Geschwister chronisch kranker und behinderter Kinder

Wenn ein Kind chronisch krank oder behindert ist, ist die ganze Familie betroffen. Denn das Leben ändert sich mehr, als man es sich vorab vorstellen kann. Neben der emotionalen Belastung wird es sehr arbeitsintensiv. Nach und nach dreht sich immer mehr um das bedürftige Kind. Die gesunden Geschwister geraten dabei leicht ins Hintertreffen. Sie merken, dass die Kapazität der Eltern oft erschöpft ist und machen deswegen viel mit sich alleine aus.

Sie merken, dass die Eltern schon genügend Sorgen haben und stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Sie kümmern sich um das kranke oder behinderte Kind und übernehmen dabei viel Verantwortung, was sie manchmal auch überfordert. Vor allem haben sie das Gefühl, nie im Mittelpunkt zu stehen. Immer ist jemand da, der mehr Hilfe und Aufmerksamkeit benötigt, als sie selbst.

Dies muss nicht nur schlecht sein. Viele Eltern berichten, dass sich das gesunde Kind zu einem besonders sensiblen und feinfühligen Wesen entwickelt. Aber sie bemerken auch, leider oftmals erst im Nachhinein, dass das gesunde Kind doch stärker als vermutet unter der Situation gelitten hat.

Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland haben ein chronisch krankes oder behindertes Geschwisterkind. Studien bestätigen: Etwa ein Drittel leidet unter der Situation und gibt eine mittelmäßige beziehungsweise hohe Belastung an. Die Hinweise darauf sind ganz unterschiedlicher Art. Manche Kinder beginnen sich abzukapseln, sie sind mit ihren Gedanken oft ganz woanders und ziehen sich aus dem Familienleben und dem Freundeskreis zurück. Dies sind eventuelle Anzeichen für eine Depression oder eine Belastungsreaktion. Auch die entgegengesetzte Verhaltensweise ist möglich: Das gesunde Kind beginnt aggressiv und ablehnend zu wirken, es kleidet sich provokativ, trägt eine auffällige Frisur und findet Anschluss an einen besonders unangepassten Freundeskreis. Dies könnte bedeuten, dass das Kind vehement auf sich aufmerksam machen will, weil es ansonsten zu wenig Beachtung erhält. Bei einigen Kindern zeigen sich andere Alarmzeichen: Plötzlich wieder einsetzendes Bettnässen, Ausrupfen der eigenen Haare, Nägelkauen oder sich entwickelnde Essstörungen sind andere Versuche der Psyche, sich innere Entlastung für eine schwierige Situation zu suchen.

Nicht alle gesunden Kinder entwickeln Auffälligkeiten, aber alle haben Bedarf an einer Auseinandersetzung mit den Eltern. Um die Situation erträglich zu machen, ist es wichtig, dass Sie von Anfang an viel mit ihm sprechen. Dies kann manche Ängste und Nöte verhindern oder mindern. Vermitteln Sie Ihrem gesunden Kind altersgemäß, was mit der Schwester oder dem Bruder los ist. Manche Eltern gestehen sich im Nachhinein ein, diese Gespräche einfach verpasst zu haben – aus Gedankenlosigkeit, weil sie zu sehr mit dem kranken Kind befasst waren. Machen Sie sich dieser Gefahr bewusst und versuchen Sie, sich Zeit und Raum zu schaffen, damit Sie sich voll und ganz dem gesunden Kind widmen können. Die Dauer ist gar nicht so wichtig, es kommt mehr auf die Regelmäßigkeit und die Intensität an. Wie wäre es, wenn Sie dem gesunden Kind jeden Abend beim nach Hause kommen oder vor dem Zubettgehen eine gemeinsame Zeit einräumen, in der Sie niemand stören darf? Geben Sie Ihrem Kind Gelegenheit, über seine Gefühle zu sprechen und nehmen Sie diese ernst.

Familienausflüge sollten am besten mit zwei Erwachsenen und den Kindern stattfinden. Auf diese Weise kann sich ein Erwachsener um das kranke und einer um das gesunde Kind beziehungsweise die gesunden Kinder kümmern. Wichtig ist es zudem, dass Sie gelegentlich mit Ihrem gesunden Kind etwas alleine unternehmen, auch wenn es nicht lange dauert. Gehen Sie doch einfach einmal gemeinsam Kaffee trinken oder Eis essen, oder nehmen Sie es auf ein Fußballspiel oder ein Frühlingsfest mit. So kann sich das gesunde Kind als etwas Besonderes fühlen, was für das Selbstbewusstsein wichtig ist.

Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind verhält sich zunehmend anders als gewohnt, dann suchen Sie Hilfe. Erste Anlaufstelle ist der Kinderarzt oder die Kinderärztin. Rat und Unterstützung bieten auch Familien- und Erziehungsberatungsstellen. Mittlerweile gibt es auch einige Vereine und Initiativen, die sich gesunder Geschwisterkinder annehmen – so zum Beispiel die "Initiative Familienbande" oder die "Lebenshilfe Bremen e. V." mit ihrer "Beratungsstelle Geschwister". Beide können auch von Bürgerinnen und Bürgern aus Rheinland-Pfalz kontaktiert werden.

 

Weiterführende Informationen:

http://www.geschwister-behinderter-kinder.de/

http://www.initiative-familienbande.de/

Lebenshilfe Bremen

 

16. bis 31. Mai 2012

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)

 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker