|
“Corporate Wellness” in Kanada: Konsequenter Übergang zur betrieblichen Gesundheitsförderung neuen Stils
von Gisela Malich, M.A., Wesseling (EWU)
Unter Fachleuten ist das Wort Wellness die inzwischen weltweit geläufige Kurzformel für eine ganzheitliche, wissenschaftlich abgesicherte und zugleich praxisbezogene Lebensrezeptur. Sie zielt auf das größtmögliche körperliche, geistige und seelische Wohlbefinden der Menschen in allen ihren Daseinsbereichen ab. Das gilt nicht zuletzt für den Arbeitsplatz – vielfach mehr Erleidens- als Erlebensraum der Berufstätigen.
Das Wellness-Konzept entstand vor nunmehr fast 30 Jahren in den USA. Es war eine Reaktion von Gesundheitswissenschaftlern, Gesundheitspolitikern, Krankenversicherungen, Wirtschaftsrepräsentanten sowie anderen verantwortungsbewussten Personen und Institutionen auf krankmachende Fehlentwicklungen westlicher Wohlstands- und Leistungsgesellschaften.
Das Nachbarland Kanada zeigte sich davon zunächst wenig beeindruckt. Erst als im Zuge der weltwirtschaftlichen Globalisierungsvorgänge die dortige Volkswirtschaft sogar auf den heimischen Märkten an Konkurrenzfähigkeit spürbar einbüßte, wurden die inzwischen weit vorauseilenden Konzepte anderer Länder und Kontinente (einschließlich des „Europäischen Wellness Modells“) systematisch in ein eigenes Programm umgesetzt.
Der seitherige Kurswechsel geschah zielstrebig und zügig. Schon nach wenigen Jahren erfolgte – 1997 – die erste Bestandsaufnahme und Programmfortschreibung in der Form einer Fachkonferenz, gefolgt von inhaltlich noch anspruchsvolleren Folgeveranstaltungen.
Strategische Vorgehensweise
Obwohl erheblich später als im Nachbarland USA, gelang den Kanadiern dann doch recht kurzfristig die Entwicklung einer zukunftsweisenden Strategie, welche inzwischen sogar internationale Maßstäbe setzt. Auch hier gehört zu den Erfolgsvoraussetzungen der – in Europa noch nicht umfassend erzielbare – Konsens aller „Sozialpartner“ im weitesten Sinne des Ausdrucks. Damit sind vor allem gemeint:
- zentrale Regierungsstellen und regionale Behörden
- Arbeitgeber und deren Organisationen
- Arbeitnehmer und ihre Interessenvertreter
- Krankenkassen, Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen,
- sonstige gesundheitsbezogene Berufe (einschließlich der Werksärzte)
- Bildungs- und Schulungsinstitutionen
- private Beratungsfirmen.
Besonders wichtig für den raschen Aufbau dieses Netzwerks war die Annäherung der Einstellungen von Arbeitgebern und Personalvertretungen zu dem Konzept. Zuvor hatten die meisten Unternehmen den Nutzen von Investitionen in das individuelle Wohlbefinden ihres „Humankapitals“ geringer als deren Kosten bewertet. Die Gewerkschaften wiederum argwöhnten, dass derartige Angebote des Managements nichts anderes seien als ein spätkapitalistischer Ausbeutungsversuch gegenüber den Werktätigen, deren Arbeitsfähigkeit nur deswegen hochgepäppelt werden solle. Es gelang, das frühere beiderseitige Misstrauen zu überwinden. Der Vorsitzende einer modernen Industriegewerkschaft drückte es danach so aus: „A strong economy lays the base for more wealth to share“ (frei übersetzt: Wenn es der Wirtschaft gut geht, lässt sich mehr Wohlstand teilen).
Health, Work & Wellness Conferences
Beginnend mit der bereits erwähnten Auftaktveranstaltung 1997, finden seither alljährlich derartige Konferenzen statt. Den zielbewusst eingeschlagenen Erfolgskurs beeinflusste der perfekt vorbereitete Kongress 1998 in Whistler/ British Columbia. Unter der Leitung von Deborah Jones hatte das Organisationskomitee ein weit in die Zukunft weisendes Programm entwickelt, welches auch Erkenntnisse und Erfahrungen aus anderen Ländern einbezog.
