Zwischen Küche und Apotheke: was ist dran an Functional Foods?
Glaubt man der Werbung, reicht es
längst nicht mehr, wenn das Essen "nur" schmeckt.
Heutzutage muss außerdem noch eine Portion Gesundheit,
Wohlbefinden und natürlich Bequemlichkeit mitgeliefert
werden "all inclusive" sozusagen. Da gibt es Joghurts, die den
lästigen Mittagsspaziergang ersetzen sollen, Quarkspeisen, die der
trägen Darmflora auf die Sprünge helfen, Eier, die das Blut in
unseren Adern beschwingter fließen lassen, Säfte, die unseren
Wohlstandskörper bei der Krebsabwehr unterstützen und - besonders
verlockend - Süßigkeiten, die unsere Vitaminspeicher auffüllen.
Das Schönste aber ist, dass wir das alles im Supermarkt kaufen
können, wir müssen uns kein bisschen dafür anstrengen, keine
Ernährung umstellen, keine Diät einhalten, keine schlechten
Gewohnheiten aufgeben oder uns mehr bewegen: einfach zugreifen,
vom Regal in den Einkaufswagen, und schon lässt sich Gesundheit
auf Vorrat nachhause transportieren.
"Functional Food" heißt das Zauberwort der Lebensmittelbranche.
Darunter versteht man landläufig Lebensmittel, die aufgrund ihrer
Zusammensetzung einen "Zusatznutzen" versprechen. Eine gesetzliche
Definition für diese "funktionellen Lebensmittel" gibt es
allerdings nicht. Was genau steckt dahinter? Essen aus der
Retorte? Pharma-Food? Designer Food? Novel Food? Ja und Nein.
Zunächst: Essen aus der Retorte ist heute allgegenwärtig, es
betrifft nicht nur Functional Foods. Nur noch vier Prozent der
landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden unverarbeitet an den
Endverbraucher gebracht. Das heißt, dass 96 von 100 Möhren,
Kartoffeln, Kohlköpfen oder Äpfeln erst eine mehr oder weniger
heftige industrielle Verarbeitung über sich ergehen lassen müssen,
bevor sie auf dem Teller liegen. Eine handelsübliche Tütensuppe
ist von den landwirtschaftlichen Urprodukten sicher weiter
entfernt als ein "funktionelles" Milchprodukt.
Aufgrund der fehlenden Definition und der Begriffsvielfalt kann
sich hinter "Functional Foods" alles mögliche verbergen: ganz
normale Lebensmittel, die mit Nährstoffen oder "bioaktiven
Pflanzenstoffen" angereichert wurden. Oder Lebensmittel, die mit
Hilfe der Gentechnik in ihrer Zusammensetzung so verändert wurden,
dass sie keine Allergien mehr auslösen. Oder aber am Reißbrett
designte Snacks oder Drinks aus den Labors der Lebensmittelchemie.
Mit Vitaminen angereicherte Säfte gehören genauso dazu wie
probiotische Milchprodukte, Omega-Brote, Margarine mit
Pflanzensterolen oder ACE-Getränke. Ihnen gemeinsam ist der
versprochene "Zusatznutzen".
Sage mir, was du ißt ...
Zahllose Begriffe kursieren, wenn es um modernes Essen und Trinken
geht. Da sich die Bedeutungen oft überschneiden und verbindliche
Definitionen teilweise fehlen, fällt der "Duchblick" nicht immer
leicht.
Functional Food / funktionelle Lebensmittel
Lebensmittel, die einen gesundheitlichen Zusatznutzen versprechen.
Beispiel: Probiotische Milchprodukte sollen aufgrund ihres
Gehaltes an speziellen Bakterien die Darmfunktion unterstützen.
Designer Foods
ist der schwammigste Begriff von allen, denn damit kann alles
mögliches gemeint sein, das aus den Labors der
Lebensmitteldesigner stammt, von der Tütensuppe über das
Mikrowellenmenü bis hin zu gentechnisch erzeugten Lebensmitteln.
Novel Food / neuartige Lebensmittel
Diese Gruppe ist eindeutig definiert und EU-weit gesetzlich
geregelt (Novel-Food-Verordnung). Hierunter fallen alle
Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die in der EU bisher noch
nicht in nennenswertem Umfang verspeist wurden und
ï,§ gentechnisch veränderte Organismen enthalten, aus solchen
bestehen (Beispiel: transgene Tomate) oder daraus hergestellt sind
(Beispiel: Zucker aus gentechnisch veränderten Zuckerrüben)
ï,§ neue oder veränderte Moleküle enthalten (Beispiel: neuartige
Süßungsmittel)
ï,§ aus Mikroorganismen, Pilzen oder Algen isoliert wurden oder aus
solchen bestehen (Beispiel: Einzeller-Proteine aus Schimmelpilzen)
ï,§ bisher nicht als Lebensmittel üblich waren (Beispiel: exotische
Früchte, Heuschrecken)
ï,§ mit neuartigen Verfahren hergestellt wurden (Beispiel:
Hochdrucksterilisation)
Lebensmittel, die dieser Verordnung unterliegen, bedürfen einer
Anmeldung oder einer Zulassung. Würde sie erst heute auf den Markt
kommen, müßte auch die neuseeländische Kiwi als "novel food"
angemeldet werden.
Gen-Food
Lebensmittel oder Zutaten, die mit Hilfe der Gentechnik
hergestellt wurden (Beispiel: gentechnisch gewonnenen Enzyme,
transgener Mais). Sie unterliegen z.T. der Novel Food Verordnung
und sind z.T. kennzeichnungspflichtig.
Nahrungsergänzungsmittel
Sie gelten als Lebensmittel, obwohl sie z.B. in Pillen- und
Kapselform angeboten werden. Die Abgrenzung zum diätetischen
Lebensmittel oder freiverkäuflichen Arzneimittel ist oft
schwierig, eine EU-weite Regelung fehlt. Bekannte
Nahrungsergänzungsmittel sind z.B. Taurin, Aminosäuren, L-Carnitin,
ß-Carotin, Vitamin E, Selen, Fischöl, Coenzym Q10.
Diätetische Lebensmittel
Lebensmittel, die für besondere Ernährunszwecke hergestellt
wurden: für Säuglinge und Kleinkinder, Diabetiker, Patienten, die
eine salzarme oder glutenfreie Kost benötigen sowie für
Übergewichtige und Sportler. Die Diät-Verordnung regelt die
Zutaten und die Kennzeichnung.
Von den genannten Gruppen abzugrenzen sind die freiverkäuflichen
Arzneimittel oder OTC-Produkte (over-the-counter): Diese
Arzneimittel gelten als "Nichtheilmittel", die u.a. die
körperliche Leistungsfähigkeit erhalten, die Gesundheit fördern
und Mangelerscheinungen vorbeugen sollen. Dazu gehören auch wieder
Nährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Alleine
für die letztgenannte Gruppe gaben die Deutschen 1997 rund 900
Millionen DM aus.
Probiotika: Werbung für den Darm
Zu den Rennern gehören unzweifelhaft die so genannten pro- und
präbiotischen Milchprodukte, allen voran Actimel von Danone und
LC1 von Nestlé. Probiotisch heißt soviel wie "für das Leben" und
bezeichnet Milchprodukte, denen speziell gezüchtete Bakterien
zugesetzt werden, um die Darmfunktion zu beeinflussen. Von
Präbiotika spricht man, wenn zusätzlich noch "Futter" für die
Bakterien (sog. Oligosaccharide) mit hineingepackt wurde.
Angesichts des Marktpotenzials dieser Produktgruppe gerät die
Unternehmensberatung Frost & Sullivan ins Schwärmen: Der Markt für
prä- und probiotische Milchprodukte in Europa befinde sich weiter
im Aufschwung. Es wird erwartet, dass die Umsätze von 2,4
Milliarden Dollar im Jahr 1999 bis 2006 auf knapp 6 Milliarden
Dollar ansteigen. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate
von mehr als 13%. Die Berater empfehlen, weiterhin in
Werbekampagnen zu investieren, denn "bis das gesamte Potenzial
ausgeschöpft werden kann, ist bei den potenziellen Konsumenten
noch mehr Überzeugungsarbeit zu leisten."
Diese "Überzeugungsarbeit" nutzt geschickt die Ängste der
Verbraucher um ihre Gesundheit und den Wunsch nach bequemer
Fitness. Die Werbung verspricht, dass die probiotischen Joghurts
unsere körpereigenen Darmbakterien, die sogenannte Darmflora,
günstig beeinflussen und auf diesem Weg das Immunsystem stärken,
vor Krankheiten schützen und das Wohlbefinden erhöhen. Wenn es
nicht explizit gesagt wird, so sprechen die Bilder für sich.
Vielleicht kennen Sie den Werbespot, der so sehr einer Reklame für
ein Rohrreinigungsmittel ähnelt: Auf dem Bauch einer Dame, die
gerade genüsslich ihr Probiotikum getrunken hat, erscheint eine
Trickaufnahme, die den Darm wie ein Syphon abbildet. Die
einfließenden Bakterien reinigen diese "Rohr" und machen es wieder
durchgängig.
Wie viel verstopfte und übergewichtige Damen werden da aufgeatmet
und im nächsten Supermarkt das beworbene Produkt erstanden haben?
Die Frage ist, hat es ihnen genutzt oder nur das Portemonnaie
erleichtert? Vermutlich letzteres. Denn wenn es um Beweise für die
versprochenen gesundheitlichen Wirkungen geht, wird die Luft sehr
schnell sehr dünn. Zunächst: Da die Bakterien im Darm äußerst
wichtig für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden sind, war die
Idee, Bakterien zur Gesundheitsförderung einzusetzen, gar nicht
übel (allerdings auch nicht neu). Problematisch ist nur, dass wir
noch nicht einmal die Zusammensetzung und die Funktionen einer
normalen Darmflora kennen und viel zu wenig über die vielen
Milliarden Mitbewohner in unseren Gedärmen wissen, als dass wir
sie in "gut" und "böse" einteilen und gezielt eingreifen könnten.
Das zweite Problem ist, dass sich eine gesunde Darmflora vehement
gegen Neuankömmlinge wehrt, so dass sich die probiotischen Keime
nicht dauerhaft in unserem Darm ansiedeln können. Das heißt, wenn
sie überhaupt wirken sollen, dann nur "auf der Durchreise". Unter
Marketinggesichtspunkten ist das eigentlich gar nicht schlecht,
denn es bedeutet, dass die Produkte täglich verzehrt werden
müssen, wenn sie etwas bewirken sollen. Ein Schelm, wer Böses
dabei denkt...
Probiotika: der Griff ins Klo
Probiotische Bakterien sollen uns die Joghurts der neuen
Generation schmackhaft machen. Doch mit gutem Geschmack haben die
Keime nicht viel zu tun, denn bei der Geschmacksbildung stören sie
bestenfalls. Etwas anrüchig ist auch ihre Herkunft: Weil man
sichergehen wollte, dass sie sich im menschlichen Darm wohl
fühlen, stammen die meisten probiotischen Keime ursprünglich genau
daher: aus dem Darm.
Doch auf ihrem Weg durch unseren Körper scheinen sich die
probiotischen Keime nicht viel um die Gesundheitsversprechen ihrer
Verkäufer zu scheren: Zwar gibt es reichlich Tierversuche und
Tests im Reagenzglas, doch wenn es um harte Fakten am lebendigen
Menschen geht, bleibt nicht viel übrig: Lediglich bestimmte
virusbedingte Durchfälle im Kindesalter sollen die Probiotika
nachweislich verkürzt haben. Zwar halfen sie auch, bei Menschen
mit einer Milchzucker-Unverträglichkeit (Lactoseintoleranz) die
Verwertung von Milchzucker zu verbessern, doch das können
"un-probiotische" Joghurts auch, sofern sie lebende
Bakterien enthalten.
Ansonsten bleiben nur Spekulationen und theoretische Überlegungen:
Weder verhinderten die Probiotika Allergien, noch konnten sie den
Cholesterinspiegel senken. Da halfen auch präbiotische Zusätze
nichts. Im Gegenteil: Das für den Menschen unverdauliche
Bakterienfutter, meist aus Resten der Soja-, Zichorien- und
Artischockenverarbeitung hergestellt, führte bei vielen zu
Blähungen, Völlegefühl und Durchfällen. Insofern profitieren wohl
wenigstens die verstopften Zeitgenossen.
Tatsächlich gibt es aber Hinweise auf eine schädliche Wirkung der
probiotischen Keime, denn sie scheinen in der Lage zu sein, die
körpereigene Darmflora zu schädigen: In einem kleinen Versuch mit
zwölf Freiwilligen verdrängten sie ausgerechnet jene Bakterien aus
dem Darm, die als besonders gesundheitsförderlich gelten. Der
Effekt hielt sogar an, und niemand kann sagen, wie lange die
körpereigene Bifidaflora der Teilnehmer brauchte, um sich wieder
zu erholen.
Schlimmer kann es bei Kranken kommen: Nachdem der Wiener
Immunspezialist Wolfgang Graninger zeigen konnte, dass Probiotika
bei immungeschwächten Patienten lebensgefährliche Erkrankungen wie
Hirnhautentzündungen, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen
auslösen können, war für die Chefärztin des Wiener
Hanusch-Krankenhauses das Maß voll: Sie verbannte probiotische
Produkte aus der Krankenhausküche. Verzicht übte auch die
Andechser Bio-Molkerei Scheitz. Sie stellte ihre probiotische
Linie aufgrund der unklaren Datenlage wieder ein.
Von alledem hört der gesundheitsbewusste Verbraucher nichts. Auch
über einen anderen Effekt schweigt die Branche geflissentlich: In
der Tierhaltung wurden Probiotika als "natürliche" Alternative zu
antibiotischen Leistungsförderern getestet, das heißt als
Masthilfe. Zumindest bei Ferkeln verliefen die Tests erfolgreich,
sie nahmen ebenso gut zu wie mit Antibiotika. Müssen Sie sich
jetzt Sorgen machen, falls Sie bereits Probiotika gegessen haben?
Vermutlich nicht, denn Tests handelsüblicher Joghurts haben
ergeben, dass sie meist viel zu wenig Bakterien enthielten, um
eine Wirkung zu erzielen: Die kleinen "Lebenshilfen" hatten zum
Zeitpunkt des Verzehrs längst das Zeitliche gesegnet.
Juristisch fragwürdig
Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Denn die Industrie
hat gar kein großes Interesse an einer nachgewiesenen
Gesundheitswirkung. Das gilt im Prinzip für alle Functional Foods.
Denn würden die Produkte halten, was die Werbung suggeriert, wären
sie apothekenpflichtige Arzneimittel, die umfangreich geprüft und
zugelassen werden müssten. Eine nachgewiesene therapeutische
Wirkung wäre daher das Ende des Verkaufs im Supermarkt. Da
investieren die Hersteller lieber in Werbekampagnen - und der
Erfolg in den Supermarktregalen gibt ihnen im Grunde recht.
