Wie Selbsthilfegruppen unterstützen können

Kennen Sie den Begriff der „Schwarmintelligenz“? Er bezeichnet die „Weisheit der Vielen“ und steht für folgendes Phänomen: Mehrere Menschen geben unabhängig voneinander eine Schätzung ab und im anschließend ermittelten Durchschnitt findet sich die tatsächliche Lösung sehr genau wieder. Und das ist auch genau das Prinzip, dem Selbsthilfegruppen folgen.

In Deutschland treffen sich circa drei Millionen Menschen regelmäßig in Selbsthilfegruppen. Dies sind Zusammenschlüsse von Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen oder Probleme haben und sich darüber austauschen und sich gegenseitig unterstützen. Die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe können aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, Berufen oder Altersgruppen kommen – gemeinsam ist ihnen das Thema, das sie beschäftigt. Das kann beispielsweise  eine Erkrankung oder Behinderung sein, aber auch Trauer, Trennung oder ein anderes einschneidendes Lebensereignis.

Selbsthilfegruppen stellen heute eine wichtige Säule des Gesundheitssystems dar, sie werden häufig von Krankenkassen, Kirchen oder staatlichen Stellen gefördert. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen hat Leitlinien zur Förderung von Selbsthilfegruppen herausgegeben, in denen die Kompetenz der Betroffenen hervorgehoben wird. Wer sich immer alleine mit seiner Krankheit oder Belastung plagt, läuft Gefahr, sich in gewohnten Denk- und Handlungsweisen festzufahren. In Selbsthilfegruppen dagegen kommt die „Weisheit der Vielen“ zum Einsatz. Jedes Mitglied hat bereits individuelle Gedanken und Lösungen zur Krankheits- oder Problembewältigung entwickelt. Indem es diese mit den anderen Gruppenmitgliedern austauscht, stellt es neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten bereit und kann auch seine eigenen Gewohnheiten überprüfen. So kann oft gemeinsam eine bessere Lösung entwickelt werden, als es einer einzelnen Person möglich gewesen wäre.

Selbsthilfegruppen gehen auf die Emanzipationsbewegung von Frauen im 19. Jahrhundert zurück, die anfingen, für ihre Bürgerrechte zu kämpfen. Ende des 19. Jahrhunderts gründete sich der Orden der Guttempler, der zahlreiche Selbsthilfegruppen – vor allem für Menschen mit Alkoholproblemen – ins Leben rief. 1935 entstand die erste Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker in den USA, 1953 auch in Deutschland. Mittlerweile gibt es bei uns schätzungsweise 70.000 bis 100.000 Selbsthilfegruppen zu nahezu jeder Art von Behinderung oder Erkrankung, so zum Beispiel für Patienten mit Essstörungen, für Psychiatrie-Erfahrene oder Brustkrebspatientinnen. Zudem schließen sich häufig nicht nur die Erkrankten selbst, sondern auch indirekt Betroffene, wie etwa die Eltern chronisch kranker Kinder oder die Angehörigen von alkoholabhängigen oder pflegebedürftigen Menschen, in Selbsthilfegruppen zusammen.

Selbsthilfegruppen sind in vielfacher Weise hilfreich. Sie dienen nicht nur dem Informations- und Erfahrungsaustausch, sondern auch der praktischen Lebenshilfe und der emotionalen Unterstützung und Motivation. Studien haben gezeigt, dass Menschen schneller gesund werden, wenn sie ihre Krankheit nicht alleine tragen müssen, sondern ihnen jemand beisteht. Das Bindungshormon Oxytocin, das immer dann ausgeschüttet wird, wenn man sich in einer Beziehung oder in einer Gruppe wohlwühlt, spielt hier eine wichtige Rolle. Es ruft ein Gemeinschaftsgefühl hervor und verringert zudem die Auswirkungen von Stress. Familienmitglieder, Partner, Freunde und Leidensgenossen in Selbsthilfegruppen sind also auf messbare Weise im Gesundungsprozess hilfreich. Darüber hinaus vertreten Selbsthilfegruppen auch die Interessen ihrer Mitglieder nach außen.

Wenn Sie sich überlegen, selbst einer Selbsthilfegruppe beizutreten, dann finden Sie eine Anlaufstelle in der KISS Mainz, das ist die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Rheinland-Pfalz/Saarland. Bundesweit können Sie sich über die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen NAKOS informieren.

Sollten Sie sich einer Selbsthilfegruppe anschließen, ist es gut, vorher einige Grundregeln zu kennen, die das Miteinander erleichtern:

  • Menschen in Selbsthilfegruppen sind freiwillig anwesend. Sie sind gleichberechtigt und gestalten die Gruppenarbeit gemeinsam. Sie wirken untereinander beratend und helfend, sind eigenverantwortliche und selbstbestimmte Gruppenmitglieder und  bestimmen selbst, in welchem Umfang sie sich an den Gesprächen beteiligen
  • Gruppenmitglieder nennen sich meist nur beim Vornamen, der eigene Vorname kann auch frei gewählt sein.
  • Es ist im Gruppengespräch nicht üblich, Redebeiträge zu kritisieren. Nur so können Betroffene ihr Problem ohne Angst schildern.
  • Themen werden ausgesprochen und in ihrem Ausmaß wahrgenommen.
  • Eine Selbsthilfegruppe ist ehrenamtlich, die Themen werden vertraulich behandelt. Wer mithilft, darf damit kein Geld verdienen.

Immer mehr verbreitet sich auch die Selbsthilfe im Internet, über Online-Foren und Chat-Rooms. Es ist strittig, ob diese denselben Effekt haben wie persönliche Gruppen. Doch wenn Sie sich nicht einer „echten“ Selbsthilfegruppe anschließen wollen, ist es besser, sich im Internet auszutauschen, als alle Probleme immer nur mit sich selbst auszumachen.

Vielen Dank für Ihr Interesse und bleiben Sie gesund.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de
Redaktion: Marielle Becker

Weiterführende Links zum Thema:

KISS Mainz Kontakt- und Informationsstelle Selbsthilfe

KISS Pfalz Anlaufstellen für Selbsthilfegruppen in RLP

WEKISS Westerwälder Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe:

SEKIS Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle e.V. Trier

NEKIS Neuwieder Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe

LAG KISS RLP Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfekontaktstellen

Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen

Liste mit seriösen Selbsthilfe-Internetforen

 

Leitlinien zur Selbsthilfeförderung des GKV-Spitzenverbandes

 

1. bis 15. März 2015