Ihres Kindes genau hinschauen und notfalls korrigierend eingreifen. Während des pubertären Wachstumsschubes zwischen dem 11. und dem 15. Lebensjahr bei Mädchen und dem 12. bis 17. Lebensjahr bei Jungen ist die Wirbelsäule besonders anfällig für Fehlentwicklungen.

Der häufigste Haltungsfehler besteht in einem Rundrücken. Darunter versteht man die extreme Krümmung der Wirbelsäule im Brustbereich. Kopf und Schultern sind dabei nach vorne geneigt. Dadurch werden die vorderen Teile der Wirbelsäule stärker belastet als die hinteren. Bei Kindern wachsen die Wirbelkörper aber noch und reagieren deshalb empfindlich auf einseitige Druckbelastung. Das bedeutet: Das Wachstum an der vorderen Seite der Wirbelkörper wird gestoppt, das Wachstum an der hinteren Seite geht weiter. So entwickeln sich die Wirbelkörper unsymmetrisch und verknöchern in dieser ungesunden Form. Zunehmend entwickelt sich eine knöcherne Rundrückenform, die ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Unser Tipp: Machen Sie Ihr Kind immer wieder auf eine aufrechte Haltung aufmerksam! Auch regelmäßiger Sport ist wichtig, denn eine gut trainierte Muskulatur an Rücken, Gesäß, Bauch, Schultergürtel und Brustbereich kann bleibende Schäden verhindern. Unabdingbar sind auch Dehnungsübungen, denn durch unsere überwiegend sitzende Lebensweise verkürzen sich bestimmte Muskeln, wie z. B. die Bauchmuskulatur. Dadurch wird der Rundrücken in seiner ungesunden Form verstärkt. Durch Krankengymnastik können spezielle Kräftigungs- und Dehnungsübungen gelernt und täglich zu Hause durchgeführt werden. Empfehlenswerte Sportarten sind Schwimmen und Reiten, bei kleineren Kindern tänzerische Gymnastik. Haltungsschwache Kinder sollen außerdem unbedingt am Sportunterricht in der Schule teilnehmen, davon befreit werden nur Kinder mit krankhaften Störungen.

Zu den krankhaften Störungen gehört Morbus Scheuermann. Hiervon sind vor allem pubertierende Jungen betroffen. Ursache ist eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung in Verbindung mit Bewegungsmangel und Fehlbelastungen. Auch beim Morbus Scheuermann wird die ausgewogene Entwicklung der Wirbelkörper gestört, was zu nach vorne abgeflachten Wirbelkörpern in Keilform führt. Oft entsteht im Bereich der Lendenwirbelsäule ein verstärktes Hohlkreuz, ein vergeblicher Versuch, den Rundrücken statisch auszugleichen. Mit dem Abschluss des Wachstums kommt es zu keinem weiteren Voranschreiten der Erkrankung. Doch die eingetretenen Schäden an Bandscheiben und Wirbelkörpern bleiben für den Rest des Lebens bestehen. Gegen einen „Scheuermann“ lässt sich nach heutigem Kenntnisstand ursächlich nichts unternehmen. Doch können die Auswirkungen der Krankheit vermindert werden: Wichtig ist beispielsweise, stundenlang gebücktes Sitzen zu vermeiden. Bei schweren Formen, bei denen die vollständige Selbstaufrichtung nicht möglich ist, kann ein Korsett gute Erfolge zeigen. Zusätzlich ist eine tägliche Krankengymnastik von mindestens 20 Minuten Dauer wichtig. Denn beim Morbus Scheuermann ist der Übergang zwischen pubertätsbedingter Fehlhaltung und normalem Krankheitsverlauf nicht sauber zu trennen. Beides geht oft ineinander über. Deswegen sind aktive Gegenmaßnahmen, wie etwa Krankengymnastik, sinnvoll.

Die dritte häufige Form von Haltungsschäden bei Kindern ist die Skoliose. Hierbei handelt es sich um eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule. Sie können diese selbst sehen, wenn Sie Ihr Kind bitten, sich mit entblößtem Oberkörper vornüber zu beugen. Schauen Sie nun von hinten auf den Rücken: im Falle einer Skoliose sehen Sie deutlich eine seitliche Verkrümmung. Hierfür kann einseitiger Druck auf einer Schulterseite die Ursache sein. Trägt ein Kind zum Beispiel eine schwere Schultasche ausschließlich auf einer Seite, könnte das zu Wachstumsstörungen führen. Durch den einseitigen Druck verknöchern die noch weichen Wirbelkörper auf der betroffenen Seite frühzeitig, auf der anderen, geschonten Seite wachsen die Wirbelkörper weiter, so dass sich die Wirbelsäule seitlich verkrümmt. Das Prinzip ist also ähnlich wie beim Rundrücken. Nur sind bei einer Skoliose die Wirbel rechts und links unterschiedlich entwickelt, beim Rundrücken dagegen vorne und hinten. Warnzeichen für eine Skoliose sind auch, wenn der Kopf meist zur Seite geneigt ist, eine Schulter höher liegt als die andere oder der Brustkorb auf einer Seite vorgewölbt erscheint. Dies alles ist nicht nur ein „Schönheitsmakel“. Eine leichte Skoliose kann sich verschlimmern und im Laufe des Lebens die Lungen- und Herzfunktion beeinträchtigen. Denn sie quetscht die Organe auf der einen Seite deutlich ein. Die Krankheit entwickelt sich meist im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren. Mädchen sind bis zu fünf Mal häufiger betroffen als Jungen. Insgesamt leiden etwa 5 Prozent der Bevölkerung unter einer Skoliose. Neben Fehlbelastungen sind die Ursachen dafür meistens nicht bekannt, in wenigen Fällen ist eine Vererbung zu vermuten.

Wenn Ihr Kind die Zeichen einer Skoliose aufweist, dann gehen Sie mit ihm zum Arzt. Er verschreibt meist Krankengymnastik zur Muskelstärkung und muss selbst nicht weiter eingreifen. Doch wenn sich die unnatürliche Krümmung der Wirbelsäule verstärkt, kann ein Korsett oder eine Operation angezeigt sein. Je später ein Eingriff erfolgt, desto schwieriger ist er.

 

01. bis 15. April 2011

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl