Essen, Trinken und Ernähren
zwischen Naturwissenschaften und Kulturphänomen
von lnes Heindl
1. Ohne Essen und Trinken kein Leben
Sir Toby: ...Does not our lives consist of the Four elements?
Sir Andrew: Faith, so they say, but I think it rather consists of
eating and drinking.
Sir Toby: Thou`rt a scholar; let us therefore eat and drink.
(Shakespeare, Twelfth night)
Ohne Nahrung kann auch der Mensch nicht leben. Essen und Trinken
gehören zu seinen natürlichen Grundbedürfnissen. In der
Menschheitsgeschichte standen die Beschaffung von Nahrung und
deren tägliche Sicherung stets im Mittelpunkt. Diese zentrale
Konstante "Ohne Nahrung kein körperliches Überleben" verleitete
die naturwissenschaftliche Ernährungsforschung, den menschlichen
Organismus als "Stoffwechselmaschine" für Atmung, Verdauung und
Ausscheidung zu untersuchen und darzustellen. Die Ergebnisse
führten in den vergangenen 50 Jahren zur wissenschaftlichen
Fundierung des Nährstoffbedarfs für den Menschen, auf dessen Basis
Empfehlungen für die tägliche Nährstoffzufuhr weltweit publiziert
wurden.
"Der Mensch in seiner Rolle als Essender und Trinkender ist aber
nicht nur ein physisches Objekt mit Respirations- und
Stoffwechselvorgängen, sondern zugleich ein genetisch einmalig
gestaltetes, psychisch höchst sensibles Individuum, das so gut wie
immer in zwischenmenschliche Beziehungen eingebunden ist" (Teuteberg
1995, Seite 323).
Von Geburt an stehen die psychosozialen Aspekte des Essens und
Trinkens im Vordergrund. Der Säugling verlangt durch sein Schreien
und Saugen nach Nahrung und erlebt die Mutter/Amme als Nährende,
die sich ihm zuwendet, aber auch Nahrung vorenthalten oder
entziehen kann. Nahrung beginnt auf diese Weise für Liebe, Nähe,
Wärme, Zuverlässigkeit, Sicherheit oder Frustration, Distanz,
Kälte, Unzuverlässigkeit, Unsicherheit und Ähnliches zu stehen.
Auf dieser Basis entwickelt sich jede spätere Verknüpfung von
positiven und negativen Gefühlen mit Speisen, Mahlzeiten,
einzelnen Lebensmitteln sowie damit verbunden erlebter sozialer
Atmosphäre.
"Die Mahlzeiten bildeten aber überall stets eine Quelle von Lust
und Leid, förderten die Gemeinschaft oder umgekehrt die
Individuation, waren Zeichen von Liebe und Hass, Integral von
Alltag und Festtag, fungierten als Erziehungsmittel. Niemals
erschöpfte sich Essen und Trinken in der bloßen Stillung von
kreatürlichen Hungergefühlen und einer Nährwertzufuhr" (Teuteberg
1995, Seite 325).
Die nachfolgenden Abschnitte des Kapitels Ernährung werden das
Essen, Trinken und Ernähren des Menschen von verschiedenen Seiten
betrachten, die nach der Verbindung zwischen natur- und
kulturwissenschaftlichen Aspekten suchen.
2. Stoffe aus der Nahrung für den gesunden Menschen
In Europa sind heute etwa die Hälfte aller frühzeitigen Todesfälle bei Männern und Frauen unter 65 Jahren auf Krankheiten zurückzuführen, zu deren Entstehung Ernährungsfehler beitragen. Koronare Herzkrankheiten, Schlaganfall, viele Krebsformen, Mundkrankheiten, Anämie, Kropfbildung, Leberzirrhose, Diabetes, Gallensteine, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Knochenerkrankungen bei alten Menschen beeinflussen wesentlich die medizinische Versorgung. Nach Aussage von Medizin und Ernährungswissenschaft sollten diese Leiden als verhütbar gelten, wenn auch bis heute ungeklärt bleibt, auf welche Weise Ernährungsmängel oder -exzesse zu den jeweiligen Erkrankungen führen ( vgl. James et al. 1990) .
Angesichts dieser Lage geben Organisationen, wie die FAO (Food and Agriculture Organization, Rom), Food and Nutrition Board, USA, und DGE {Deutsche Gesellschaft für Ernährung) seit mehr als 40 Jahren regelmäßig Empfehlungen für die tägliche Nährstoffzufuhr zur Gesunderhaltung des Menschen. Die Qualität der Fett-, Eiweißstoff- und Kohlenhydratversorgung, Ballaststoff-, Salz-, Cholesterin-, Fluoridmengen sowie Aussagen zu Alkoholkonsum, Jodmangel und Körpergewichtsberechnungen stehen im Mittelpunkt. Eine vergleichende Auswertung der Angaben in verschiedenen Ländern stellen die nachfolgenden mittelfristigen und langfristigen Nährstoffziele für Europa dar. Es wird deutlich, dass sich die Empfehlungen vor allem an die Nationen richten, die Probleme des Nahrungsmittelüberflusses zu lösen haben: die "richtige" Nahrungsauswahl bei einer Ernährungslage, die z.B. in der Bundesrepublik Deutschland seit mehr 20 Jahren als zu fett- und energiereich insgesamt, zu süß, zu salzig und ballaststoffarm beurteilt wird (Ist-Situation in Deutschland: ca. 40% der Gesamtenergie werden als Fett, 5-8% in Form von Alkohol, nicht mehr aIs 40% der Energielieferanten sind Kohlenhydratträger - bei zu hohem Zuckeranteil -, die restliche Energie liefern Eiweißstoffe - mehr als die Hälfte aus tierischen Lebensmitteln -; vgl. DGE 1996).