Damit sind wir beim eigentlichen Problem angelangt: bei den
gesundheitlichen Versprechen, dem Kernpunkt jedes Functional
Foods. Genau mit diesen Versprechen befinden sich die Produkte in
der juristischen Grauzone. Denn §18 des Lebensmittel- und
Bedarfsgegenständegesetzes, kurz LMBG, verbietet jegliche
gesundheitsbezogene Werbung auf Lebensmitteln. Dazu gehören alle
Aussagen, "die sich auf die Beseitigung, Linderung oder Verhütung
von Krankheiten beziehen". Genau das aber tun Functional Foods.
Und deshalb arbeiten die Lobbyisten und Anwälte derzeit hart
daran, diesen Paragraphen aufzuweichen. Unsere
Lebensmittelüberwachung bleibt derweil seltsam untätig. Ob ihr die
Werbe- und Umsatzmilliarden der Konzerne die Sprache verschlagen
haben?
ACE-Getränke: mehr als saftig
Gesundes Joghurt soll durch Probiotika noch gesünder werden, und auch der gute alte Orangen- oder Apfelsaft scheint ausgedient zu haben: Heute gibt es regelrechte "Multifunktionssäfte", die z.B. mit Ballaststoffen angereichert sind, um die Verdauung anzuregen, oder die Polyphenole aus grünem Tee enthalten, die uns so gesund wie die Japaner machen sollen. Sogenannte ACE-Getränke sollen freie Radikale fangen. Freie Radikale haben nichts mit Politik zu tun, es handelt sich vielmehr um aggressive Substanzen, die für Herzinfarkt, Krebs und das Altern verantwortlich gemacht werden. Stoffe, die freie Radikale abfangen, werden als Antioxidantien bezeichnet. Diese Fähigkeit besitzen zwar sehr viele Substanzen, vom Zigarettenrauch bis hin zum Traubenzucker, doch gilt das Interesse der Ernährungswissenschaft ausschließlich einigen antioxidativ wirkenden Vitaminen, wie eben Vitamin A (bzw. seiner Vorstufe ß-Carotin), C und E.
Aggressiv, aber unpolitisch: freie Radikale
Freie Radikale sind Atome, Moleküle oder Ionen mit einem
ungepaarten Elektron. Dieser Zustand macht sie äußerst
reaktionsfreudig und aggressiv. Sie greifen andere Verbindungen
an, um ihnen ein Elektron zu entreißen (d.h. sie oxidieren sie):
Auf diese Weise entsteht ein neues Radikal, das seinerseits nach
Elektronen "jagt". Es entsteht eine Kettenreaktion.
Radikale sind seit Urzeiten mit dem Leben auf dieser Erde
verbunden: Sie entstehen besonders leicht durch Sonnenlicht oder
in Gegenwart von Eisen. Ohne Sonne gäbe es kein Leben und ohne
Eisen kein Blut. Sowohl die Photosynthese der Pflanzen als auch
die Energiegewinnung in der Atmungskette verlaufen über
zahlreiche, aufeinander abgestimmte radikalische Zwischenstufen,
die dem geordneten Elektronentransport dienen. Nützlich sind die
freien Radikale auch bei der Krankheitsabwehr: Der Körper bildet
die aggressiven Moleküle, um die Erreger abzutöten. Natürlich
treten auch unerwünschte Wirkungen auf: Manche Radikale sind
mutagen und cancerogen, das heißt, sie greifen die Erbsubstanz an
und fördern die Krebsentstehung. Auch das Ranzigwerden von Fett
beruht auf einer radikalischen Reaktion.
Deswegen erfreuen sich genau diese Antioxidantien steigender
Beliebtheit. Nicht nur in Säfte werden sie gemixt, sie sind auch
einzeln oder in Kombination im Angebot "zur Nahrungsergänzung",
"zur Unterstützung der körpereigenen Abwehrkräfte", als
"Radikalfänger" und "Zellschutz". Gesundheitsbewusste haben die
Wahl zwischen Kapseln zum Schlucken, Lutsch-, Kau- und
Brausetabletten.
