Sollen wir auf Fleisch verzichten?
Verseuchte Böden, eutrophierte Gewässer, Hormone im Schnitzel, überzüchtete Schweine, monströse Euter und immer mehr Hunger auf der Welt - die Liste negativer Folgen, die der Massentierhaltung zugeschrieben werden, ist lang. Dazu kommen die unsäglichen Bedingungen, unter denen noch immer viele Tiere gehalten, transportiert und getötet werden. Da drängt sich die Frage auf, was passieren würde, wenn wir keine Tiere mehr äßen. Wäre die (Um-)Welt dann in Ordnung?
Vegetarisch = paradiesisch?
Zunächst: Nicht alle Nutztiere werden in
Massenhaltung aufgezogen und erzeugen Umweltprobleme. Neben der
Subsistenzwirtschaft in den Entwicklungsländern gibt es auch in Europa
Landstriche wie das Allgäu, wo die Böden zwar Weidewirtschaft, aber keinen
Ackerbau erlauben. Tiere, die hier aufgezogen werden, stehen nicht in
Nahrungskonkurrenz zum Menschen. Ein Verzicht auf sie erhöht weder die
Verfügbarkeit pflanzlicher Nahrungsmittel, noch hilft er, den Welthunger zu
mindern.
Auch wäre ein globaler Fleischverzicht völlig unrealistisch.
Nach Angaben der FAO hat die Fleischerzeugung in den Entwicklungsländern die
Produktion der Industrienationen längst überflügelt. In Asien wächst der
Verbrauch von Schweinefleisch, Geflügel und Eiern rapide - niemand will sich
mehr mit einer Schale Reis zufrieden geben. Angesichts dieser weltweiten
Entwicklungen wäre selbst ein deutschland- oder europaweiter Verzicht auf
Fleisch und Wurst nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, denn das
eingesparte Getreide würde vermutlich in China verfüttert. Experten schätzen,
dass Chinas jährliche Getreideimporte in nur zwei Jahrzehnten 100 Millionen
Tonnen erreichen werden - die Hälfte dessen, was derzeit weltweit gehandelt
wird. Dieser gigantische Bedarf wird den Weltmarkt in Aufruhr versetzen, denn
kaufen können nur Nationen, die genug Geld haben.
Artgerechte Tierhaltung
Eine ganz andere Frage ist, ob wir uns angesichts des
Elends vieler Tiere weiterhin einen so hohen Fleischkonsum wie bisher leisten
wollen. Ohne die steigende Nachfrage nach immer mehr und immer billigerem
Fleisch und ohne die grenzenlose Profitgier einiger Tierhalter hätten wir
Probleme wie BSE, Tiertransporte und Hühnerbatterien vermutlich nicht. Bei
Hühnern und Eiern wird es eine "bessere Welt" ohne Verzicht sicher nicht geben.
Denn wollten wir unseren derzeitigen Eierkonsum beibehalten und gleichzeitig die
Hennen artgerecht halten, müssten wir weite Teile unseres Landes in einen
Hühnerhof verwandeln - mit verheerenden ökologischen Folgen.
Bei
Schweinen sieht es schon anders aus. Längst gibt es Ställe, die es erlauben,
auch tausend Tiere artgerecht und gesund zu halten. Ihre weite Verbreitung
scheiterte bisher offenbar an den etablierten Stallbauern, die um ihre
Marktanteile fürchten. Dank vieler ökologisch arbeitender Betriebe und anderer
Landwirte, die sich Gedanken um die ihnen anvertrauten Kreaturen machen, gibt es
heute immer mehr artgerecht gehaltene und "human" getötete Tiere. Unsere Aufgabe
als Verbraucher ist es, die so erzeugten Produkte nachzufragen - auch wenn es
etwas teurer ist und zu weniger Fleisch auf dem Teller führt. Letzteres kann uns
nicht schaden und mal ehrlich: Wir sollten unsere Nutztiere so halten, dass wir
uns nicht dafür schämen müssen.