Die empfohlenen Werte orientieren sich in Europa und den Vereinigten Staaten an Risikofaktoren, die, durch die jeweiligen Hinweise, Nahrungsmangel oder -exzess und damit die o.g. chronischen Erkrankungen zu verhüten suchen. Im Mittelpunkt steht bis heute das Streben nach einer ausgeglichenen Energiebilanz (Energieaufnahme = Energieabgabe). Vermeidungsprinzipien, z.B. eines Übergewichts durch Überernährung, in dessen Folge veränderte Stoffwechselwerte (z.B. Fettstoffwechsel, diabetischer Stoffwechsel) auftreten können, leiten Konzepte der Nährstoffzusammenstellung von Kostformen.
Die weltweiten Bemühungen zur Verwirklichung der idealen Nährstoffziele greifen die Empfehlungen im Sinne der gesundheitlichen Prävention auf und setzen sie in ernährungspolitische Strategien um.
3. Ernährungslehren - Richtlinien und Empfehlungsmodelle
Aufklärende Maßnahmen einer an Prävention orientierten
Ernährungspolitik stützen sich in erster Linie auf Informationen über
die Risikofaktoren bei Nahrungsmangel bzw. -exzess. Hinter diesen
Maßnahmen stehen verschiedene Schulen einer nährstoftbezogenen
Ernährungslehre, die sich in den zentralen Aussagen weltweit deutlich
einander angenähert haben. Vergleichende Betrachtungen lassen
grundlegende Übereinstimmungen zwischen einer gesunden ("healthy diet")
und gesundheitsförderlichen ("healthful diet"), einer vollwertigen
bzw. Vollwert-Ernährung ("wholefood diet and cooking") erkennen.
Empfehlungen dieser Kostformen, es handelt sich überwiegend um
vegetarische Alternativen zur üblichen gemischten Kost tierischer und
pflanzlicher Nahrung, werden meist in Form von Lebensmitteln gegeben.
Auch wenn nach Leitzmann/Hoffmann (1996) Details der präventiven
Wirkungen auf der Ebene der Lebensmittel noch nicht vollständig
geklärt sind bzw. kontrovers diskutiert werden, ist im nationalen und
internationalen Vergleich die nachfolgende Lebensmittelauswahl als
günstig einzustufen:
- Erhöhter Verzehr pflanzlicher Lebensmittel (Getreide, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte ), verminderter Verzehr tierischer Lebensmittel (Fleisch, Fisch, Eier ),
- Mehr Vollkornprodukte, weniger Auszugsmehlprodukte und raffinierte Produkte (Zucker)
- Geringer Verzehr von tierischen Fetten (auch Fett in Milch und Milchprodukten), Fett sollte von hoher Qualität sein (pflanzliche Fette und ÖIe)
- Verminderter Konsum von Kaffee,
alkoholischen Getränken u.a. Genussmitteln
Geringer Verzehr von gepökelten, geräucherten und scharf gebratenen Lebensmitteln.
Langzeitvegetarierstudien (10 bis
20 Jahre) in den USA und Europa belegen vielfach die gesunderhaltende
Wirkung vegetarischer Kostformen. Risikofaktoren chronischer
Erkrankungen, die Prozessen der Zivilisation zugeordnet werden, treten
deutlich vermindert auf (vgl. Leitzmann/Hoffmann 1996). Vor allem die
positive Beeinflussung aller Fettstoffwechselwerte (Prävention von
Herz- und Gefäßkrankheiten) und des Immunsystems (Krebsprävention)
wird durch eine hohe Dichte essentieller Nährstoffe in streng
vegetarischen und lakto-vegetabilen Kostformen erreicht und ist
anerkannt. Die Vegetarierstudien weisen gleichzeitig darauf hin, dass
die positiven Auswirkungen der jeweiligen Ernährungsformen immer im
Zusammenhang mit der überwiegend gesünderen Lebensweise der Vegetarier
zu betrachten sind ( alltägliche Bewegung, geringer
Genussmittelkonsum, Stressbewältigungskonzepte) .
Die methodisch-didaktische Umsetzung von Richtlinien und
Ernährungsempfehlungen im Rahmen von Gesundheits- und
Ernährungsberatung oder -erziehung bedient sich weltweit verschiedener
Modelle, die sich auf zwei Darstellungsformen konzentrieren (Pyramiden
und Kreisdiagramme). Wiederum ausgehend von Lebensmitteln werden
Lebensmittelgruppen zusammengefasst, aus denen der Verbraucher
auszuwählen aufgefordert wird. Dabei reichen die Hinweise für die
Auswahl von Orientierungshilfen bis zur Angabe von Portionen sowie
Vorschlägen zur Kombination, die pro Lebensmittelgruppe täglich,
wöchentlich, monatlich oder seltener verzehrt werden sollten.
