Bevor das Chaos überhandnimmt – Das Messie-Syndrom erkennen

Manche Menschen sammeln teure Gemälde oder Weine – andere horten Zeitungen und leere Bierdosen. Wer über Jahre hinweg zwanghaft wertlose Gegenstände in seinen vier Wänden anhäuft, der gilt umgangssprachlich als „Messie“. Dieser Begriff wurde von einer selbst betroffenen Pädagogin in den 1980er Jahren aus dem englischen Wort „mess“ für Unordnung abgeleitet.

Im Deutschen gibt es keine passende Übersetzung dafür, weswegen auch hier Laien und  Fachleute von „Messies“ sprechen, wenn sie Menschen mit ungebändigtem Sammeltrieb und heillosem Chaos meinen.

Forscher bezeichnen das Verhalten auch als „zwanghaftes Horten“. Allerdings zeigt die neuere Forschung zunehmend, dass das Messie-Syndrom nicht einfach Symptom einer Zwangserkrankung ist, sondern eine eigenständige Krankheit darstellt. Dies belegt ein aktueller Überblick über die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema, erstellt von der Psychologin Astrid Mueller und die Ärztin Martina de Zwaan am Universitätsklinikum Erlangen.

Die beiden Forscherinnen nennen als das auffälligste Symptom beim zwanghaften Horten „die krasse Unordnung, die durch das Ansammeln von Gegenständen entsteht. Die betroffenen Personen können ihrem Drang, Dinge zu erwerben, nicht widerstehen.“ Dabei handelt es sich zum einen um die Mitnahme kostenloser, objektiv wertloser Gegenstände, wie Zeitungen, Anzeigen, Flyer, leere Plastikflaschen oder Abfälle. „Eine andere Form des Erwerbs stellt das unkontrollierte Kaufen von Dingen, die nicht benötigt und nach dem Kauf gar nicht oder kaum benutzt werden, dar“, berichten Mueller und de Zwaan.

Messies entwickeln zudem eine starke emotionale Bindung an die erworbenen Dinge. Selbst wenn sie es schaffen, diese zu entsorgen, benötigen sie dafür sehr viel Zeit und Energie. Denn die angehäuften Gegenstände geben ihnen ein Gefühl der Sicherheit oder lösen starke sentimentale Gefühle aus. Auch steckt oft der Gedanke dahinter, man könne alles, was man besitzt, noch verwenden: Die  Zeitungen könne man irgendwann noch lesen, die alten Plattenspieler lasse man reparieren und erziele damit dann Liebhaberwerte, und selbst für die vielen sorgsam gestapelten Plastiktüten würde es sicher irgendwann einen Sammlermarkt geben.

Allerdings sind Messies nicht stolz auf ihre Sammelwut. Vielmehr ist ihnen ihre Wohnung, die oft bis ins letzte Eck vollgestopft ist, meist so peinlich, dass sie niemandem Einblick gewähren. Dies bedeutet eine Einschränkung des sozialen Lebens und zieht Isolation nach sich.  Messies neigen dazu, sich irgendwann ganz zu vergraben, was ihre Probleme noch weiter verstärkt.

Das Horten schließt bei einigen Personen nicht nur Gegenstände ein, sondern auch Tiere. Hierbei geht es um die nicht artgerechte Haltung von überdurchschnittlich vielen Tieren, die nur unzureichend und inadäquat versorgt werden. In der Folge verwahrlosen, erkranken oder sterben die Tiere, wobei die Tierhalter mangelndes oder gar kein Problembewusstsein zeigen. 

Wie aber kann man sich das Verhalten von Messies erklären? Mittlerweile wissen Forscher, dass bei Menschen mit „Sammelzwang“ der Glukose-Stoffwechsel im Gehirn verringert ist – und zwar in mehreren Regionen des Großhirns. Die betroffenen Bereiche sind dann nicht optimal funktionsfähig. Dies erklärt auch, dass zwanghaftes Horten offenbar vererbbar ist, wofür sich in letzter Zeit die Hinweise mehren.

Die Störung des Glukose-Stoffwechsels im Gehirn gilt allerdings nur als Grundbedingung für die Ausbildung des Messie-Syndroms. Hinzu kommt als weiterer Faktor oftmals das Erleben von schmerzhaften Verlusten. Die Erfahrung von Wedigo von Wedel, Geschäftsführer des Vereins H-TEAM e.V. in München, belegt diese Annahme. Der Verein hilft Betroffenen dabei, ihre häufig  total zugemüllten Wohnungen zu entrümpeln und zu säubern. Nach von Wedels Erfahrung mussten heutige Messies in ihrer Kindheit zu viel und zu früh Eigenverantwortung übernehmen, weshalb sie sich chronisch überfordert fühlen. So wird die Wohnung als Schutz wie zu einer Höhle umgestaltet. Deswegen hilft es auch nichts, Messies einfach zum Aufräumen zu ermuntern, denn Ordnung zu halten ist für sie keine Frage von Willen und Disziplin.

Bei der Behandlung der Störung hat sich eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie bewährt. Eine Psychotherapie kann dem betroffenen Menschen dabei helfen, einen Verlust oder ein traumatisches Ereignis aufzuarbeiten und frühere Erlebnisse neu zu einzuordnen. Allerdings ist das speziell auf „Messies“ zugeschnittene fachliche Angebot noch recht spärlich. Auch die Pharmakotherapie ist  erst in den Anfängen begriffen und noch nicht ausgereift. Dennoch kann eine Diagnose und Therapie bei einem Psychiater oder einem ärztlichen Psychotherapeuten auf jeden Fall hilfreich sein. Weiterhin sind für Betroffene die Selbsthilfegruppen eine große Unterstützung, die in Rheinland-Pfalz  unter www.shg-rheinland-pfalz.de zu finden sind.

Die Rolle von Freunden und Angehörigen ist ebenfalls wichtig. Sie können zwar einem Menschen mit einem Messie-Syndrom nicht gegen seinen Willen zu einer ordentlichen Wohnung verhelfen. Aber sie können ihm dabei helfen, dass seine sozialen Kontakte nicht einschlafen oder ganz abbrechen und können ihn damit vor der sozialen Isolation bewahren.

Unsere Adresse: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG), Hölderlinstraße 8, 55131 Mainz, Telefon 06131  2069-0.

 

01. bis 16. September

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) 

Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Birgit Kahl