Was die wenigsten wissen: Diese Substanzen kommen zu genüge in
unserer Nahrung vor, nicht nur in Obst, Gemüse und Pflanzenölen,
sondern auch im "Essen aus der Retorte": In vielen
Fertigprodukten, ob Tütensuppe oder Mikrowellenmenü, werden sie
zur Haltbarmachung und Färbung eingesetzt. Sie bewahren
Kartoffelchips, Schönheitscremes und Kaugummis vor dem
Ranzigwerden. Aber helfen sie auch, den "inneren Verderb"
ängstlicher Zeitgenossen zu verhindern?
Die bisher vorliegenden Studien sprechen klar dagegen: Während die
meisten Untersuchungen schlicht die Wirkungslosigkeit der
antioxidativen Vitamine belegen, ist die Situation beim ß-Carotin
besorgniserregend: Im Glauben an seine Schutzfunktion verabreichte
man jahrelang hochdosiertes ß-Carotin in Pillenform an
Risikogruppen, um ihr Lungenkrebs- und Herzinfarktrisiko zu
senken. Doch die Ergebnisse waren schockierend:
- In der Finnland-Studie mit 30.000 männlichen Rauchern, die acht Jahre lang Vitamin E und ß-Carotin erhalten hatten, war sowohl das Lungenkrebsrisiko (+18%) als auch die Gesamtsterblichkeit (+8%) gestiegen.
- Die CARET-Studie, bei der 18.000 Raucher und Asbestarbeiter ß-Carotin und Vitamin A erhielten, wurde vorzeitig abgebrochen, weil Lungenkrebsrate (+28%) und Sterblichkeit (+17%) ebenfalls gestiegen waren.
Wie kommt es zu derart
katastrophalen Ergebnissen? Sie resultieren aus der Natur dieser
Antioxidantien: Die "Radikalfänger" werden bei ihrem Job, Radikale
zu fangen, selbst zum Radikal. Sie sind zwar relativ beständig -
aber nur in niedriger Dosis! Hoch dosiert bewirken praktisch alle
Antioxidantien das Gegenteil: Sie beschleunigen die Oxidationen
und den Verderb. Das Motto "viel hilft viel" gilt für
Antioxidantien nicht.
Die einzige positive Nachricht in Sachen ß-Carotin betrifft eine
Studie mit 22.000 Ärzten. In dieser relativ gesundheitsbewussten
Gruppe, in der nur 11% rauchten, richtete ß-Carotin wenigstens
keinen Schaden an. Es half aber auch nicht, weder gegen Infarkt,
noch gegen Krebs. Der leitende Mediziner Charles Hennekens von der
renommierten Harvard-Universität bezeichnete die Studie als die
"größte Enttäuschung meiner Laufbahn".
Beim derzeitigen Stand der Forschung müsste vor der Einnahme von
hoch dosierten Antioxidantien eigentlich gewarnt werden. Dies gilt
zwar in erster Linie für Pillen und Nahrungsergänzungsmittel. Doch
wer viele ACE-Säfte, vitaminierte Joghurts, Süßigkeiten,
Softdrinks und andere Functional Foods konsumiert, kann die Grenze
zwischen Gut und Böse auch irgendwann überschreiten. Zumal unsere
herkömmlichen Lebensmittel ausreichen, um den Bedarf an Vitaminen
und anderen "bioaktiven Pflanzenstoffen" zu decken. "Wenn Vitamine
über längere Zeiträume regelmäßig eingenommen werden, sehen wir
heute toxische Effekte bei immer kleineren Dosen", so der Chef der
obersten französischen Gesundheitsbehörde. Deswegen ist die EU
inzwischen bestrebt, Obergrenzen für vitaminierte Produkte
einzuführen.
Wer vitamin- und antioxidantienreich essen möchte, kann getrost
bei Obst und Gemüse, Fisch, Fleisch, Käse, Brot und Wein bleiben:
Normalerweise kann man sich damit keine Überdosis zuführen. Und
wer einen Mangel hat, gehört zum Arzt, der nach einer vernünftigen
Diagnose eine angemessene Vitaminmenge verabreichen kann.
Schließlich gehen wir mit einem Beinbruch auch nicht in den
Supermarkt.
Margarine fürs Herz?
Aber vielleicht, wenn wir unser Herz vor dem bösen Cholesterin der Butter schützen wollen? Um es kurz zu machen: Die Margarine ist bis heute den Beweis dafür schuldig geblieben, dass sie vor Herzinfarkt schützt. Das können auch die allerneusten "funktionellen" Margarinen nicht. Nachdem sie in USA und Finnland schon einige Zeit zu haben sind, kam in Deutschland erst kürzlich "ProAktiv" aus dem Hause Unilever auf den Markt. Diese Margarine enthält pflanzliche Sterole, die in der Lage sind, bei regelmäßigem Verzehr den Cholesterinspiegel zu senken. Das ist nachgewiesen. Aber: Was der Verbraucher erwartet, ist, dass gleichzeitig sein Herzinfarktrisiko sinkt. Aber darüber gibt es noch keine einzige Studie. Im Gegenteil: Es existieren Hinweise darauf, dass zumindest die älteren Margarinen das Infarktrisiko erhöht haben. Ob sie durch die pflanzlichen Sterine der neuen Generation gesünder werden, darf daher bezweifelt werden.
Was tun?
Wer gelegentlich zu Functional Foods greift, braucht sich keine Sorgen zu machen: Ein gesunder Körper hält viel aus. Doch im Grunde brauchen wir die meisten dieser "neuen" Lebensmittel nicht wirklich. Bei allergenarmem Reis, wie er gerade in Japan entwickelt wird, oder bei vitaminierten Lebensmitteln für Länder mit unzureichender Ernährung mag die Bewertung völlig anders aussehen. Doch bei uns im Wohlstand sind "Functional Foods" eher als Marketingerfolg denn als gesundheitliche Notwendigkeit einzustufen. Zumal unsere ganz "normalen" Lebensmittel im Grunde auch Functional Food sind: Viele "funktionelle" Inhaltsstoffe, die für den gesundheitlichen Zusatznutzen der neuen Produkte verantwortlich gemacht werden, sind eben diesen ganz gewöhnlichen Lebensmitteln entnommen, geliehen sozusagen:
- Inulin (Präbiotikum) aus Zichorien
- Isoflavonoide aus Sojabohnen
- Isothiocyanate aus Kohl
- konjugierte Linolsäuren aus Rindfleisch und Butter
- Lycopin aus Tomaten
- Limonen aus Zitrusschalen
- Omega-3-Fettsäuren aus fettem Fisch
- Catechine aus Tee und Schokolade
- Resveratrol aus Wein
Da viele Lebensmittelinhaltsstoffe unter bestimmten Bedingungen pharmakologische Effekte ausüben, nimmt man sie aus dem ursprünglichen Gefüge heraus und reichert sie in "neuen" Produkten an: Butter und Rindfleisch gelten vielfach als ungesund, und so peppen ihre Linolsäuren nun das Image von Margarine auf. Fischöle stecken plötzlich in Brot und in Eiern. Was der Industrie gestern noch Kosten für die Entsorgung verursachte (Präbiotika), wird morgen mit gesundheitlichem Zusatznutzen verkauft. Ob´s tatsächlich gesund war, wird die Zukunft zeigen. Mögen Sie etwas Süßes zum Schluss? In China wurde ein Gesundheits-Bonbon für Fernsehgucker patentiert. Außer Zucker enthält es laut Patentschrift Tee-Polyphenole, die vor "Strahlenschäden" schützen sollen, "wie sie mit dem Fernsehen verbunden sind".