Beispiele verschiedener Länder belegen die grundsätzlich
übereinstimmenden Aussagen aus Sicht der Ernährungslehren.
Gleichzeitig scheinen jüngste Veröffentlichungen aktueller Modelle von
Leitlinien für Ernährungsempfehlungen auf die Bewahrung der kulturellen
Besonderheiten in Ländern und Regionen einzugehen.
So wird z.B. die traditionelle mediterrane Küche oft erwähnt, deren
täglich empfohlener Verzehr von frischem Gemüse und Obst, Getreide-
und Getreideprodukten, bis zu Oliven und Olivenöl die Grundlagen der
regionalen Küchen bilden. Gesundheitsexperten anderer europäischer
Länder ziehen das Modell der mediterranen Küchen gerne zum
vorbildhaften Vergleich heran.
Die vergleichende Betrachtung der nationalen und internationalen Kreis-
und Pyramidenmodelle zeigt deutlich den Stellenwert der erhofften
Prävention chronischer Erkrankungen, die durch Empfehlungen gegen ein
Zuviel, Zufett, Zusüß und für ballaststoffreiche und nährstoffdichte
Nahrung verhütet werden sollen. Die allgemeine Kritik der
Gesundheitsexperten hinsichtlich der Umsetzung von
Ernährungsempfehlungen richtet sich an die zugrunde liegenden
statistischen Erhebungen, die in vielen Ländern keine verlässlichen
epidemiologischen Daten für Bezüge zwischen Nahrungsmangel, -exzess,
Erkrankungshäufigkeit und dem Präventionsansatz vorweisen können
(vergl. Simopoulos 1995).
4. Kostformen der Ernährung - ausgewogen, vernünftig oder einfach gesund?
Gemischte Kostformen, alternative Kostformen, Kostformen zur
Reduktion des Körpergewichts, die Vielfalt der Erscheinungen dessen,
was der Mensch auswählt, isst und trinkt, spiegelt sich im Alltag
wieder, in dessen Sprachgebrauch von der vielfältigen und
ausgewogenen, vernünftigen oder gesunden Ernährung ausgegangen wird.
Die Auswertungen von Friebe (1997), Ergebnisse aus einem europaweiten
Survey, zeigen deutlich das Wissen der Bevölkerung über "gesunde"
Ernährung, das, nach Einschätzung der Experten, genügen müsste, um die
erwähnten chronischen Krankheiten zu verhüten. Neben konkreten
Kenntnissen über Lebensmittel definieren Verbraucher gesunde Ernährung
als vielfältig und ausgewogen. Die Ausgewogenheit zwischen den Stoffen
aus der Nahrung bildet seit vielen Jahren ein wichtiges Thema der
Ernährungsaufklärung. Das Konzept stützt sich auf die Annahme, dass
die Vielfalt der Nahrungsmittel, im Vergleich zur einseitigen Auswahl
weniger Nahrungsmittel, vor einem Mangel schützt. Die Vermeidung von
Vitamin-, Protein- oder Mineralstoffmangelsymptomen gehört in Europa
seit langem nicht mehr zu den zentralen Ernährungsproblemen.
Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen "richtige Auswahl im Überfluss"
lässt sich mit der Suche nach Ausgewogenheit nicht lösen. Ein anderer,
beliebter Ausdruck in vielen Ländern ist der Begriff der vernünftigen
Ernährung. Auch dieser führt angesichts der vielen vernünftigen und
unvernünftigen Gründe für das Essen schnell an seine Grenzen. Das
Appellieren an die Vernunft des Menschen scheitert nicht selten selbst
bei andauerndem Leidensdruck durch eine ernährungsbedingte Krankheit,
deren Behandlung sich auf eine spezielle Diät stützt. Sich vernünftig
ernähren zu sollen, klingt für die meisten Menschen nach Verzicht und
freudlosen Erinnerungen. Bleibt der Begriff der gesunden Ernährung:
gibt es die gesunde Ernährung für den Menschen überhaupt? Die bereits
erwähnte europäische Untersuchung (Friebe 1997) unterscheidet zwischen
dem erwarteten allgemeinen Nutzen und dem persönlichen Nutzen
"gesunder" Ernährung und belegt wiederum auf beiden Ebenen den
beachtlichen Wissensstand in der deutschen Bevölkerung, der die
Präventionsansätze durch persönliche Einstellungen bestätigt.
Individuelle Stoffwechsel- und Bedarfslagen, unterschiedliche
Bekömmlichkeit, Verträglichkeit und Verwertung sowie alltägliche
Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen erzeugen unterschiedliche
Bedürfnisse an Nahrung. Allgemeine Empfehlungen einer gesunden
Ernährung - wie z.B.: zu einem gesunden Frühstück gehört ein
Mehrkornmüsli oder täglich sollten 5 bis 7 Gemüse- und Obstportionen
verzehrt werden - berücksichtigen die komplexe Bedeutung der Nahrung für
den Menschen in seinen psychosozialen und ökonomischen Lebenslagen,
den kulturellen und historischen Bezügen nicht genügend. Insofern
bestätigen die Ergebnisse von Friebe (1997) den vielfach beklagten
Graben zwischen Ernährungswissen und Essverhalten im Alltag. Die
positiven Folgen einer gesundheitsbezogenen Ernährung sind durchaus
bewusst und haben einen Höchststand der Kenntnisse nach dem 2.
Weltkrieg erreicht. Der entscheidende Prozess der entsprechenden
Handlungsorientierung im Alltag durch Veränderung der persönlichen
Motivation setzt jedoch nicht ein, oder ist je nach Lebenslage
zeitlich begrenzt (vergl. Friebe 1997).
Aus der Bildungs- und Beratungsarbeit zum Essen, Trinken und Ernähren
in pädagogischen und therapeutischen Berufsfeldern kommt eine weitere
Begrifflichkeit, die dem einzelnen Menschen angemessen erscheint.
Betroffene sprechen von der persönlich richtigen Ernährung, die ihnen
Genuss, Freude, Befriedigung und auch Gesundheit eröffnet.
Herauszufinden, welche Nahrung "richtig" ist im Alltag, zwischen
Arbeit und Freizeit, Leistung und Erholung, Bewegung und Ruhe,
positiven und negativen Gefühlen, Alleinsein und in Gemeinschaft sein,
stellt sich als lebenslanger Prozess dar, der immer wieder neu zu
gestalten ist.
5. Kulturthema Essen - psychosoziale Aspekte
Ernährungslehren und ihre Vermittlungsmodelle lassen vermuten, dass die
aktuellen Problemlagen zur Ernährung, die zwischen den Polen "zuwenig"
(Mangelernährung und Hunger weltweit; gezügeltes Essverhalten,
Magersucht und Essbrechsucht in Industrieländern) und "zuviel" (Fett,
Zucker, Salz, Alkohol, Energie insgesamt in Überflussgesellschaften)
liegen, durch die richtigen Angebote und entsprechende
Lebensmittelauswahlkriterien zu lösen seien. Mangelndes bzw.
exzessives Essen und Trinken werden dabei vorrangig als kognitives
Problem von Defiziten an Information behandelt, von den richtigen
Kenntnissen und entsprechendem Wissen werden Motivation und Auslöser für
ein besseres Handeln und Verhalten des essenden Menschen erwartet.
Diese Bezüge wurden bis in die jüngste Zeit von Studien widerlegt
(u.a. Friebe 1997, Gölz 1997).
Auf der Suche nach Antworten auf Fragen zum Verstehen des menschlichen
Essverhaltens endet an dieser Stelle die vorrangig
naturwissenschaftliche Betrachtung von Essen, Trinken und Ernähren.
Wie schon die Eingangszitate von Teuteberg zeigten, verknüpft sich im
Ess- und Ernährungsverhalten des Menschen das Was gegessen wird immer
mit dem Wann, Wie und Warum, mit Situationen und sozialer Atmosphäre,
mit Emotionen und lebensgeschichtlicher Erfahrung. Diese Aspekte sind
nicht nur im einzelnen Menschen selbst begründet, sie hängen ab von
dinglich-materiellen und mitmenschlichen Gegebenheiten, die bei näherer
Betrachtungsweise das tägliche Essen und Trinken als hochkomplexes
System erscheinen lassen, eingebunden in soziale Regularien und
Normen, die mit Verhaltensmustern anderer Lebensgebiete in Beziehung
stehen. "Die Nahrung summiert und transmittiert, was mit ihrem
originären (natürlichen) Zweck nichts mehr zu tun hat, bestimmte
Lebenssituationen" (Teuteberg 1995, Seite 323).
Innerhalb der Sozialisation des Menschen gestaltet sich das
Hineinwachsen in Gemeinschaften, die Aneignung der naturgegebenen,
ererbten, psychischen und soziokulturellen Zusammenhänge über
Interaktions- und Kommunikationsprozesse, deren Mittel Tag für Tag
auch die Nahrungsmittel sind. Das Beruhigende der Schokolade; die
Anregung durch Alkohol beim Abendessen mit Gästen; die regelmäßigen
kommunikativen Mahl-"Zeiten", zu denen sich alle Mitglieder der
Familie am Tisch trafen. Neben angenehmen Erlebnissen, verknüpft mit
Nahrung, gibt es auch unangenehme Erinnerungen: der Würgereiz beim
Geruch von fettem Fleisch, das in der Kindheit aufgegessen werden
musste; Ekel beim Anblick von Milchsuppe zum Frühstück; das Ablehnen
des gemeinsamen Frühstücks, da während der Schulzeit schon morgens am
Frühstückstisch gestritten wurde. Jeder Mensch nutzt Nahrung als
Kommunikationsmittel, bewusst oder unbewusst teilen wir uns mit über
das, was wir essen und wie wir essen: wir suchen Ruhe, Gespräch, Nähe,
Distanz, Bestätigung, Ablenkung usw., deren Ausdruck sich in Vorlieben
und Abneigungen widerspiegeln. Das Speisen ist oft ein Vorgang, der
sich nach dem vollzogenen Akt autonom am Leben erhält, wenn dieser
längst beendet ist. Mahlzeiten signalisieren und ersetzen menschliche
Verhaltensweisen, die sich auf ganz anderen Lebensgebieten abspielen
(vergl. Teuteberg 1995). Teuteberg wagt sogar die These, "dass
letztlich alle Lebenssphären des Menschen durch die
Nahrungsgewohnheiten verbunden sind".
Menschen in ihren essenden und trinkenden Lebenslagen zu verstehen,
heißt, über die Konstanz der physischen Bedürfnisse hinaus, die
soziokulturellen Zusammenhänge seiner "imitatorischen" und
"schöpferischen" Aneignung (Teuteberg 1995, Seite 323) der Esswelt zum
Forschungsgegenstand zu machen, als Kulturthema Essen und Trinken. In
jüngerer Zeit widmen sich Vertreterinnen und Vertreter der Natur-,
Geistes- und Kulturwissenschaften der Suche nach einer integrierenden
Verknüpfung dieser Bereiche (vergl. Werlacher et al. 1993). Gerhard
Neumann (1993) zeichnet in dieser Publikation Umrisse einer
Kulturwissenschaft des Essens, indem er der Aussage Sartres folgt:
"Jede Nahrung ist ein Symbol".
6. Der soziale und psychische Symbolgehalt der Nahrung
(verändert nach: Teuteberg 1995, S. 323)
Für den kommunikativen Symbolgehalt der menschlichen Ernährung gibt es
Kategorisierungsversuche, die hier zusammengefasst werden:
Prestigeprodukte
Die Nahrungsmittel werden primär als personale Attribute empfunden. Sie
dienen exhibitionistischen Schaueffekten und sollen eine
gesellschaftlich elitäre Position bzw. Abhängigkeit unterstreichen
(z.B. Kaviar und Champagner).
Statusprodukte
Die Nahrungsmittel dienen zur soziokulturellen Identifikation. Sie
sollen Gruppenkonformität und Solidarität demonstrieren sowie die
Assimilation in einer Gruppe erleichtern (z.B. verschiedene "Küchen":
Italiens und Frankreichs).
Fetisch- und Sicherheitsprodukte
Die Nahrungsmittel werden in besonderen Stresszuständen zur Erreichung
emotionaler Beruhigung ähnlich wie Medikamente eingenommen. Man glaubt,
ohne sie nicht auskommen zu können (z.B. Schokolade, Alkohol). Sie
dienen der Ich-Verteidigung oder Ich-Stärkung und haben manchmal
magisch-religiösen Charakter. Hierzu gehört ebenfalls die Diät für
Kranke, Kinder und Schwangere.
Hedonistische Produkte
Die Nahrungsmittel werden zur Lustmaximierung konsumiert, vor allem
wegen ihres Geschmacks, Geruchs und Aussehens, was meistens
situationsgebunden ist. Man belohnt damit eigenes Verhalten und
demonstriert Gemütsverfassungen, Vergnügen und Kommunikation (z.B.
Pralinen, Kuchen zu besonderen Anlässen, Cocktails).
Nur-funktionelle Produkte
Die Nahrungsmittel dienen nur als Nährstoff- und Kalorienlieferanten.
Als Grundnahrungsmittel haben sie keinen soziokulturellen Sinngehalt
und sind symbolneutral (z.B. Kartoffeln, Brot, Milch).
Angesichts dieser alle Lebensbereiche des Menschen umfassenden Symbolik
von Nahrung, Essen und Trinken muss um so dringlicher die Forderung
erhoben werden, die Nahrung und die mit ihr verknüpften sozialen
Vorgänge als ein psychosoziales Phänomen ersten Ranges zu bestimmen,
damit als Kulturthema aufzufassen und einer systematischen
interdisziplinären Erforschung zugänglich zu machen (vergl. Neumann
1993).
Eine angemessene Behandlung des Kulturthemas Essen ruht nach Neumann
(vergl. 1993, Seite 391/392) auf vier Säulen:
-
Die Herausarbeitung der Fundamentalität des als "niedrig" eingestuften Nahrungsphänomens für die Geschichte des Menschen.
-
Die Situierung dieses Phänomens in einer "Geschichte des Alltags", die das Essen des Menschen als kulturschöpferischen Akt versteht.
-
Die Präzisierung des Begriffs "Alltagsgeschichte".
-
Die Ausarbeitung der Kategorie des "Nahrungsstils", wie er sich z.B. aus dem gesellschaftlichen Regulativ des menschlichen Körperbildes rekonstruieren lässt.
Teuteberg (1995) spricht vom "Ernährungsstil als Kulturphänomen"
Jedes Essverhalten,
einschließlich der gestörten Formen, verändert sich im Licht
soziokultureller Betrachtungen. Ernährungsstile und Körperbilder
eröffnen geeignete integrierende Ansätze zur Verbindung von Natur- und
Kulturverständnis. Seit Ende der 60er Jahre werden schlanke
Körperbilder von Männern und Frauen als attraktiv angesehen. Über
Ernährungsstile gezügelten Essverhaltens (flexibel oder rigide
gestaltet) versuchen vor allem Frauen den eigenen Körper den schlanken
Vorbildern anzupassen und entsprechend zu formen. Der menschliche
Körper, der auf diese Weise als gesellschaftliches Instrument,
vereinheitlicht im Spiel von Idealisierung und Sublimierung,
persönliche Gestalt verliert, bis zur Vernichtung seiner biologischen
Qualität. Das Verstehen dieser Zusammenhänge korrigiert die auf
schlanke Körper zielenden Nährstoffziele und fordert den menschlichen
Körper als Substrat aller kulturellen Vorgänge heraus.
Die verschiedenen Kulturen eines zusammenwachsenden Europas lassen sich
unmittelbar in den typischen Küchen nachvollziehen. Der Geschmack der
fremden Küche öffnet für Unbekanntes und Neues, hilft aber
gleichzeitig, durch Abgrenzung das Eigene zu bewahren. Übertragen auf
Körperbilder und den gesunden Körper heißt das, durch die Nahrung das
eigene innere Körperbild zu entwickeln, das in seiner Eigenart, ob
groß oder klein, dick oder dünn, die Vielfalt der Kulturen
repräsentiert und damit zum Leben berechtigt ist.
7. Tatort Küchen - alltägliche Essgewohnheiten
Essen und Trinken ereignen sich im Alltag. Aktivität und Erfahrung der
alltäglichen Nahrungsbedürfnisse und deren Befriedigung geschehen
regelmäßig, teilweise geplant, meist automatisch und unreflektiert.
Sich wiederholende Abläufe der Nahrungsbeschaffung, -verarbeitung bis
zum Verzehr bilden dabei Gewohnheiten heraus, die sich in Vorlieben
und Abneigungen äußern und zu den stabilsten Verhaltensweisen des
Menschen gehören. Angeborene Körperfunktionen und angeeignete
Verhaltensmuster steuern die Gewohnheitsbildung von Präferenz, Auswahl
und Mögen. Es gibt besondere Orte im menschlichen Essalltag, die im
Mittelpunkt entwickelter und praktizierter Gewohnheit stehen: Küchen.
Für Neumann tritt das kulturelle System Küche zwischen das Bedürfnis
nach Nahrung und seine, auch gewohnheitsmäßige, Befriedigung (vergl.
1996, Seite 387). Die ländliche Küche war in der Geschichte der
Menschheit, seit ihrer Existenz, Zentrum des Hauses und Lebensalltags:
Feuerstelle, Kochstelle, Essplatz, Arbeitsplatz, Ort der Kommunikation
einer Lebensgemeinschaft.
Küchen in der Nachkriegszeit entwickelten sich zunächst durch den
amerikanischen Einfluss der Einbauküchen zu reinen Funktionsräumen,
die in einem Küchendesign gipfelten, das, durch technische Perfektion,
Sauberkeit und Hygiene, Kühle, Leere und Leblosigkeit vermittelten.
Küchendarstellungen in Zeitschriften, Katalogen und Prospekten
präsentierten Räume ohne Menschen, wenn überhaupt wurden einzelne
Personen, in ihrer Funktion als Hausmann oder -frau abgebildet.
Alltagsleben schien sich in diesen Küchen nicht abzuspielen. In
jüngerer Zeit zeichnet sich ein Wandel ab, der die Küche wieder zur
Wohnküche gestaltet. Küchenplanungen berücksichtigen, neben den
technischen Funktionen für Kochen und Reinigung, Wohnbedürfnisse für das
Zusammenleben der Mitglieder einer Gemeinschaft, die reine
Funktionsräume nicht erfüllen können. Küchendesigner sprechen von
diesen Küchen als "dem Mittelpunkt der Wohnung" (Conran 1994).
Über die Bedeutung der Küchen als Orte in Häusern und Wohnungen hinaus,
entwickelt der Geschmack jeder Gesellschaft kulturelle Besonderheiten
und Typisches an Speisen und Gerichten. Der Reichtum an Gemüse- und
Obstarten, die ganzjährig zur Verfügung stehen, bestimmt die "Küchen"
Griechenlands, Italiens und Spaniens. Es wird länderbezogen von den
italienischen, französischen und spanischen Küchen gesprochen, aber
auch vom Typischen der regionalen Küchen, z.B. in der Toskana (Rezepte
mit frischen Tomaten), in Schottland (Hafer und Porridge) oder
Schleswig-Holstein (Buchweizengrütze). Alltags- und Festtagsgebräuche
sind schon immer von Generation zu Generation weitergegeben worden,
zunächst von Mund zu Mund, später festgehalten in Niederschriften,
heute in Form von Kochbüchern.
Küchen, so Nietzsche, sind "Offenbarungen über Kulturen" (nach Neumann
1996). Der mächtige Gewürzappetit der feinen Leute im Mittelalter
offenbarte die Sehnsucht nach dem Paradies, denn kein
mittelalterlicher Autor konnte sich das Paradies vorstellen, ohne
Gewürze zu riechen oder zu schmecken. Gewürze waren Statussymbole der
herrschenden Klasse, Zeichen von Macht, die ausgestellt und dann
einverleibt wurden. Schivelbusch (1998) berichtet in seiner Geschichte
der Genussmittel von Küchen und Kulturen, die im Gebrauch von
Gewürzen, Alkohol, Kaffee, Tee, Kakao und Tabak wichtige
Ausdrucksformen fanden und bis heute bewahrt haben. Die Bedeutung des
Alkohols als Nahrungs- und Genussmittel im Mittelalter ("Dumpfheit des
Mittelalters") wurde vom Kaffee, als dem "großen Ernüchterer" abgelöst
(vergl. Schivelbusch 1988), Genussmittel, wie Tee, Kakao, Tabak,
Zucker und Drogen folgten. "Die Vorgänge, die die Genussmittel im
menschlichen Organismus bewirken, vollenden sozusagen chemisch, was
geistig, kulturell und politisch schon vorher angelegt war. Die
allmorgendliche Tasse Kaffee und der kleine Alkoholrausch am
Samstagabend binden das Individuum um so wirkungsvoller ins allgemeine
Leben ein, als sie ihm Spaß machen" (Schivelbusch 1988, Seite 11/12).
Essgewohnheiten im Alltag, Ernährungsstile und die dazugehörigen Küchen
stellen sich heute vielfältig dar: gesunderhaltende, schnelle und
unkomplizierte sowie kulinarisch anspruchsvolle Gerichte weisen Trends
in Richtung vollwertige Ernährung, Convenience- und Gourmetprodukte.
Wenn Vorlieben für Fast Food, verschiedene Küchen oder vegetarische
Kostformen in der Vergangenheit von Personen und Gruppen als alleinige
Ernähungsstile praktiziert wurden, so sagen Trendberichte für die Zeit
nach der Jahrtausendwende voraus, dass in Zukunft verschiedene Stile
von einer Person gelebt werden. Schnelle Gerichte aus Lebensmitteln
hoher Genuss- und Gesundheitsqualität, im Alltag mit möglichst wenig
Zeit für das Kochen verbunden, scheinen die Auswahlkriterien der
Zukunft zu bestimmen (vergl. Oberritter 1997). Verschiedene
Ernährungsstile in einer Person offenbaren die Vielfältigkeit der
Kulturen, die der einzelne Mensch in sich vereinbaren muss. Diese
Ausdrucksformen zusammenwachsender Kulturen werden mit der
historischen Tradition der persönlichen Essgeschichte im einzelnen
Menschen konkurrieren.
8. Zur persönlich richtigen Ernährung finden - Anregungen für die gesundheitsbildnerische Arbeit
Wenn Essen, Trinken und Ernähren Leben und Gesundheit grundlegend
bedingen und beeinflussen, die gesamtgesellschaftliche Lage, im
Unvermögen des Handelns zwischen Ernährungswissen und alltäglichem
Essverhalten, die Gegensätzlichkeit von natürlichem Essbedürfnis,
soziokulturellen Symbol- und Kommunikationsfunktionen der Nahrung,
ernährungswissenschaftlichen und medizinischen Lösungsansprüchen offen
legt, so kommt dem Themenschwerpunkt Ernährung innerhalb der
Gesundheitsbildung ein besonderer Stellenwert zu.
Seit 1983 entwickeln Vertreterinnen und Vertreter verschiedener
fachwissenschaftlicher Disziplinen (u.a. Biologie,
Ernährungswissenschaft, Medizin, Erziehungswissenschaft,
Sport/Bewegung, Textillehre) der Bildungswissenschaftlichen Hochschule
Flensburg, Universität, im Rahmen hochschulischer Aus-, Fort- und
Weiterbildung ein Konzept der Gesundheitsbildung, das, dem
Begriffsverständnis der Gesundheitsförderung (WHO 1986) verpflichtet,
der Vermittlung eines interdisziplinären, naturwissenschaftlichen und
soziokulturellen Verständnisses von Gesundheit dienen soll. Das
Themenmodell "Essen, Trinken und Ernähren" eröffnet Studierenden, über
den individuellen Alltagsbezug von Essgewohnheiten, Vorlieben und
Abneigungen, Wege zur persönlich richtigen Ernährung zu finden. Der
Lernweg führt über drei Stufen:
- Gegenwart: Wer bin ich heute in Bezug auf mein Essen und Trinken? Wie sieht mein Essalltag aus?
- Herkunft: Wie bin ich geworden durch meine Essgeschichte? Woher kommen meine Gewohnheiten?
- Zukunft: Wohin möchte ich mich entwickeln? Was werde ich verändern?
Heindl et al. (1994; 1996) geben weitere Anregungen zur inhaltlichen
und methodisch-didaktischen Gestaltung des Themenfelds. Der
Selbsterfahrungsbezug zum Essen, Trinken und Ernähren bildet den
Ausgangspunkt für die Verarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnis des
Zusammenhangs von Ernährung und Gesundheit. Das hochschulische Lernen
konzentriert sich dann auf Forschungsfelder, die Ernährung und
Gesundheit des Menschen behandeln und bereitet auf entsprechende
Berufsfelder vor. Die Ausbildung bewegt sich vom Personenbezug zum
Lernen von Gruppen und Institutionen, wie es die Handlungsebenen der
Ottawa-Charter der Gesundheitsförderung (WHO 1986) forderten und durch
die Jakarta-Deklaration (WHO 1997) bestätigt und erweitert wurde.
Dieser Lernweg, der beim Selbstverstehen alltäglichen Ess-,
Bewegungs-, Umwelt- und Mitweltverhaltens beginnt, mag für eine
Universität ungewöhnlich sein, jedoch bestätigen 15 Jahre Erfahrung und
Evaluation, dass Gesundheitsbildung von der Betroffenheit und
Selbstverantwortung des einzelnen Menschen zum verantwortungsvollen
Handeln sozialer Systeme und Organisationen führen muss.
Im Rahmen der Flensburger Entwicklungen zur Gesundheitsbildung ist das
nachfolgende Modell entstanden, das naturwissenschaftliche Erkenntnisse
der Ernährung, psychosoziale und soziokulturelle Aspekte des Essens
und Trinkens miteinander verknüpft und methodisch-didaktische Hinweise
für die Konzeptentwicklung gesundheitsbildnerischer Arbeit gibt. Das
Modell kann als Planungs-, Begleitungs- und Evaluationsinstrument im
Vermittlungsprozess herangezogen werden.
Im Zentrum steht der einzelne Mensch, der, seine persönlichen
Fähigkeiten und Fertigkeiten (»sources«) suchend, zu seiner
Entwicklung Ressourcen und Mittel (» resources«) benötigt, die
soziokultureller Herkunft sind.
Bei der Umsetzung dieses Modells können Themenschwerpunkte
ausgetauscht, das methodische Vorgehen übertragen werden. Folgende
Qualifizierungsebenen im Rahmen der Gesundheitsbildung werden sichtbar:
- Die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit: Die Wirkung der Stoffe auf den eigenen Körper, Seele und Geist erfahren, protokollieren. Von dieser subjektiven Erfahrung her die persönlich richtige Ernährung entwickeln. Neben der Selbstwahrnehmung gilt es die Fremdwahrnehmung im Gruppenprozess zu stärken.
- Das Verstehen von Alltagsgewohnheiten: Alltägliche Gewohnheit wiederholt sich regelmäßig, es sind Handlungen, die unreflektiert geschehen. Die Stabilität der Essgewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, erklärt sich durch ihr frühes Entstehen, die Verknüpfung mit Sinneserlebnissen, Gefühlen und erlebter sozialer Atmosphäre.
- Das Herstellen biographischer Bezüge: Essgewohnheiten können oft ohne biographische Bezüge nicht verstanden werden. Das Aufspüren der Entstehung durch Verknüpfungen in der Essgeschichte ermöglicht Klärung der Zusammenhänge, Akzeptanz und somit Ansatzpunkte zur Veränderung.
- Das Verknüpfen von sinnlicher Wahrnehmung mit der Sinnhaftigkeit persönlicher Handlungsmotivation: Vor allem die Sinnesbildung von Geruch und Geschmack zum Gegenstand der Biographiearbeit machen, da Geruch, Geschmack und erlebte Atmosphäre die psychosozialen Aspekte des Essens und Trinkens im Lebenslauf mit den körperlichen Bedürfnissen verbinden. Beispielhaft wird auf diese Weise die Nähe zwischen Sinnen, Sinn und persönlicher Motivation alltäglichen Essverhaltens der Reflexion zugänglich gemacht.
- Das Erlernen von selbst organisierenden und vernetzenden Strukturen der Gesundheitsförderung: Zur persönlich richtigen Ernährung finden heißt, Fähigkeiten und Fertigkeiten aufzuspüren, die den Umgang mit Nahrung selbstverantwortlich organisieren helfen. Eingebunden in ein soziales Netzwerk erfährt der einzelne die Unterstützung seines gesundheitsförderlichen Handelns.
- Das Entwickeln von Essen, Trinken und Ernähren im Kontext institutioneller Gesundheitsförderung: Soziale Organisationen, wie z.B. Schulen, Betriebe, Krankenhäuser und Institutionen der Erwachsenenbildung.
Wenn, stellvertretend für andere Themenfelder der Gesundheit,
persönlich richtiges Essen und Trinken im Alltag sich nicht durch die
Umsetzung von disziplinär vermittelten Erkenntnissen verwirklicht, so
zeigt die Auseinandersetzung mit interdisziplinären Konzepten, dass
erfolgreiches Gesundheitshandeln eine "Könnensstruktur"
(Homfeldt/Schulz 11996) im einzelnen Menschen, in Gruppen und
Organisationen voraussetzt, die Ebenen der Wahrnehmung und des
Verstehens von Alltagsrealität, der Verarbeitung und Reflexion von
Information und Erkenntnis, der Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit
umfasst. Für die Entwicklung und Aneignung dieser Könnenstruktur
werden Vermittler benötigt, die eine pädagogische Ausbildung in der
Gesundheitsförderung entsprechend dem dargestellten Ausbildungskonzept
erfahren haben. Eine Befähigung zur Gesundheit ist nicht lehrbar,
sondern nur lernbar im Sinne einer Ausbildung, die die
Lernenden/Studierenden persönlich fordert und fördert (vergl.
Homfeldt/Schulz 1996; Blättner 1998).
In diesem Lernprozess wird das persönlich richtige Essen, Trinken,
Bewegen, Umwelt- und Mitweltverhalten schließlich nicht mehr das
Ergebnis von "Disziplin" und Kontrolle sein, die der Verstand
dominiert. Es wird Ausdruck eines Selbstverständnissen von Menschen,
Organisationen und Institutionen sein, das Richtige wie
selbstverständlich zu tun.
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Quelle: Gesundheit - Strukturen und Handlungsfelder
Loseblattwerk der Bundesvereinigung für Gesundheit e.V. (Hrsg.)






