Linkshänder sein – im Alltag nicht immer einfach

Noch bis in die 1970er Jahre wurden in Deutschland Linkshänder „umerzogen“. Man ging davon aus, dass es für Linkshänder besser sei, sich so früh wie möglich an die richtige – die rechte – Hand zu gewöhnen. Das war nicht nur eine praktische, sondern auch eine moralische Frage. Denn wenn man mit rechts schreibt, „geht es mit rechten Dingen zu“ und wer die linke Hand benutzt, dreht womöglich auch sonst „ein linkes Ding“.

Seitdem hat sich einiges getan, Rechts- und Linkshändigkeit gilt heute als gleichwertig. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und Lehrkräfte werden beispielsweise dazu angehalten, Löffel, Stift & Co. in die Mitte vor das Kind zu legen, so dass es selbst entscheiden kann, mit welcher Hand es zugreifen möchte. Kinder sollen damit in ihrer Entwicklung zu Links- oder Rechtshändern nicht beeinflusst werden.

Mehr als 90 Prozent der Menschen sind Rechtshänder und können die linke Hand nicht so geschickt koordinieren wie die rechte. Bei Rechtshändern wird das Schreiben von der linken Hirnhälfte gesteuert, bei Linkshändern von der rechten Hirnhälfte. Grund sind die über Kreuz verlaufenden Nervenbahnen. Die Umschulung von Linkshändern führt auch zur teilweisen Umschulung des Gehirns: Die Steuerung der Bewegung, vor allem der Feinmotorik, wird von der rechten in die linke Hirnhälfte verlagert. Das Planen und Koordinieren der Handbewegung hingegen erfolgt bei den umgeschulten Linkshändern nach wie vor in der rechten Hirnhälfte – so wie bei nicht-umgeschulten Linkshändern. Das verlangt vom Gehirn mehr Arbeit. Einige Psychologen schließen daraus, dass das Gehirn bei umgeschulten Linkshändern teilweise überfordert sei. Bettnässen, Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörungen und Versagensängste werden als mögliche Konsequenzen genannt. Dafür gibt es allerdings keine wissenschaftlichen Belege. Es fühlt sich für die Kinder jedoch falsch an, mit rechts zu schreiben, wenn es doch mit links viel leichter geht. Zudem kann die dominante Hand schneller, exakter, stärker agieren. Letztlich werden linkshändige Kinder also benachteiligt, wenn sie ihre dominante Hand nicht benutzen dürfen.

Einmal im Jahr, immer am 13. August, rückt der "Internationale Linkshändertag" linkshändige Menschen in den Mittelpunkt und macht auf ihre Bedürfnisse aufmerksam. Denn ein Leben als Linkshänder ist nicht immer ganz einfach. Ein Problem besteht z. B. beim Schreiben. Wenn Linkshänder beim Schreiben die gleiche Handhaltung einnehmen wie Rechtshänder, verschmiert die Tinte. Linkshänder müssen deswegen von unten schreiben, alle Finger der Schreibhand befinden sich dabei unterhalb des Geschriebenen. Das Blatt liegt links von der Körpermitte und ist leicht nach rechts geneigt. In Linkshänderläden sowie im Onlinehandel oder auf speziellen Linkshänderseiten im Internet gibt es besondere Schreibtischauflagen für Linkshänder zu kaufen. Sie tragen eine aufgedruckte Zeichnung, welche die Heftlage und die Handhaltung vorgibt. Auch ein speziell für Linkshänder ausgerichteter Füller ist nötig. An manchen Schulen ist statt des Füllers auch ein Tintenstift erlaubt, der praktischer ist. Die richtige Haltung und das richtige Schreibgerät ermöglichen eine lockere und unverkrampfte Schreibhaltung. Wenn das linkshändige Kind in der Schulbank dann auf der linken Seite sitzt, kommt es auch dem rechten Arm des rechtshändigen Kindes nicht in die Quere.

Für Linkshänder ist jedoch nicht nur das Schreibgerät, sondern jedes Werkzeug eine Herausforderung. Darauf haben sich viele Firmen bereits eingestellt und bieten spezielle Scheren, Lineale, Spitzer und Spiralblöcke an. Es gibt daneben symmetrisch geformte Computermäuse, sogar mit Wechsel in der Tastenbelegung, die problemlos linkshändig zu bedienen sind.

Auch beim Musizieren gibt es eine dominante und eine weniger dominante Hand. Gitarren, Bässe und Harfen werden bereits in Ausführungen für Linkshänder angeboten. Holzblasinstrumente sind normalerweise kein Problem für Linkshänder. Ein Schlagzeug kann gespiegelt aufgebaut werden. Ein linkshändiges Klavier gibt es allerdings nicht, wohl aber einige Komponisten, die großen Wert auf eine starke und geschickte linke Hand legen, wie Beethoven oder Mozart.

Es gibt übrigens nicht nur Rechtshänder und Linkshänder, sondern auch Beidhänder. Die Tennisspielerin Monika Seles hat beispielsweise ihre Gegner verwirrt, weil sie die Vorhand beidhändig spielen konnte. Und von der Chirurgie wird berichtet, dass Operateure ebenfalls dazu in der Lage sein sollten, notfalls einen Schnitt oder eine Naht auch mit der nichtdominanten Hand durchzuführen. Davon abzugrenzen sind extreme Rechtshänder und extreme Linkshänder, die mit der nichtdominanten Hand nicht gut umgehen können.

Insgesamt betrachtet leben wir in einer „Welt der rechten Hand“. Trotz zahlreicher Hilfen für Linkshänder ist Vieles auf rechts ausgelegt. Maschinen in Beruf und Freizeit sind für Rechtshänder konstruiert. Das Armaturenbrett in Autos befindet sich rechts, der Notfallknopf an technischen Anlagen meistens ebenfalls. Nicht-Rechtshänder müssen deswegen jederzeit besonders achtgeben. 

01. bis 15. August 2013 

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, Redaktion: Marielle Becker