Die 14-jährige Judith will am Samstag mit einem Freund zu einer Party fahren, 80 Kilometer weit, und dort übernachten. Auf Nachfragen der Eltern, welcher  Freund das sei und wo genau sie übernachten wolle, reagiert Sie wütend und meint, das ginge die Eltern überhaupt nichts an. Der 15-jährige Jonas sackt in der Schule ab und weigert sich,  seine Hausaufgaben zu machen, weil die Lehrer so blöd seien. 

Die 13-jährige Hannah betrinkt sich auf einer Party und muss von Freunden nach Hause gebracht werden.

Was passiert mit Kindern im Alter zwischen 11 und 17 Jahren? Warum sind sie in dieser Zeit oft so rücksichtslos, so bockig oder zickig und für die Eltern nur noch ganz schwer erreichbar? Warum bringt das nicht nur die Kinder, sondern oft die ganze Familie völlig durcheinander?

Die Pubertät ist mehr als die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Hormone verändern den Körper und verursachen ein Chaos der Gefühle. Männliche und weibliche Sexualhormone machen aus einem Kinderkörper den Körper eines Erwachsenen. Bei den Mädchen entwickeln sich die Brüste und die Genitale. Die Hüften werden runder, das Becken breiter, Scham- und Achselhaare wachsen. Die erste Regelblutung setzt etwa mit 12 Jahren ein. Die Jungen kommen in den Stimmbruch. Die männlichen Sexualorgane vergrößern sich, die Muskeln werden stärker.

Jugendliche, die unabhängig und selbstständig werden, müssen sich von Ihren Eltern lösen. Dieser Ablöse-Prozess kann manchmal sehr heftig sein. Es ist die Regel, dass Kinder, die dabei sind erwachsen zu werden, gegen ihre Eltern rebellieren. Sie sind oft demonstrativ aufsässig, stellen die Normen und Werte der „Alten“ in Frage und wollen zeigen, dass sie anders sind. Dieses Verhalten ist völlig normal.  Es  ist wichtig  für die Entwicklung hin zu einem selbstständigen und selbstbewussten erwachsenen Menschen, der weiß, welche Ziele er in seinem Leben verfolgt.

In der Regel gehen die Jugendlichen immer mehr auf Distanz zu den Eltern. Sie wollen ihre Geheimnisse  haben und gehen mit  ihren Problemen meistens nicht  mehr zu Mutter und Vater. Sie orientieren sich stattdessen stärker nach außen und suchen einen Freundeskreis. Mutter und Vater sind vordergründig nicht mehr so wichtig.

Auch für die Eltern ist diese Zeit oft sehr schwierig. Die Ablösung der Kinder macht erst einmal Angst. Der für die Jugendlichen in der Pubertät typische Wechsel zwischen Nähe und Distanz zu ihren Eltern, ist für diese oft nur schwer zu ertragen. Sie fühlen sich zurückgewiesen, abgewertet, nicht mehr gebraucht. Tatsache ist jedoch, dass die Eltern in dieser Zeit wichtiger sind denn je.

Die Jugendlichen brauchen jemanden,  an dem sie sich reiben können.  Sie brauchen Auseinandersetzungen ebenso wie Grenzen, feste Regeln und Prinzipien. Wenn emotionale Wärme und das Gefühl von Sicherheit kombiniert werden  mit dem Gewähren von Freiräumen und der Formulierung von klaren Grenzen, dann haben Jugendliche die Chance sich zu entwickeln und als starke junge Männer oder Frauen die Pubertät hinter sich zu lassen. Doch für die Eltern ist es oft schwierig,  die richtige Balance zu finden zwischen Halten und Loslassen, zwischen dem Gewähren von Freiräumen und dem Setzen von Grenzen, zwischen Vertrauen und Kontrolle. Die Kunst des Elternseins in dieser Zeit besteht darin, Grenzen zu setzen, wo sie nötig sind und trotzdem durch  einen Vorschuss  an Vertrauen die Eigenverantwortlichkeit der Jugendlichen zu stärken. Auseinandersetzungen müssen geführt und Provokationen dürfen nicht persönlich genommen werden. Während der Pubertät ihrer Kinder brauchen die Erwachsenen viel eigene innere Sicherheit und Stärke.  Sie müssen lernen zu unterscheiden zwischen pubertärem Übermut und echten Grenzüberschreitungen.

Stellen Sie sich darauf ein, dass die Zeit, in der Sie der oder die Größte für Ihren Sohn oder Ihre  Tochter waren,  vorbei ist. Arbeiten Sie daran, Ihrem Kind ein erwachsener Partner zu sein. Das  ist die  beste Voraussetzung dafür, dass Sie und Ihr Kind gesund und gestärkt  aus dieser Phase der  Neuorientierung und  des Umbruchs hervorgehen.

Natürlich gibt es auch Jugendliche, bei denen es in dieser schwierigen Übergangszeit nicht bei den normalen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen bleibt. Einige Kinder werden auffällig oder sogar krank. Jugendliche beginnen zu rauchen und greifen zum Alkohol. Manchmal werden auch Drogen ausprobiert. Auch das Essverhalten kann problematisch werden. Magersucht und Ess-Brech-Sucht, Bulimie genannt, treten in der Pubertät oft zum ersten Mal auf. Die Pubertät ist eine Zeit des Ausprobierens und der Neuorientierung, aber auch der Labilität und der Stimmungsschwankungen. Depressive Verstimmungen bis hin zu Selbstmordgedanken kommen vor.

Manchmal schätzen Jugendliche ihre Leistungsfähigkeit völlig überzogen und unrealistisch hoch ein. Wenn dann eine hohe Risikobereitschaft hinzu kommt, kann sich ein gefährliches Verhalten im Sport oder in der Freizeit verfestigen. Auto fahren trotz Alkohol, Motorrad fahren ohne Helm, riskante Überholmanöver, ungeschützter Geschlechtsverkehr – all dies kann vorkommen und muss von den Eltern als klare Grenzüberschreitung deutlich gemacht werden.

Wenn Ihr Kind über die typischen Verhaltensweisen in der Pubertät hinaus ein problematisches Verhalten an den Tag legt,  das Ihnen Sorgen bereitet,  sollten Sie sich beraten lassen oder sich Hilfe holen. Wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt oder an eine Beratungsstelle in Ihrer Nähe.

Sie finden diesen und weitere Texte auch auf der Homepage der LZG unter www.gesundheitstelefon-rlp.de. Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131Mainz, Telefon 06131/2069-0.

 

 

1. bis 15. August 2004