Fleisch und Darmkrebs
Eine wissenschaftliche Stellungnahmezum Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Darmkrebsrisiko
Ulrike Gonder und Dr.
Nicolai Worm
Zusammenfassung
Bösartige Neubildungen des Dick-
und Mastdarmes (Kolon und Rektum) stellen in Deutschland
bei beiden Geschlechtern die zweithäufigste
Krebs-Todesursache dar, allerdings mit sinkender Tendenz. Da die
Therapiemöglichkeiten noch immer beschränkt sind, wendet man sich
zunehmend der Krebsprävention zu. Als Risikofaktor wird unter
anderem eine fett- und fleischreiche Ernährung angesehen.
Internationale Gremien empfehlen, den Fleischverzehr, insbesondere
den Verzehr von so genanntem "rotem Fleisch" (Rind, Schwein und
Lamm) auf weniger als 80 Gramm pro Tag zu reduzieren und durch
Geflügel und Fisch zu ersetzen.
Diese "Fleisch-Darmkrebs-Hypothese" kann sich auf einige, jedoch
bei weitem nicht alle epidemiologischen Studien stützen. Die bei
einem Teil der Studien gefundenen positiven Korrelationen lassen
eine Assoziation, d.h. einen statistischen Bezug zwischen der
Messgröße "Fleischverzehr" und dem Ereignis "Darmkrebs"
darstellen. Daraus lässt sich jedoch grundsätzlich kein
ursächlicher Zusammenhang ableiten.
Ursächliche Zusammenhänge können nur mittels kontrollierter,
randomisierter Interventionsstudien - möglichst doppelt blind -
überprüft und gegebenenfalls belegt werden. Solche Studien sind
bisher nicht durchgeführt worden, und sie sind aufgrund
methodischer Schwierigkeiten wohl auch nicht realisierbar -
Placebo-Fleisch ist kaum vorstellbar. Auch Vegetarier-Studien
verfügen wegen der großen Unterschiede in verschiedensten
Lebensstilbereichen generell über eine geringe Aussagekraft zu
Effekten des Fleischkonsums.
In dieser Situation sind Dosis-Wirkungs-Beziehungen, plausible
biologische Erklärungsmechanismen für die postulierten
Zusammenhänge sowie konsistente Studienergebnisse besonders
wichtig. Diese Minimalforderungen sind für die
"Fleisch-Darmkrebs-Hypothese" nicht erfüllt. Der Fleischverzehr
sinkt in vielen westlichen Industrieländern seit Jahrzehnten,
während die Darmkrebshäufigkeit stieg.
Selbst im europäischen Vergleich sind dort, wo das meiste Fleisch
gegessen wird, nicht die meisten Darmkrebstoten zu beklagen. Weder
Fall-Kontroll-Studien noch prospektive Studien ergaben ein
einheitliches Bild. Von den acht bisher (Stand 1998)
durchgeführten prospektiven Studien (fünf davon in USA) zu
Fleisch- bzw. Fettverzehr und Darmkrebsrisiko konnten nur zwei
eine signifikante statistische Risikosteigerung feststellen. Alle
anderen Studien ergaben keinen Zusammenhang oder nicht
signifikante Beziehungen. Studien, die seither erschienen sind,
haben dieses Bild nicht verändert. Das individuelle Risiko für
Dickdarmkrebs lässt sich also keinesfalls auf den Fleischverzehr
reduzieren.
Für die "Fleisch-Darmkrebs-Hypothese" findet sich weder die nötige
Konsistenz der Studienergebnisse, noch ein klares
Dosis-Wirkungs-Prinzip. Nicht einmal ein zweifelsfreier,
plausibler Wirkmechanismus kann bis heute beschrieben werden. So
soll Fleisch über eine erhöhte Fettzufuhr das Darmkrebsrisiko
erhöhen. Fett fördert die Produktion von Gallensäuren, die die
Darmschleimhaut schädigen sollen. Allerdings unterscheidet sich
die Gallensäure-Ausscheidung von Patienten und Gesunden nicht.
Zudem sank beispielsweise in Amerika die Fettaufnahme von 42% in
den sechziger Jahren auf etwa 36% im Jahr 1984, während die
Darmkrebshäufigkeit stieg, analoges gilt für Großbritannien und
Deutschland. Auch die Eisen-Hypothese, nach der eine fleischreiche
Kost über den hohen Eisengehalt das Wachstum von Tumoren fördert,
ist nicht belegt. In prospektiven Studien korrelierte das
Darmkrebsrisiko nicht mit der Eisenaufnahme.
Aktuell ist derzeit die Zubereitungs-Hypothese: Beim Erhitzen von
Lebensmitteln, so auch in Fleisch, entstehen potentiell schädliche
Stoffe, wie polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und
heterocyclische Amine (HCA). Im Tierversuch konnte mit HCAs
Darmkrebs erzeugt werden, allerdings mit Mengen, die beim Verzehr
von Lebensmitteln nicht erreicht werden können. Zur Zeit lässt
sich nicht sagen, dass HCA für den Menschen ein großes Risiko
darstellen. Ein Expertengremium des World Cancer Research Fund
urteilte, es gebe "keine überzeugenden Hinweise dafür, dass irgend
eine Zubereitungsmethode das Risiko für irgend eine Krebsart
beeinflusst, noch dafür, dass es irgend eine kausale Beziehung
gibt".
Auch so genannte Nitrosamine, die in der Nahrung und im Körper
entstehen können, sind potente Krebserreger. Ein stark erhöhter
Fleischverzehr kann den Nitrosamingehalt der Ausscheidungen
erhöhen. Ob dies jedoch im Zusammenhang mit einem erhöhten
Krebsrisiko steht, ist derzeit nicht beantwortbar.
Diesen und anderen Erklärungsmodellen ist gemeinsam, dass sie
meist auf Tierversuchen oder Beobachtungen an Zellkulturen
beruhen, dass sie nicht bewiesen sind und dass sie das
Darmkrebsrisiko alleine nicht erklären können.
Zur Klärung der zahlreichen offenen Fragen müsste in den
Ernährungsstudien genauer erhoben werden, welche Art von
tierischen Lebensmitteln in welcher Zubereitungsform gegessen
wurde. Bei der Zubereitung entstehen einerseits potentielle
Krebsauslöser wie HCA. Andererseits ergaben z.B. Marinierversuche,
dass übliche Grillmarinaden das Entstehen der möglicherweise
schädlichen Substanzen um mehr als 90% reduzieren können. Zudem
verringerten die Inhaltsstoffe typischer Fleischgewürze im
Laborversuch die Schädlichkeit potentieller krebserregender
Stoffe. Dies weist darauf hin, dass es einen Sinn hat, Fleisch mit
Kräutern und Senf zu würzen, es vor dem Grillen zu marinieren und
verkohlte Teile abzuschneiden.
Trotz der mangelnden wissenschaftlichen Evidenz wird von
verschiedenen Gesellschaften "Handlungsbedarf" gemeldet. Ihre
Empfehlung zu einer allgemeinen Reduktion des Fleischverzehrs ist
wissenschaftlich unbegründet und basiert allein auf Spekulation.
Ob und wie stark die Darmkrebsinzidenz durch eine Einschränkung
des Fleischverzehrs reduziert werden kann, ist unbekannt.