Der Präsident der EUROPÄISCHEN WELLNESS UNION, Dr. Siegfried Malich, und die Verfasserin des vorliegenden Artikels folgten gern der Einladung, über vergleichbare Bestrebungen auf unserem Kontinent zu berichten. Beide übernahmen wunschgemäß drei Aufgaben:
- Mitwirkung an einer Podiumsdiskussion (mit Kurzreferaten) über die Rolle der Gewerkschaften in den Bereichen Sicherheit und Gesundheit, Arbeitsbedingungen, soziales Arbeitsumfeld sowie bei deren Weiterentwikklung zu modernen Wellnesskonzepten.
- Vortrag mit anschließender Diskussion zum Thema „From Workplace Safety to Corporate Wellness: Recent Trends of Occupational Health Culture in Europe’’ (Von der Arbeitssicherheit zu Wellness im Unternehmen: Neuere Tendenzen betrieblicher Gesundheitskultur in Europa).
- Teilnahme an den Beratungen über die Gründung eines kanadischen Netzwerks für Wellness im Beruf, zu deren Vorbereitung eine Satzung der EWU erbeten worden war.
Für kongresserfahrene Teilnehmer unterschied sich die Konferenz in Whistler von vergleichbaren anderen Tagungen durch eine besonders ausgeprägte Motivationsabsicht. Zwar spielten auch hier die Vermittlung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und der fachlich hochqualifizierte Austausch praktischer Erfahrungen eine bedeutende Rolle; sie waren aber unverkennbar eingebettet in ein übergeordnetes Ziel. Offensichtlich kam es den Organisatoren in erster Linie darauf an, die Weiterentwicklung und Verwirklichung ganzheitlicher Wellness-Konzepte für das Berufsleben in Kanada zu beschleunigen. Diesem Zweck dienten – neben den Fachbeiträgen – verschiedene andere Programmbausteine, beispielsweise:
- Selbstdarstellungen vorbildlicher Firmen, Institutionen und Organisationen. Besonders eindrucksvoll war ein Bericht der Lebensversicherung Canada Life. Das Unternehmen hatte im Laufe vieler Jahre ein anfängliches Fitnessprogramm konsequent zum ganzheitlichen Wellnessangebot ausgebaut. Ergebnis: Abnahme der Krankmeldungen, verminderte Absentismusraten, Rückgang der Kündigungen, verbessertes Betriebsklima und erhöhte Produktivität. Der Aufwand für dieses Konzept stand zu dem hierdurch erzielten betriebswirtschaftlichen Nutzen im Verhältnis von 1 : 6,85. Canada Life übertraf damit sogar viele der als beispielhaft geltenden US-Firmen. *)
- Bekanntgabe der Liste der von neutralen Experten als besonders fortschrittlich eingestuften Unternehmen, Institute, Wohlfahrts- und Bildungseinrichtungen.
- Öffentlichkeitswirksame Ehrungen und Auszeichnungen nachahmenswerte Vorbilder, insbesondere Verleihung des Titels „Workplace Wellness Pioneer“.
 |
Internationale “Wellness Professionals” auf einem Blick (V.r.n.l.: Prof. Roy Shephard/Kanada, Dr. Siegfried Malich/Europa, Prof. Donald Ardell/USA
Folgekonferenzen 1999–2001
Der breit angelegten und richtungweisenden Grundlagenkonferenz in Whistler folgten seither thematisch konzentriertere Veranstaltungen. Auch diese dienten jedoch dem Zweck, aus gesamtwirtschaftlichen Erwägungen den Übergang auf ein höheres Niveau von Unternehmenskultur und beruflicher Selbstverwirklichung – im wohlverstandenen Interesse aller Beteiligten – zu beschleunigen.
- 1999 lautete das Leitthema des Kongresses in Vancouver „Growing Smart Companies“ (frei übersetzt: Wachstum für klug vorausschauende Unternehmen).
- 2000 ging es in Toronto um „Balancing Values with Economics“ (Individuelle Lebensqualität und Wirtschaftlichkeit ins Gleichgewicht bringen).
- Für 2001 – Ende Oktober in Calgary – wurde das Motto ausgegeben „Building Sound Investments“ (Gesunde Investitionen aufbauen).
Leser dieses Artikels, die an einer Konferenzteilnahme interessiert sind, können beim EWU-Journal (Adresse siehe Impressum) Informationen anfordern. Auf jeden Fall ist der konsequente Übergang Kanadas zu einer ganzheitlichen betrieblichen (und darüber hinaus gesamtgesellschaftlichen) Gesundheitskultur auch aus deutscher und europäischer Sicht lehrreich und in vielen Punkten nachahmenswert.
* vgl. Malich, Gisela und Malich, Siegfried: Wellness im Unternehmen, in: Die Betriebskrankenkasse, Essen, Nr. 5/1994
|