Waschen, Putzen, Kontrollieren – Wenn die Marotte zum Zwang wird

Tisch abräumen, Tassen rechts unten in den Schrank, Teller links oben, die Einkaufsliste eingesteckt, Herd, Kaffeemaschine, Bügeleisen, Fenster kontrolliert und los geht’s… Hier ist eine ordentliche Hausfrau oder ein gewissenhafter Hausmann am Werk, sollte man meinen. Doch die Normalität stößt an ihre Grenzen, wenn jemand immer wieder  die Tassen an ihren Platz rückt, mehrmals hintereinander die elektrischen Geräte kontrolliert

und wiederholt nachprüft, ob alle Fenster geschlossen sind: Wer erst nach mehreren Stunden Überprüfung soweit ist, das Haus zu verlassen,  bei dem könnte eine Zwangsstörung vorliegen.

Zwangsstörungen beginnen am häufigsten zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. Das Risiko, im Laufe des Lebens daran zu erkranken, beträgt zwei Prozent. Es handelt sich dabei um eine psychische Erkrankung, bei der Zwangsgedanken, Zwangsimpulse und/oder Zwangshandlungen im Vordergrund stehen. Ein typischer Zwangsgedanke lautet etwa: „Beim Kontakt mit anderen Menschen beschmutze ich mich.“ Oder: „Sicher habe ich vergessen, den Herd auszumachen.“ Ein Zwangsimpuls kann  darin bestehen, jemand anderem eine Ohrfeige geben zu müssen oder sich selbst von der Brücke stürzen zu wollen. Glücklicherweise  bleibt es so gut wie immer bei dem Impuls, ohne dass er ausgeführt wird. Doch die Betroffenen haben eine intensive Angst, sie könnten es doch tun. Zwangshandlungen hingegen werden wirklich ausgeführt. Sie dienen dazu, die quälenden Zwangsgedanken zu neutralisieren. Zu den sehr häufigen Zwangshandlungen zählen etwa das Kontrollieren von Elektrogeräten oder das Händewaschen. Betroffene müssen diese Verhaltensweisen bis zu 30 Mal hintereinander durchführen. Auch das zwanghafte Gestehen von vermeintlich schuldhaften Handlungen sowie zwanghaftes Zählen, zum Beispiel von vorbeikommenden Autos, sind Hinweise auf eine Zwangserkrankung.

Versucht die betroffene Person, die Handlungen zu unterdrücken, gerät sie in eine so starke innere Anspannung und Angst, dass sie sich auf nichts anderes konzentrieren kann. Erst wenn sie die Handlung durchführt, lässt die Anspannung für kurze Zeit nach. Allerdings tendieren Zwangshandlungen dazu, sich zu komplexen Ritualen auszuweiten. Auch muss die Zwangshandlung oder das Ritual bei der geringsten Störung wiederholt werden. So kann man sich vorstellen, dass eine Zwangsstörung immer mehr Zeit beansprucht. Wer morgens zwei Stunden braucht, um seine Aufstehrituale durchzuführen und abends wieder zwei Stunden benötigt, um sich bettfertig zu machen, hat pro Tag vier Stunden weniger für Arbeit, Familie und Freizeit zur Verfügung.

Typisch für eine Zwangsstörung ist, dass sich die Gedanken, Impulse oder Handlungen gegen den Widerstand des Betroffenen aufdrängen und von ihm selbst als unsinnig erkannt werden. Es ist also nicht wie bei einer Wahnvorstellung, bei der man selbst von seinen falschen Vorstellungen überzeugt ist.

Zu den Ursachen: Forscher gehen von einer wesentlichen genetischen Ursache aus, die durch psychologische und biografische Umstände verstärkt werden kann. So wurde festgestellt, dass zum Beispiel eine familiäre Veranlagung zur Depression, gepaart mit einer besonders behüteten Kindheit, Grundlage für eine Zwangserkrankung sein kann. Diese bricht dann eventuell in einer Situation aus, in der man sich ständig überfordert fühlt. Aber auch, wenn jemand in der Kindheit zu wenig Liebe erfahren hat und später durch Arbeitslosigkeit oder Verlust eines Familienmitglieds in eine krisenhafte Situation gerät, kann das einen Wasch- oder Kontrollzwang nach sich ziehen. Im Gehirn geht die Zwangserkrankung vermutlich mit einem Ungleichgewicht von Nervenbotenstoffen (speziell Serotonin) einher.

Wenn Sie Zwangssymptome an sich erkennen, sollten Sie psychotherapeutische Hilfe suchen. Psychotherapeuten können Zwangserkrankungen mittels Fragebogenverfahren diagnostisch von einer Angststörung oder einer schweren Depression abgrenzen. Dies ist wichtig, weil all diese Krankheiten unterschiedlich behandelt werden. In der Therapie kommt meist eine Kombination verschiedener Methoden zur Anwendung.

Ein wichtiges Element ist das Expositionstraining: Dabei soll die Patientin oder der Patient  lernen, eine unangenehme Situation auszuhalten, ohne die Zwangshandlung durchzuführen. Eine weitere Behandlungsmethode ist die kognitive Therapie, bei der zum Beispiel alle Zwangsannahmen aufgeschrieben werden, um  sie dann gemeinsam mit dem Therapeuten zu überprüfen. Zur kognitiven Therapie gehört auch die Methode „Gedankenstopp“. Sie besteht darin, dass Betroffene beim Auftreten eines Zwangsgedankens das Wort „STOPP“ laut aussprechen oder sich alternativ ein Stoppschild vorstellen sollen. Dies hilft, in dem Moment den quälenden Zwangsgedanken zu unterdrücken.

Unterstützend helfen bestimmte Antidepressiva, die auf den Serotoninhaushalt im Gehirn Einfluss nehmen. Deren Wirkung stellt sich allerdings erst ca. 6-12 Wochen nach Einnahmebeginn ein. Auch die Rolle der Angehörigen ist wichtig. Sie sollten nicht die Rituale der Betroffenen mitmachen, sondern immer wieder ablenkende gemeinsamen Aktivitäten anbieten. Diese Aktivitäten dürfen die oder den Kranken jedoch nicht überfordern. Menschen, die an einem Waschzwang leiden, sollte man nicht gerade einen Familienausflug auf den Bauernhof vorgeschlagen. Generell gilt für Angehörige: Betroffene für Fortschritte loben – und nicht für Rückfälle kritisieren.

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16.11.-30.11.2010

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Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl