Wie gesund ist gesunde Ernährung?
Ulrike GonderWissen Sie, wie man sich gesund ernährt? Und - tun Sie es auch? Ach so, Sie wüssten es schon, aber Sie halten nicht durch. Keine Sorge, Sie sind kein Einzelfall. Sie sind völlig normal. Nein, noch mehr Ernährungsaufklärung brauchen Sie sicher nicht, um sich gesund zu ernähren. Diese angeblich so gesunde Ernährung, die uns landauf, landab gepredigt wird, mit ihren Vitaminen, Ballaststoffen, Kalorien, Fetten und Spurenelementen funktioniert so nicht, sie geht an der Realität vorbei. Das System hat zu viele Widersprüche, Fehler und Mängel.
Experten-Botschaften hinterfragen
Wir sollen uns ausgewogen und abwechslungsreich ernähren, lautet die Botschaft der Experten. Schmecken darf es auch, aber bitte: deutlich mehr Zurückhaltung bei Fleisch, Salz, Fett, Alkohol, Süßigkeiten und Kalorien. Verboten ist das alles zwar nicht, aber man müsse halt schon sehr vernünftig damit umgehen. Wir bekommen heute mehr Ernährungsinformationen als je zuvor - doch 90% der Bundesbürger beklagen, die Aussagen seien widersprüchlich und schwer verständlich. Es wird Frühling, und auch in diesem Jahr schießen die Diäten wie Pilze aus dem Boden. Obwohl längst klar ist, dass sie die Zahl der Dicken eher mehren als mindern. Da stimmt doch etwas nicht. Lassen Sie uns einen kleinen Test machen: Meinen Sie, Kartoffeln und Nudeln machen dick? Falsch. Glauben Sie, mit Kalorienzählen und Lightprodukten kann man abnehmen? Geht nicht. Denken Sie, man müsse sich nur bewusster ernähren, um gesund zu bleiben? Vergessen Sie es. Sorgen Sie sich darum, genügend Vitamine aufzunehmen? Es gibt keinen Grund dafür. Fürchten sie, zuviel Cholesterin zu essen? Tun Sie es ruhig, es schadet nicht.
Essen ist ein Trieb
Essen ist ein Trieb und daher
willentlich schwer steuerbar. Die Auswahl der Nahrung und der
Appetit sind entwicklungsgeschichtlich älter als die sexuelle
Fortpflanzung. Sie sind im limbischen System, im Instinkt
verankert und dem Verstand auf Dauer nicht zugänglich. Dies ist
biologisch sinnvoll, es hat der Spezies Mensch das Überleben
gesichert, lange bevor es Ernährungsberater gab. Keiner gesteht
sich diesen Trieb gerne ein. Deswegen eignet sich dieses Gebiet so gut
für pseudoreligiöse Moral- und Selbstbeherrschungsvorstellungen.
Griff die Kirche einst nach unserem Unterleib, so legen uns heute
Diätapostel den Finger auf den Mund. Aber der Appetit lässt sich
nicht kontrollieren. Appelle an die Verbraucher, doch bitteschön
mehr Lust auf Gemüse als auf Gummibärchen zu entwickeln, sind
sinnlos. Je mehr wir darüber nachdenken, was wir nicht essen
sollen, desto begehrenswerter erscheint es uns. Alle
Diät-Erfahrenen können ein trauriges Lied davon singen. Wenn die
Gedanken beim Essen nur noch um Verbote, Sünden und Verstöße
kreisen, kann einem die Lust ganz schön vergehen.
Lassen Sie uns, bevor wir sehen, wie Ernährung funktioniert, wie sie
biologisch geregelt ist, genussvoll ein paar "heilige Kühe" des
Nährstoff-Denkens schlachten. Fangen wir mit den Kalorien an. Dieses
Maß der Verwerflichkeit wurde in den 60er Jahren salonfähig.
Seither weiß jedes Kind: Kalorien machen dick - wer dünn sein
will, muss Kalorien sparen. Genaue Zahlen mit den Kaloriengehalten
unserer Lebensmittel finden sich in umfangreichen Tabellen und
schmalen Heftchen für die Handtasche. Mit ihrer Hilfe werden
Würstchen und Eis zum Sündenfall, nur Salat und Mineralwasser
garantieren ein ruhiges Gewissen. Woher kommen diese ganzen Zahlen? Wer
hat sie wie ermittelt und vor allem: Lässt sich damit unser
täglich Brot beurteilen?
Heilige Kühe schlachten: Kalorienbomben
Kalorien werden in einem
Metallgefäß mit dicken Wänden, dem Bombenkalorimeter bestimmt.
Darin verbrennt man die Lebensmittel unter starkem Druck mit Hilfe
eines glühenden Drahtes. Die dabei entstehende Wärme-Energie lässt
sich präzise berechnen. Das Ergebnis wird in Kalorien oder Joule
angegeben. Nun isst der Mensch nicht nur, er geht auch auf´s
stille Örtchen. Wenn dabei etwas herauskommt, hat er folglich
nicht alle Kalorien seiner Speise "verbrannt". Also werden auch die
Ausscheidungen im Kalorimeter verschmurgelt und vermessen, die darin
ermittelten Kalorien vom vorher Gegessenen und Gemessenen abgezogen.
Das Ergebnis ist der Kaloriengehalt, der nachher in den Tabellen
steht.
Hier wird also versucht, menschliche Verdauungsvorgänge mit einem
Glühdraht und einem Metallgefäß zu simulieren. Für die Berechnung
des Brennwertes von Braunkohle oder Erdöl mag diese Methode noch
sinnvoll sein. Für die Ernährung eines lebendigen Wesens ist sie
wenig brauchbar. Schließlich ist der Mensch kein Kohleofen, in dem
nach jedem Essen die Flammen lodern. Im Stoffwechsel wird nichts
"verbrannt". Wie der Name sagt, werden die Stoffe aus der Nahrung
in andere Stoffe oder Energie umgewandelt - mit unterschiedlichen
Wirkungsgraden und angepasst an die Bedürfnisse des Individuums.
Doch nicht nur die Ermittlung der Kalorien ist mysteriös. Die in
Tabellen erscheinenden Zahlen sind natürlich nur
Durchschnittswerte. Als ob alle Mohrrüben gleich wären, egal wo
sie wuchsen, wann sie geerntet und wie lange sie transportiert
wurden. Unsere Lebensmittel stammen aus aller Herren Länder.
Schwer vorstellbar, dass sie alle den gleichen Kalorien-, Vitamin-
und Eiweißgehalt aufweisen sollen. Bei den Ballaststoffen, den
populären Garanten für eine gute Verdauung, schlugen die Experten
einen recht amüsanten Weg ein: Vor Jahre beschlossen sie, dass
Ballaststoffe keine Kalorien zu haben hätten, schließlich seien
sie unverdaulich. Dieser Beschluss scheint den Lebensmitteln bis
heute unbekannt zu sein. Ungeniert liefern Ballaststoffe wie
Pektin und Zellulose Kalorien. Zwar kann der Mensch sie nicht
verdauen, doch machen sich im Dickdarm Heerscharen von nützlichen
Bakterien darüber her. Dabei entstehen die "berüchtigten" Gärgase
und kurzkettige Fettsäuren. Letztere kann der Mensch zur
Energiegewinnung nutzen. So kommt es, dass das ehemals
kalorienfreie Pektin, ein Ballaststoff, der unter anderem in
Äpfeln vorkommt, heute etwa soviel Kalorien liefert wie Sahneeis.
Übrigens ist auch nicht bekannt, wie viel Kalorien der Einzelne
braucht. Tabellen jedenfalls lässt sich der Energiebedarf nicht
entnehmen, auch wenn in einschlägigen Zeitschriften immer wieder
behauptet wird, eine junge Frau mit leichter körperlicher
Tätigkeit benötige 2.000 Kalorien pro Tag. Als amerikanische
Forscher diese dubiosen Bedarfszahlen (sie stammen aus der ersten
Hälfte unseres Jahrhunderts) einmal nachprüften, fanden sie heraus,
dass der Energiebedarf eine sehr individuelle Größe ist: Er ist bei
jedem Menschen anders und unterliegt zudem noch erheblichen
Schwankungen. Selbst beim Vergleich von gleich schweren
Versuchspersonen schwankte der Kalorienbedarf zur Erhaltung der
Körperfunktionen (Grundumsatz) um 1.000 Kalorien. Sie sehen also,
Kalorienzahlen jeglicher Art sollten wir nicht allzu ernst nehmen
- sie verderben nur den Appetit.
Gebt der Vitamanie keine Chance
Nicht nur Kalorienzahlen sind
fragwürdig, auch zu den Empfehlungen bei Vitaminen und
Mineralstoffen ließen sich eine Menge Ungereimtheiten
zusammentragen. Ein paar Beispiele gefällig? Da steht auf einer
Packung mit Vitamin-E-Kapseln, sie dienten zur Vermeidung eines
Vitamin-E-Mangels. Was würden die Käufer wohl sagen, wenn sie wüssten,
dass es bei einem sonst gesunden Menschen gar keinen
Vitamin-E-Mangel gibt? Oder die Empfehlung, wir sollten doch mehr
Vollkornbrot essen, um unseren Vitamin-B1-Bedarf zu decken. Sonst
liefen wir Gefahr, einen Mangel zu erleiden, der schlimmstenfalls
in der Krankheit Beri-Beri endet. Zunächst: Wenn die Versorgung
mit Vitamin B1 wirklich so schlecht wäre, wie immer getan wird,
müsste zur Schließung dieser Lücke vor allem Schweineschnitzel und
Knoblauchbrot empfohlen werden. Das Schnitzel enthält sehr viel Vitamin
B1, und der Knoblauch verbessert dessen Aufnahme im Darm erheblich.
Andererseits ist gar nicht sicher, ob ein Mangel an Vitamin B1 auch
beim Menschen wirklich zu Beri-Beri führt, da dieses Phänomen an
Tauben und Hühnern untersucht wurde.
Ein weiterer Widerspruch: Auf der einen Seite heißt es, Frauen im
gebärfähigen Alter nähmen zuwenig Eisen auf. Dieses Spurenelement ist
Bestandteil des Blutes und am Sauerstoff-Transport beteiligt. Ein guter
Lieferant für Eisen ist Fleisch. Trotzdem lautet die offizielle
Empfehlung, nur 3 kleine Fleischmahlzeiten pro Woche zu essen.
Wird die Frau dann schwanger, erhält sie vom Frauenarzt meist ein
Eisenpräparat. Der hat nämlich festgestellt, dass gegen Ende der
Schwangerschaft der Eisenspiegel im Blut unter den Normwert sinkt.
Und dem muss ja wohl vorgebeugt werden. Oder? Vom biologischen
Standpunkt aus betrachtet hat die Absenkung des Eisengehaltes
einen Sinn: Das Eisen ist ein wichtiger Nährstoff für
Krankheitserreger. Und während der Geburt entsteht eine offene Wunde,
die das Risiko einer Infektion erhöht. Indem der Körper der Frau
gegen Ende der Schwangerschaft das verfügbare Eisen im Blut auf
ein Minimum reduziert, schützt er sich vor einer Infektion.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Unser Körper braucht Stoffe wie
Vitamine und Mineralstoffe. Und sie können Mangelkrankheiten
heilen. Allerdings wird ihre Bedeutung heute hoffnungslos
überschätzt. Der Vitamin- und Mineralstoffbedarf des Menschen ist
außerdem vielfach noch unbekannt. Empfehlungen wie "Erwachsene
sollten 150 Mikrogramm Folsäure pro Tag aufnehmen" beruhen auf
groben Schätzungen und Hochrechnungen. Und echte
Vitaminmangelkrankheiten sind in unseren Breiten äußerst selten.
Vollwertkost - voll gut?
Im Gegensatz zur Zahlen-Akrobatik
der klassischen Ernährungslehre setzt die Vollwertkost auf Natur:
Lasst unsere Nahrung so natürlich wie möglich, so lautet ihr
Leitsatz. Das klingt plausibel und gesund, doch auch bei dieser
Herangehensweise kann über das Ziel hinausgeschossen werden. Wer
sich nämlich an die Empfehlungen hält, viel Vollkorn und die
Hälfte seiner Speisen in roher Form (inklusive rohem Getreidebrei)
vertilgt, kann böse Überraschungen erleben. Vollkörniges führt
nicht selten zu geblähten Bäuchen, und vielen Menschen vergeht die
anfängliche Lust auf Rohkostplatten bald. Wie kommt´s? Offensichtlich
wehrt sich unser Körper gegen das, was so gesund sein soll. Und
das hat gute Gründe, biologische Gründe: Zur Erhellung der
finsteren Vorgänge im Körperinneren lade ich Sie zu einem kleinen
Ausflug ins nächste Kornfeld ein.
Kein Lebewesen wird gerne gefressen, auch eine Getreidepflanze nicht.
Wird sie von einer naschhaften Raupe erklommen, so muss sie sich
wehren, um zu überleben. Pflanzen haben im Laufe der Evolution
zahllose Abwehr-Strategien gegen hungrige Mäuler entwickelt. Sie
stumpfen beispielsweise die Beißwerkzeuge von Raupen mit ihren
rauen, Silikate enthaltenden Blättern ab. Oder sie knacken mit
Enzymen, die Chitin auflösen können, den Panzer von Käfern auf.
Oder sie vergiften ihre gefräßigen Feinde mit Diphenolen. Die
Strategie der Pflanzen heißt: Mache dich unbekömmlich! Bereite deinen
Feinden Bauchschmerzen! Dann lassen sie - normalerweise - alsbald von
dir ab. Jeder Pflanzenteil verfügt über ein ganzes Arsenal von
Schutzstoffen. So auch viele Samen, die pauschal als gesund
angepriesenen Getreidekörner. Sie enthalten aber nicht nur jene
allseits beworbenen wertvollen Vitamine, Ballaststoffe und
Spurenelemente, sondern auch eine ganze Reihe von Substanzen, mit
denen sich die Getreidepflanze vor Fraßfeinden zu schützen sucht -
egal ob Milben, Motten, Mäuse oder Menschen.
Nährstoffbremse Phytin
Einer der bekanntesten Schutzstoffe der Getreidepflanzen ist das Phytin. Es bremst die Verwertung von Mineralstoffen, Spurenelementen und wahrscheinlich auch von Vitamin B1. Zudem kann es Verdauungsenzyme blockieren. Das bedeutet, dass unser Körper die vielen wertvollen Substanzen aus dem rohen Korn gar nicht verwerten kann. Aus Gerste brauten bereits die Sumerer Bier, aus Roggen wird seit alters her mit Sauerteig Vollkornbrot gebacken, und vom Weizen entfernt man praktisch überall auf der Welt die Kleie und bäckt ein möglichst helles Brot daraus. Schon die alten Ägypter siebten die Kleie aus dem Weizenmehl. Nirgendwo auf der Welt wurden Gerste, Weizen und Roggen roh gegessen. Nur entspelzter Hafer wird üblicherweise relativ unverarbeitet, in Form von Flocken oder als Brei verzehrt. Es muss einen biologischen Sinn haben, wenn Menschen seit Jahrtausenden überall auf dieser Erde ihr Getreide ähnlich bearbeiten, zumal die Verfahren zum Teil sehr aufwendig sind: Wir mussten im Laufe der Evolution Müllerei, Brauerei und Bäckerei entwickeln, um das Getreide überhaupt als Nahrung nutzen zu können. Erst im Malzkasten der Brauer und im Gärbottich der Bäcker wird die Nahrung aufgeschlossen, ein Teil der Abwehrstoffe abgebaut und die Kost damit bekömmlicher. Dazu dienen Sauerteig, Maische, Hefe und die Hitze von Backofen und Kochtopf.
Wehrhaftes Grünzeug
Auch die Urahnen unserer Gemüse-
und Kartoffelpflanzen waren recht wehrhafte Kreaturen, die über
zahlreiche und sehr effiziente Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde
verfügten. Dass wir heute ungestraft einen kleinen Rohkostsalat
essen können, liegt schlicht daran, dass die Gehalte an
schädlichen Abwehrstoffen durch jahrtausendelange Züchtung stark
reduziert wurden. Häufig ziehen wir es dennoch vor, unser Gemüse
zu kochen. Kartoffeln beispielsweise müssen gekocht werden. Sie
enthalten unter anderem ein Gift namens Solanin. Mit dieser bitter
schmeckenden Substanz wehren sie sich nicht nur gegen Insekten: Bereits
200 Milligramm können einen Erwachsenen töten. Damit ist es so
giftig wie Strychnin. Da das Solanin recht hitzebeständig ist,
wird es beim Kochen nicht zerstört, sondern geht ins Wasser über.
Glauben Sie nun noch, es sei Zufall, dass wir Kartoffeln abgießen,
während die Brühe bei anderen Gemüsen für Suppen oder Saucen
Verwendung findet?
Beim Obst liegt der Fall anders: Pfirsichbäume und Erdbeerstauden sind
auf der Suche nach Verbündeten, die ihre Samen verbreiten. Dazu
umhüllen sie sie mit schmackhaften Köstlichkeiten: das
Fruchtfleisch ist der "Spediteurslohn" für den Transport der Samen
- so haben beide Lebewesen einen Nutzen davon. Auch die
Beliebtheit von Obst hat demnach biologische Gründe. In unseren
Breiten haben die Pflaumen-, Aprikosen-, Pfirsich-, Apfel- und
Birnbäume speziell an Säugetiere angepasste Früchte: Ihr reifes
Fruchtfleisch enthält keine Abwehrstoffe gegen Menschen. Das ist
der Grund, warum wir diese Obstsorten auch ohne Ernährungsberatung
seit jeher gerne frisch essen. Mit Vitaminreichtum hat das
herzlich wenig zu tun.
Genussgifte: mit Genuss vergiftet?
Ein anderes Phänomen, das genauer
zu untersuchen sich lohnt, sind die so genannten Genussmittel.
Mach einer nennt sie auch Genussgifte, als könne man sich mit
Genuss vergiften. Wie kommt es also, dass Kaffee, Tee, Zucker,
Süßigkeiten, Wein und Bier und all die anderen "Sünden" zwar in
den Anleitungen zur "gesunden Ernährung" kaum Platz finden, dass
die Menschheit sie jedoch dessen ungeachtet gerne genießt und
offenbar nicht davon lassen kann? Willensschwäche, Bildungsresistenz
und mangelnde Aufklärungsbereitschaft sind sicher nicht schuld
daran. Ein Schlüssel zur Erklärung liegt wieder in der Biologie:
Diese Genussmittel haben eine Funktion. Und ihr Verzehr hat viel
mit der Sonne und dem Wohnort zu tun. Das Licht, das uns die Sonne
sendet, ist ein ganz wesentlicher Regulationsfaktor in unserem
Leben.
Natürlich beeinflusst es auch unseren Stoffwechsel. So steuert das
Licht zum Beispiel die Bildung von Serotonin im Gehirn. Serotonin
ist ein Botenstoff, eine Substanz von vielen, die Informationen
von Nervenzelle zu Nervenzelle vermitteln. Es greift zum Beispiel
in unseren Wach-Schlaf-Rhythmus ein, sorgt für Wohlbefinden und
wirkt Depressionen entgegen. Im hellen Tageslicht wird viel
Serotonin gebildet. Während der Nacht baut der Körper Serotonin zu
Melatonin um, das uns schläfrig macht.
Außer dem Licht beeinflussen Substanzen wie z. B. Coffein, Zucker und
Alkohol den Serotoninspiegel. Die ersten beiden fördern seine Bildung,
während der Alkohol den Abbau verzögert. Dämmert Ihnen jetzt, warum wir
vor allem morgens unbedingt erst mal einen Kaffee brauchen? Warum
wir gerne abends ein Bierchen trinken? Warum wir um die
Weihnachtszeit, wenn die Tage in unseren Breiten so unerträglich
kurz werden, in Plätzchen und Marzipan schwelgen? Ahnen Sie, warum
in den nordeuropäischen Ländern so viel Kaffee und Alkohol
getrunken und in den schattigen Alpentälern soviel Schokolade
verspeist wird? Der Mensch liebt seine Genussmittel, weil sie ihm zu
mehr Wohlbefinden verhelfen. Das ist keine Aufforderung zu
hemmungslosem Alkoholkonsum und Süßigkeitsorgien. Es soll nur
erklären, warum wir uns die Schokolade und das Viertele Wein so
schlecht verkneifen können. Wer seinen Genussmittelkonsum senken
will, sollte es einmal mit mehr Licht versuchen und öfter
rausgehen: Unser Leben in Büros und Wohnungen ist ein düsteres
Dasein. Die Lichtintensität in vielen Innenräumen entspricht nur noch
einem Tausendstel dessen, was ein heller Sommertag zu bieten hat.
Die eine richtige Ernährung gibt es nicht
Dies ist nur ein Beispiel dafür,
wie die Natur, wie biologische, durch die Evolution geprägte
Regelkreise unser Essverhalten beeinflussen. Die gängigen
Ratschläge zur gesunden Ernährung nehmen bislang wenig Rücksicht
auf diese Zusammenhänge. Was nützt der Tipp, sich die
Schokoladentafel einzuteilen, wenn die Körperchemie nach Süßem zur
Stimmungsaufhellung verlangt? Essen ist - wie eingangs gesagt - ein
Trieb. Es kann und es muss Spaß machen. Dabei schert sich der
Körper weder um die Ansicht von Gesundheitsberatern, noch um das
neueste Modevitamin. Die richtige Nahrung ist für unser Überleben
so wichtig, dass die Natur es nicht den Wissenschaftlern
überlassen konnte, einen einzig richtigen Weg zu beschließen.
"Die" richtige Ernährung für alle Menschen gibt es nicht. Jeder muss
seine Auswahl treffen, muss ausprobieren, was ihm bekommt und gut
tut. Wir sollten wieder lernen, auf unseren Appetit zu hören,
unserem Organismus zu vertrauen. Und traditionell erzeugte
Lebensmittel, wie zum Beispiel echtes Roggensauerteigbrot,
bevorzugen. Auf starre Ernährungsregeln und freudlose Ideologen
sollten wir schon aus gesundheitlichen Gründen verzichten.






